Nr. 49/2020 vom 03.12.2020

«Das sind keine Spinner»

Das sozialistische Kuba kam bisher auffällig gut durch die Coronapandemie. Auch die Forschung nach einem günstigen Impfstoff weckt Hoffnung, berichtet der Schweizer Arzt Franco Cavalli.

Von Toni Keppeler

Wieder einmal trotzt der David der Karibik der Gefahr. Kein Land des amerikanischen Kontinents, ganz zu schweigen vom Goliath USA, widersetzt sich der Coronapandemie bisher so erfolgreich wie die sozialistische Insel. Gerade einmal 8000 Infizierte hat es bislang nach von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verifizierten Zahlen gegeben, nicht einmal 150 Tote. Im sehr viel reicheren Belgien, das in etwa genauso viele EinwohnerInnen hat, sind weit über hundertmal so viele Menschen am Virus gestorben.

Trotz wirtschaftlicher Probleme hat Kuba gleich zu Beginn der Pandemie die Grenzen zugemacht und sich damit vom Tourismus, der wichtigsten Einnahmequelle, abgeschlossen. Erst Mitte November wurden die Grenzen wieder geöffnet. Zudem leidet das Land unter einem immer härter werdenden Wirtschaftskrieg der USA. Zuletzt hat Nochpräsident Donald Trump dem Finanzdienstleister Western Union verboten, Überweisungen von AuslandskubanerInnen auf die Insel abzuwickeln.

Man spüre die Krise allenthalben, sagt Franco Cavalli. Der Schweizer Arzt und ehemalige SP-Nationalrat kam kürzlich von einer Kubareise zurück. «Nirgendwo wird die Raumtemperatur heruntergekühlt, nachts brennt kaum eine Strassenlaterne», erzählt er. «Man spart, wo man kann.» Cavalli kam mit einer Sondergenehmigung ins Land. Er sollte sich eine Meinung über den Impfstoff gegen Covid-19 bilden, der in dortigen Laboren entwickelt wird. Kuba hatte das Hilfswerk Medicuba Europa, für das Cavalli unterwegs war, um zwei Geräte für die zweite Testphase gebeten. Mit ihnen können immunologische Reaktionen von Testpersonen, denen der Impfstoff gespritzt worden ist, schnell gemessen werden. 400 000 Euro kosten diese beiden Apparate zusammen.

Hoffnung für arme Staaten

Cavalli fasst sein Urteil über die Entwicklung des Impfstoffs kurz und locker zusammen: «Da sind keine Spinner am Werk, das sind sehr ernsthafte Wissenschaftler.» Kuba hat Erfahrung mit der Entwicklung von Impfstoffen. Der weltweit beste Schutz gegen Hepatitis B oder Hirnhautentzündung kommt aus dortigen Laboren. Der Covid-19-Impfstoff, Soberana 01 genannt, ist derzeit in der klinischen Testphase zwei, noch im Dezember sollen die abschliessenden Massentests beginnen. Die Gesundheitsbehörden rechnen damit, dass sie irgendwann in der ersten Jahreshälfte 2021 damit beginnen können, die Bevölkerung zu immunisieren.

Die kubanischen WissenschaftlerInnen setzen auf einen Impfstoff auf der Basis von Teilen des Virus. Genauer: Sie wollen mit der Spitze der Stacheln des Erregers eine Immunreaktion im Körper der geimpften Personen auslösen. Die Spitze, erklärt Cavalli, gelte als besonders stabil. Das bedeutet, dass ein entsprechender Impfstoff auch vor Mutationen des Covid-19-Erregers schützen könnte. Wenn er hält, was sich die EntwicklerInnen versprechen, ist der Impfstoff nicht nur eine Hoffnung für Kuba, sondern auch für die armen Länder Lateinamerikas. Diese Länder können, was die Preise angeht, schon jetzt bei Medikamenten kaum mitbieten, die unter dem Primat der Gewinnmaximierung produziert werden. Der kubanische Impfstoff soll ausserhalb der Insel über die WHO vertrieben werden.

Erfahrung bei Impfstoffen

Die lange Erfahrung Kubas bei der Entwicklung von Impfstoffen hat ihre Basis in einem Gesundheitssystem, das in erster Linie auf die Verhinderung von Krankheiten ausgerichtet ist und erst danach auf ihre Heilung. HausärztInnen haben sich als Erstes darum zu kümmern, dass in ihrem Stadtteil möglichst wenige Menschen erkranken. Diese Grundausrichtung, die der kapitalistischen Abrechnung medizinischer Dienstleistungen diametral widerspricht, war auch der Schlüssel zum Erfolg bei der Eindämmung der Pandemie. Hausärztinnen und Medizinstudenten gingen aufklärend von Wohnung zu Wohnung. Wer positiv getestet wird, kommt ins Spital und wird dort auch behandelt, unabhängig davon, ob er Symptome zeigt oder nicht. Auch die direkten Kontaktpersonen kommen in Quarantäne, bis ein negatives Testergebnis vorliegt.

Bei der Behandlung von Coronakranken setzt Kuba auf das Protein Interferon und auf weitere das Immunsystem stärkende Wirkstoffe. Interferon wurde in Kuba schon erfolgreich bei der Behandlung von Dengue, Krebs, Hepatitis B und C sowie Sars eingesetzt. ÄrztInnen führen die extrem niedrige Todesrate unter anderem darauf zurück. Auch medizinisches Personal, das direkt mit Coronakranken zu tun hat, wird täglich mit einem interferonhaltigen Nasenspray gestärkt. Es soll bislang noch keine Ansteckungen gegeben haben.

Eine Studie zu diesem Spray in China ergab, dass von 3000 in Krankenhäusern arbeitenden Menschen kein einziger mit Covid-19 infiziert wurde. 500 von ihnen hatten direkt mit Kranken zu tun. Bei einer Vergleichsgruppe ohne Einsatz des Sprays kam es zu über 1000 Infizierten. Trotzdem ist das Medikament von der WHO noch nicht für die Behandlung von Covid-19-Kranken anerkannt.

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