Siebzig Jahre Filmfestival Locarno : Mein Leben als Filmstar

Nr.  31 –

Weltpremiere in Locarno! Das klingt mondän, aber bei manchen Filmen am Festival ist es ganz gut, dass sie gleich wieder vergessen werden. Unser Filmkritiker packt aus.

Grosse Gefühle! Pathos! Romantische Verzweiflung! Aber hat das überhaupt jemand gesehen? FOTO: JUICE IMAGES / ALAMY

Wenn mal wieder irgendein chronisch gekränkter Künstler das staubigste aller Vorurteile über meinen ehrenwerten Beruf auspackt und mir ins Gesicht sagt, als Filmkritiker sei ich doch auch nur ein verhinderter Filmemacher, so kümmert mich das kein bisschen, weil ich weiss, dass das so nicht stimmt. Knapp daneben, sage ich dann nicht ohne Stolz, ich bin ein verhinderter Filmstar.

Unsere Weltpremiere hatten wir in Locarno. Gut, es war nicht gerade die Piazza Grande, aber die Leinwand im Kursaal war breit genug für meine jugendliche Eitelkeit. Für mein Talent als Schauspieler war sie mindestens eine Nummer zu gross.

Immerhin, wir hatten es in den Schweizer Wettbewerb geschafft, und ich spielte die Hauptrolle in dem Film. Typus romantischer Held, unglücklich verliebt, weil seine Liebste einen anderen heiraten soll. Grosse Gefühle! Pathos, schwarzromantisch.

Der Autor und Regisseur, ein Jahr jünger als ich und von derselben Schule, hatte mich im Plattenladen gecastet, als wir dort zufällig die gleiche Platte hörten, es war «Dummy» von Portishead. Fast die gesamte Crew hatte er unter Leuten aufgeboten, die er vom Gymnasium kannte, die meisten mehr oder weniger frisch maturiert, nur der Kameramann war etwas älter und schon auf der Filmschule. Wir drehten in Birchwil und in Winterthur, aber unser Monument Valley war das Valle Onsernone, wo wir die meisten Aussenszenen drehten, zwischen Palmen und Kastanienbäumen.

Warten unter Palmen

Unser Regisseur war die Freundlichkeit in Person, darum waren die Menschen überall gut zu uns. Besonders jenes Basler Ehepaar im Ruhestand, das uns grosszügig seine alte Tessiner Villa oberhalb von Cavigliano öffnete, damit wir im riesigen Garten eine Partyszene drehen konnten. Später, als wir bei einem Nachdreh nochmals etwas südländisches Flair simulieren mussten, durften wir eine Nacht lang ein Palmengeschäft in der Nähe von Winterthur als Kulisse benutzen. Das Kino ist eine Zauberkunst, das lernte ich dort aus erster Hand: Es erschafft eine imaginäre Topografie, in der das Tessin mit dem Palm-Shop in Brütten auf wundersame Weise zu einem dritten Ort verschmilzt.

Auch gelernt damals: Es heisst zwar «Dreharbeiten», aber für einen Schauspieler bestehen die zur Hauptsache aus Drehpausen. So musste ich früh die erste Tugend auf jedem Filmset verinnerlichen: Warten. Und Warten macht müde, erst recht unter Palmen. Ich glaube, ich habe viel geschlafen während des Drehs im Tessin.

Aber als Schauspieler musst du natürlich auch Opfer bringen. Wobei, ein Opfer war das nicht wirklich, dass ich eigens für den Film noch die Autoprüfung nachholte. Kann man ja ganz gut gebrauchen, im echten Leben. Die Szenen im Wagen waren allerdings richtig kriminell – erst recht mit einem Neulenker am Steuer, der einen jungen Heisssporn in blinder Verzweiflung mimen musste.

Nachts auf der Gebirgsstrasse

Ein Tessiner Autohändler hatte uns einen altersschwachen Chevy oder Pontiac überlassen, so eine Vintage-Karosse aus dem Land der Verfolgungsjagden, die dann noch vor Drehschluss den Geist aufgab. Mag sein, dass meine, sagen wir, nur bedingt geschmeidige Fahrweise daran nicht ganz unschuldig war. Ich sollte drum, so stand es nun mal im Drehbuch, wie ein Irrer durchs Tal fahren und mir dabei allen Herzschmerz von der Seele schreien. Und zwar nicht irgendwo, sondern auf der abenteuerlich gewundenen Gebirgsstrasse im Valle Onsernone, einmal auch in stockdunkler Nacht. Drehgenehmigung? Brauchten wir nicht, gab ja nur wenig Verkehr. Stuntman? Konnten wir uns nicht leisten.

Also Action: auf offener Strasse das Gaspedal durchdrücken, meine tief empfundene romantische Verzweiflung gegen die Windschutzscheibe brüllen – dann aber bitte rechtzeitig wieder aus der Rolle fallen und vor der nächsten Kurve schön vernünftig abbremsen. Und auf der nächsten Geraden dann alles wieder von vorn. Neben mir sass der Kameramann oder der Regisseur, auf dem Rücksitz unser Tonmann. Ich an ihrer Stelle wäre gestorben vor Angst.

Waren wir versichert? Ich weiss es nicht. Wir waren jung, da braucht man keine Versicherung.

Und dann also: Weltpremiere in Locarno! Es war das Jahr, als Daniel Schmid mit dem Ehrenleoparden ausgezeichnet wurde, im internationalen Wettbewerb liefen die neusten Werke von Leuten wie Noémie Lvovsky, Christof Schertenleib oder Rosa von Praunheim, und der Goldene Leopard, so weiss Wikipedia, ging am Ende an einen Film namens «Peau d’Homme, Cœur de Bête». (Nein, sagt mir auch nichts.)

Schweigen im Saal

Aufgeregt wie die Kinder sassen wir da, als im Kursaal das Licht ausging. Unser Film war schon auch ziemlich ambitioniert, sogar eine literarische Vorlage hatte er: die «Bluthochzeit» von Federico García Lorca, aber aufgeputscht zur romantischen Pop-Oper, wie das Baz Luhrmann ein paar Jahre davor mit «Romeo + Juliet» vorgemacht hatte. Abendfüllend? Nicht direkt, die ganze Tragödie war bei uns resolut eingedampft auf zwanzig Minuten. Unser Film war ein Kurzfilm.

Locarno war und ist bekanntlich ein Festival der Entdeckungen, wie der Präsident und sein künstlerischer Direktor auch heute nicht müde werden zu betonen. Was sie dabei verschweigen: dass einige Entdeckungen danach gleich wieder vergessen werden. Und dass das bei manchen vielleicht auch ganz gut ist so.

Unsere Premiere war also durch, es lief der Abspann, und es passierte: nichts. Für alle anderen Filme in unserem Programm gabs Applaus. Mal beherzt, mal dürftig, aber immer wurde geklatscht. Nur bei unserem blieb es still. Das lag gewiss nicht nur an mir, vielleicht waren wir unserer Zeit auch einfach weit, weit voraus. Die Reaktion war wohl das, was man ein betretenes Schweigen nennt, aber der Regisseur korrigiert mich: Es sei, erinnert er sich, schlicht niemand mehr im Saal gewesen, der oder die hätte applaudieren können.

Was seither geschah? Die Musicbox, so hiess der Plattenladen, gibt es längst nicht mehr, sie ist schon früh ins Internet abgewandert. Unser erster Tonmann ist Tonmeister geworden, der andere Psychiater. Die weitaus Jüngste von allen, die schon damals mehr drauf hatte als wir alle, die wir uns vor der Kamera verausgabten, sie ist Schauspielerin geworden. Und der Regisseur? Der machte die Filmschule in London, und jetzt, bald zwanzig Jahre nach jener unbeklatschten Premiere in Locarno, pendelt er zwischen der Schweiz und Hollywood. Auch dank Locarno wurden wir, was wir sind.

A star is born? So gesehen war ich eine Totgeburt.