Nr. 23/2016 vom 09.06.2016

Wie eine Salve aus Emoticons

Wie kann man nur dem Plastikpop von Sängerinnen wie Tegan and Sara oder Kristin Kontrol erliegen? Unser Kritiker versucht, sich zu rechtfertigen.

Von Florian Keller

Andere klingen immer vernünftiger, je älter sie werden: Tegan and Sara.

Sind die echt? Das muss irgendein fieser Algorithmus sein, der diese beiden Mädchen errechnet hat und ihren Plastikpop gleich mit dazu, um die Zeiten durcheinanderzubringen. Haben wir wieder 1983, oder ist es schon 1984?

Wie sie schon aussehen: Tegan and Sara, zwei identische Retroavatare, geklont aus Versatzstücken der Eighties. In den Videos zu «U-Turn» und «Boyfriend» tragen sie Wetlook und Lederjacke, oder auch ein weisses Jackett mit knallroten Verkehrsschildern. Der Lidschatten schillert neonfarben, als wäre er mit Airbrush aufgetragen worden. Dazu versprüht ihr Sound synthetisches Konfetti, und spätestens im Refrain klingen sie, als hätten sie eine Plastikente verschluckt. Also wie Madonna, bevor sie interessant wurde. Ihr neues Album heisst «Love You to Death». Bonbonpop bis in die verklebten Haarspitzen, 31 Minuten kurz. In den besten Momenten klingt das wie eine Salve aus Emoticons: zum Davonlaufen, aber zu spät, sie haben dich schon umgehauen. Zum einen Ohr hinein und nie wieder raus.

Gefühle wie Abziehbilder

Sind die echt? Die Frage ist natürlich falsch gestellt, schliesslich sind wir hier in der Popdisco, nicht in einer Authentizitätskirche. Kinder sind sie auch schon lang nicht mehr, die Schwestern Tegan und Sara Quin, aber natürliche Klone sind sie tatsächlich: eineiige Zwillinge aus Calgary, 35 Jahre alt, beide lesbisch. Ihren ersten Plattenvertrag haben sie einst mit 19 bekommen, beim Label von Neil Young. Die Teenager, die er damals unter Vertrag genommen und als Vorband gebucht hatte, sind heute, sechs Alben später, nicht wiederzuerkennen. Gitarre aus, Elektronik hochgefahren: Wo früher geschrammelt wurde, perlen jetzt digitale Arpeggien. Aus aufgekratztem Indierock ist kristalline Popmusik fürs Stadion oder den Kindergeburtstag geworden: Kaugummi statt Bier und Zigaretten, gleissende Oberflächen statt hemdsärmeligen Rumpelns.

Und: Gefühle wie Abziehbilder. Wie in «Boyfriend», wo der Mann im Titel nur Statist ist. Es ist das Liebeslied einer Frau, die ultimativ die Anerkennung von ihrer Geliebten einfordert, weil sie neben deren Boyfriend nicht weiter als heimliche Affäre behandelt werden will. In zehn mal drei Minuten spielen die Schwestern so das kleine Einmaleins der Popmusik durch. Und ihre einzige Hypothek ist, dass sie mit «U-Turn» und «Boyfriend» zwei so perfekte Hits am Start haben, dass diese den ganzen Rest des Albums überschatten.

Andere klingen immer vernünftiger, je älter sie werden, und am Ende eines solchen Reifeprozesses lauert der natürliche Feind des Pop: Erwachsenenmusik! Tegan and Sara haben sich umgekehrt entwickelt: Künstlerisch gereift, klingen sie heute jugendlicher denn je.

Das könnte man auch von Kristin Welchez sagen, nur dass die Reife zum glatt polierten Pop bei ihr mehr wie ein Stunt wirkt. Als Sängerin der kalifornischen Dum Dum Girls zelebrierte sie Surfpop mit reichlich Kajal an den Rändern. Jetzt nennt sie sich Kristin Kontrol und will uns ausgerechnet mit synthetischem Retropop ihr wahres Gesicht offenbaren. «X-Communicate» heisst ihr Album, und der grandiose Titelsong zeigt schamlos, wo es langgeht: vorwärts in die Vergangenheit. Ein Maschinenbeat schlägt den Marsch, die Synthesizer tänzeln schwerelos zwischen Human League und den frühen Talk Talk, und am Ende schickt der Bass einen Gruss in Richtung New Order. Dazu singt sie von der Liebe, fragt: Sollen wir sie beenden oder damit warten, für immer und immer? Eine Beziehung, gefangen in der Zeitschlaufe, und genauso klingt die Musik.

Stilistisch also genau das, was die Popkritiker Simon Reynolds und Mark Fisher so depressiv macht: ein Derivat der Achtziger und Neunziger als musikalisches Symptom davon, dass unsere Zeit ihren kulturellen Eigengeschmack verloren habe. Im gleichnamigen Buch hat Reynolds dafür den Begriff «Retromania» geprägt, der seinerseits zum Modewort geworden ist – ein Begriffsreadymade für den bequemen Befund, dass die Popkultur in der Sucht nach der eigenen Vergangenheit erlahmt sei.

Die Grenzen solcher Kritik kann man gerade an Kristin Kontrol oder Tegan and Sara testen. Das Entscheidende ist nicht so sehr, dass sie in gewisser Hinsicht wie Wiedergängerinnen aus den Achtzigern wirken, nachdem die Software aktualisiert wurde. Sondern dass sie mit ihren Hits die Popmusik von damals frisieren. Die Frage, wie sehr das retro ist oder nicht, erledigt sich dabei wie von selbst.

Die bessere Version

Denn wer in Songs wie «X-Communicate» oder «U-Turn» bloss die Kopie von dem hört, was schon mal war, denkt selber geschichtslos. Hier gehts nicht darum, billige Nostalgie für eine Zeit zu wecken, die das womöglich nicht verdient hat, sondern darum, die Vergangenheit durch eine bessere Version zu überschreiben. So wie das Tegan and Sara tun, wenn sie in «Boyfriend» in aller Selbstverständlichkeit ein queeres Beziehungsdreieck in die Hitparade tragen.

Wer seine Kindheit in den mittleren achtziger Jahren durchlebte, hat ja das Problem, dass er oder sie mit wahnsinnig viel schlechter Plastikmusik aufgewachsen ist. Tegan and Sara docken an den Retortenpop unserer Kindheit an, um ihn besser zu machen. Wir sollten ihnen dafür danken.

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