Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Man merkt, dass er meditiert

Das neue Album «A Moon Shaped Pool» zeigt, was Radiohead ausmacht: die geniale Zusammenarbeit von Sänger Thom Yorke und Komponist und Multiinstrumentalist Jonny Greenwood. Und die Geister der Liebe.

Von Bettina Dyttrich

Anspielung auf populistische Hetze oder harmlose Spielerei? Das neue Radiohead-Video «Burn the Witch».

Diesmal ging es schnell. Ein heiter-unheilschwangeres Animationsvideo am Donnerstag, ein verlorener Thom Yorke in der Tiefgarage am Freitag, am Sonntag war das neue Radiohead-Album da.

Klingt es anders? Neu? Der Musikjournalist Simon Reynolds hat eloquent gegen die «Retromania» argumentiert, und natürlich gibt es Retro, der nicht nur nerv-, sondern auch seelentötend ist. Trotzdem ist die Klage über das fehlende Neue im Pop langweilig geworden. Was als Popmusik gilt, hat mit Songstrukturen, Rhythmen, Instrumenten zu tun. Innerhalb dieser Grenzen gibt es nicht unendlich viele Möglichkeiten. Klar kann man diese Grenzen sprengen, aber das Resultat ist irgendwann nicht mehr als Pop erkennbar. Was auch egal ist – aber die Diskussion im Kreis führt. Und ist das Neue überhaupt entscheidend? Warum klingt der gleiche, tausendmal gehörte Song von einer Band herzzerreissend, von der anderen todlangweilig?

Erinnerungen an nie Erlebtes

Weil das Entscheidende am Pop nicht die Songstrukturen sind, sondern etwas viel schwerer Fassbares. Flüchtige Dinge am Rand des Blickfelds (Hörfelds?), die verschwinden, wenn man darauf achten will. Stimmen, die Erinnerungen an nie Erlebtes auslösen. Geister in allen möglichen Definitionen. Auf Englisch, der präziseren Popsprache, gibt es ein halbes Dutzend Wörter für Geister. Sie passen zu Radiohead – vom zwanzig Jahre alten, vom nigerianischen Schriftsteller Ben Okri inspirierten Song «Street Spirit» bis zu «Spectre», der abgelehnten James-Bond-Titelmelodie, die die Band diesen Winter ins Netz gestellt hat.

Der Geist, der das neue Album «A Moon Shaped Pool» verfolgt, ist eine vergangene Liebe. Thom Yorke hat sich letzten Sommer von seiner Partnerin getrennt – nach 23 Jahren und «in perfekter Freundschaft», wie er versicherte, um den Boulevardmedien zuvorzukommen. Es geht in diesen Songs oft um Liebe – unbeholfen, widersprüchlich, reduziert aufs Haiku. Vieles ist reduziert in Yorkes neuen Texten; man merkt, dass er meditieren gelernt hat. Das ist nicht zynisch gemeint. Songs wie «Desert Island Disk» und «Glass Eyes» strahlen eine glasklare Traurigkeit aus, die man nicht mit Resignation verwechseln sollte. Sie ist das Gegenteil.

Und ausgerechnet auf dieses Album kommt nun «True Love Waits», ihr uraltes, prototypisches Liebeslied, das die Band immer wieder aufzunehmen versuchte, wobei sie mit dem Resultat nie zufrieden war. Aus der Gitarrenballade ist ein minimalistisch-elektronisches Klavierstück geworden, und es tut weh. Das heisst, es funktioniert. «I’ll drown my beliefs to have your babies» – die «Babys» sind inzwischen elf und fünfzehn Jahre alt. Die vergangene Liebe stehen lassen, ohne sie abzuwerten: Ist das möglich? Es scheint so.

Die Streicher!

Im Vordergrund stehen Popmelodien, genau am richtigen Ort zwischen eingängig und nicht erwartbar. Aber Radiohead-Songs haben mindestens drei Dimensionen, und der Hintergrund ist genauso wichtig. Dieses Flirren in «Deck’s Dark», von dem sich nicht mehr sagen lässt, von welchem Instrument es kommt. Diese Stimmen, die sich aus anderen Dimensionen in die Songs einmischen. Und vor allem: die Streicher. Thom Yorke schreibt auch allein berührende Songs, aber was seinen Aufnahmen fehlt, sind diese Klänge, Texturen, Tiefen – das ist Jonny Greenwoods Arbeit. Der komponiert in seiner Freizeit vor allem Orchestermusik – und eben: Das ist kein Pop mehr. Ausser wenn er das London Contemporary Orchestra für Radiohead arrangiert. Und es immer genau im richtigen Moment in die Dissonanz kippen lässt.

Greenwood kann Noten lesen und schreiben, Yorke nicht. Greenwood ist der mit den Streichern und den seltsamen Instrumenten wie den Ondes Martenot, Yorke ist der mit der ausserirdischen Stimme und den Beats. Zusammen sind sie viel mehr als die Summe ihrer Teile.

Der Vergleich mit dem Duo John Lennon und Paul McCartney drängt sich auf. Aber was Jonny Greenwood mit dem Orchester anstellt, geht über die Beatles hinaus. Denn sorry – auch wenn das jetzt einen Familienkrach auslöst: So richtig genial war von denen sowieso nur «Revolver».

Als Download auf www.radiohead.com, Vinyl und CD ab Juni erhältlich auf www.amoonshapedpool.com.

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