Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

Feld-Wald-Wiese am Alten Hafen

Unter den Anhängern des englischen Nationalteams gibt es kaum mehr organisierte Hooligans. Trotzdem gelten sie bis heute als legitimes Angriffsziel – wie rund um das Spiel gegen Russland. Anatomie eines gewalttätigen Wochenendes.

Von Daniel Ryser

«Es ist doch wichtig, dass du deinen Gegner gegen den Kopf trittst – sonst steht er ja gleich wieder auf»: Russische Hooligans prügeln auf einen Engländer ein, Marseille, 11. Juni. Foto: Carl Court, Getty

Immer wieder Ärger mit englischen Fussballfans, war man auch nach diesem Wochenende geneigt zu sagen: Die saufen, provozieren, dann brüllen sie irgendeinen rassistischen Spruch, schmeissen ein paar Bierflaschen auf Polizisten und verprügeln einen wehrlosen Passanten. Kennt man ja nicht anders. Und in der Tat, auf Youtube kann man unter anderem genau das beobachten: Ein Engländer stürmt am vergangenen Freitag in Marseille aus dem Tränengasnebel heran und schlägt einem Mann, der zwei Tüten in den Händen hält, aus vollem Lauf einen linken Haken gegen die Schläfe. Der Mann bricht zusammen und bleibt regungslos liegen.

In den folgenden Stunden kam es zu weiteren vereinzelten Schlägereien zwischen einigen englischen und französischen Hooligans. Ein Engländer wurde von Franzosen vermöbelt und ins Hafenbecken geworfen. Dort ruderte er betrunken mit den Armen, bis ihn einige Leute aus dem Wasser zogen. Tags darauf, am Tag des Spiels zwischen England und Russland, ging es richtig los: Rund 150 russische Hooligans griffen am Alten Hafen von Marseille englische Fans an, mehrere Personen wurden schwer verletzt. Dann stürmten dieselben Hooligans im Stadion einen Familiensektor. Panik brach aus. Keine Polizei weit und breit. Wer waren diese Hooligans? Warum gingen sie derart brutal gegen die Engländer vor? Und warum waren die Engländer nicht in der Lage oder nicht gewillt, dieser Gewalt etwas entgegenzusetzen, wo sie doch selbst einen ziemlich üblen Ruf haben?

Geister aus der Vergangenheit

Doch dass die Engländer überrannt wurden, ist keine Überraschung. Denn die Tage, in denen notorische englische Hooligans an Spielen ihrer Nationalmannschaft organisiert auftraten, sind längst vorbei. Wenn man die üblichen spontanen Provokationen, Pöbeleien und Kneipenschlägereien abzieht, die wahrscheinlich für immer eine Begleiterscheinung grösserer Fussballanlässe sein werden, dann fand der letzte grosse, organisierte und brutale Auftritt englischer Hooligans an einem grossen Turnier von 1998 statt – und zwar hier in Marseille während der Weltmeisterschaften (weswegen sich die lokalen Hooligans im Vorfeld gerüstet hatten). Damals, rund um das Spiel zwischen England und Tunesien, veranstalteten englische Hooligans eine stundenlange Menschenjagd auf alles, was ihnen nicht arisch schien oder nicht rothaarig war. Dafür gingen einige englische Hooligans in den Knast. Nach Krawallen an der Euro 2000 war dann Ruhe.

Was die Engländer bis heute, immer und immer wieder, egal ob in der Champions League 2007 in Rom oder 2010 bei der EM-Qualifikation in der Schweiz, zum scheinbar legitimen Ziel macht, zu Trophäen, die es anzugreifen gilt und deren Schmach es wie jüngst mit am Körper montierten Go-Pro-Kameras festzuhalten gilt: Das sind die Geister aus der Vergangenheit, die bis heute im kollektiven Gedächtnis festsitzen, Geister, von denen sich die Medien nicht lösen können, die Polizei nicht, aber auch die gegnerischen Hooligans nicht, die wie die Russen alles aufbieten, wenn es gegen die Engländer geht. Es sind zum Beispiel die Bilder von der Katastrophe 1985, als Liverpooler Hooligans im Brüsseler Heysel-Stadion den Familiensektor stürmten und 39 Menschen in der folgenden Panik starben. In Marseille war es ja genau umgekehrt: Russische Hooligans stürmten den Familiensektor, die Engländer flüchteten.

Dieses Bild wiederum sagt viel darüber aus, wie sehr sich einerseits das englische Publikum verändert hat, aber eben auch darüber, wie sich das Bild seiner Gegner nicht verändert hat. Immerhin waren es die Engländer, die den Hooliganismus erfunden hatten. Und die achtziger Jahre in England waren überschattet von einer enthemmten, extremen und häufig extrem rassistischen Gewalt, die nicht nur in Heysel Tote forderte. Auch den Russen waren die Engländer Vorbild, bis zu den Kleidermarken, die heute überall in der Szene getragen werden. In Russland aber etablierte sich der Hooliganismus erst in den späten Neunzigern, als er in England bereits auf dem absteigenden Ast war.

Man kann es in Dokumentationen sehen und in Berichten lesen über die legendären und berüchtigten englischen «hooligan firms» aus Millwall, Chelsea, West Ham, Manchester: Die Repression hat sie streckenweise fast zum Verschwinden gebracht – wenn auch zum Beispiel die Chelsea Headhunters 2014 in einer ähnlichen Weise wie jetzt die russischen Hooligans in Paris im Vorfeld des Champions-League-Viertelfinals wie aus dem Nichts auftauchten und sich stundenlange Schlägereien mit Hooligans von Paris Saint-Germain lieferten. Hier war den Headhunters gelungen, was ihnen bei den Spielen der Nationalmannschaft längst nicht mehr gelingt: Sie waren via Belgien nach Frankreich gereist und so vom Radar der Behörden verschwunden. Anders bei Begegnungen der Nationalteams, vor allem bei Welt- und Europameisterschaften. Die Engländer wurden in Marseille ja auch deshalb derart schonungslos durch die Strassen gejagt, weil die englischen Behörden im Gegensatz zu ihren französischen und russischen Kollegen als Einzige ihren Job gemacht hatten: Sie hatten im Vorfeld über 2000 Ausreiseverbote für Hooligans ausgesprochen und deren Pässe eingezogen, darunter auch jenen von James Shayler, der im Mai dazu aufgerufen hatte, sich mit russischen Hooligans zu verbrüdern und in Marseille gemeinsam Jagd auf Muslime zu machen.

Eine komplizierte Konstellation

Der überwiegende Teil der englischen Fussballreisenden sind saufende Daddys, von denen einige durch langjährige Tresenerfahrung in Liverpool oder im Londoner East End sicherlich raue Sitten gewohnt sind und sich wohl auch schnell provozieren lassen, wenn der Alkohol seit Stunden in Strömen geflossen ist – Daddys aber auch, die nicht der Nationalmannschaft hinterherfahren mit dem Ziel, sich zu prügeln.

Die englischen Polizisten wussten das, doch gestanden ihnen ihre französischen Kollegen keine Kompetenzen zu – dies obwohl die Engländer seit Dezember vor der komplizierten Kombination England gegen Russland im historisch belasteten Marseille gewarnt hatten. Stattdessen zeigten sich die Franzosen als Meister darin, wie man eine angespannte Situation komplett eskalieren lassen kann: Als sich einige Engländer und Franzosen zu provozieren begannen, deeskalierten die Beamten nicht, stattdessen schossen sie mehrmals und immer wieder Tränengasgranaten in tausende von friedlich feiernden englischen Fans hinein (und später, im Stadion, verzichteten sie darauf, die Sektoren abzusperren). «Im Vorfeld der Euro hatte die französische Polizei einen extremen Sicherheitsapparat hochgefahren, hatte mit dem zweifelhaften Verweis auf den Ausnahmezustand Hunderte Auswärtsfahrten von französischen Fans verboten – und nun, im Angesicht dieses Hochrisikospiels, schienen die Polizisten zu streiken», sagte Pavel Klymenko, der für das Netzwerk Football Against Racism in Europe (Fare) als Beobachter vor Ort war.

Spezielles Fairplay

Und dann kamen die Russen. Gerade einmal zwei Dutzend Namen hatten die russischen Behörden den Franzosen zukommen lassen – fünf von diesen sassen dann trotzdem im Charterflugzeug der offiziellen russischen Fanvereinigung, deren Präsident selbst ein rechtsradikaler Hooligan ist. Jene fünf wurden an der Grenze zurückgeschickt.

Doch es gab auch andere Wege, ins Land zu kommen: Pavel Klymenko sah in Marseille einen gemieteten Minibus voller russischer Hooligans mit Schweizer Kennzeichen.

«Wären die Russen in Marseille auf organisierte Hooligans getroffen, hätten sie es wohl untereinander ausgetragen», sagte Klymenko. «Doch die gab es nicht. Also attackierten sie alle anderen mit grosser Brutalität.» Wenn sich mal einer zur Wehr setzte, wurde er von mehreren Leuten zu Boden geschlagen und so lange gegen den Kopf getreten, bis er sich nicht mehr rührte. Ein Engländer liegt im Koma.

Diese hochgezüchteten Maschinen, wie sie jetzt in den Medien beschrieben werden, Männer also, die für den Hooliganismus regelmässig Kampfsport treiben, sind jedoch keine russische Eigenheit. Es gibt sie zum Beispiel auch in der Schweiz. «Feld-Wald-Wiese»: Der Ursprung dieser so benannten verabredeten Schlägereien abseits von Spieltagen liegt in der staatlichen Repression, die seit ein paar Jahren auch die Hooligans in Russland zu spüren bekommen: Man verabredet zum Beispiel einen Kampf dreissig gegen dreissig. Es gewinnt, wer zuerst alle Gegner niedergeschlagen hat.

Das mag jetzt bizarr klingen, aber diese Hooligans, die am Boden liegende Gegner gegen den Kopf treten, verstehen sich als faire Sportsmänner. Aufgrund der Vorfälle in Marseille habe ich Notizen zu einem Gespräch ausgegraben, das ich 2014 mit ukrainischen Hooligans von Dynamo Kiew führte. Sie alle waren erfahrene Feldkämpfer. Alex, einer von ihnen, sagte damals: «Man kämpft mit sauberen Händen, das heisst ohne Waffen. Und man kämpft so lange, bis die anderen sich nicht mehr rühren. Wir sind Sportsmänner. Die Kämpfe sind fair, werden genau abgezählt.» Dann fragte er mich fast ungläubig: «Stimmt es, dass man in deinem Land nicht gegen die Köpfe der Gegner tritt, wenn die am Boden liegen? Das klingt nach einem homoerotischen Tänzchen. Denn es ist doch sehr wichtig, dass du im Kampf deinen Gegner gegen den Kopf trittst, bis er sich nicht mehr rührt. Sonst steht er ja wieder auf und attackiert dich, und die ganze Mühe war umsonst. Du trittst ihn gegen den Kopf, bis er sich nicht mehr rührt. Danach schüttelst du Hände. Fairplay.»

Radikales Kampfsportverständnis

Alex war nicht das, was man unter einer aufgepumpten Kampfmaschine versteht. Wie auch sein Kumpel Bohdan* nicht. Der junge Mann galt damals in Kiew als einer der härtesten Feldkämpfer. Er sagte: «Als sich Mitte der nuller Jahre in Russland und in der Ukraine die Hooliganszene etablierte, waren Drogen und Alkohol verbreitet. Als die Szene immer mehr in die Wälder, auf die Wiesen und auf die Felder vertrieben wurde, fand ein Umdenken statt. Betrunken hast du auf dem Feld keine Chance. Ich trainiere fünfmal in der Woche Kickboxen.» Dann schauten wir ein paar Videos von ihren Kämpfen: Bohdan stürmte vorneweg, ohne Rücksicht auf eigene Verluste, mitten in die anderen hinein. Seine Leute folgten dicht in Formation. Und wer zu Boden geschlagen wurde, der wurde zusammengetreten.

Und das ist es, was in Marseille passiert ist – man kann es auf den Videos sehen: Feld-Wald-Wiese am Alten Hafen. Die russischen Hooligans bewegten sich in Kampfformation durch die englischen Schlachtenbummler. Anders ausgedrückt: Ein extrem organisierter, kampferprobter Schlägertrupp arbeitete sich durch einen Haufen unorganisierter, seit Tagen trinkender und feiernder Engländer. Und wer sich wehrte, wurde geschlagen und getreten, bis er sich nicht mehr rührte.

Aber natürlich ist das, was diese Woche in Marseille passiert ist, nicht «Fairplay», keine vereinbarte Schlägerei unter seinesgleichen: Wer als organisierter Kampfsporttrupp gezielt vereinzelte Kleingruppen unorganisierter Betrunkener angreift und jenen, die sich dann wehren, so lange auf dem Kopf herumtrampelt, bis sie sich nicht mehr rühren, wird von keinem Gericht mildernde Umstände erwarten dürfen.

* Name geändert.

WOZ-Reporter Daniel Ryser ist Autor des Buchs «Feld-Wald-Wiese. Hooligans in Zürich». Echtzeit Verlag. Zürich 2010.

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