Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

Zürich stinkt nicht. Oder doch?

Versprochen war eine kritische künstlerische Stadtbetrachtung. Doch das Grossspektakel Manifesta 11 ist den herrschenden Verhältnissen auf den Leim gegangen.

Von Daniela Janser

Flache Einsichten zwischen Blumenduft und subversiver Scheisse: Manifesta-Kurator Christian Jankowski an der Eröffnungsparty. Foto: Edward Metzler, Manifesta 11

Die Kunst ist weitgehend ein kapitalförmiges Spekulationsobjekt geworden. Früher postulierte der avantgardistische Furor die Sprengung von alten und die Durchsetzung von neuen ästhetischen Formen. Heute fordert man bloss noch die Erschliessung neuer KunstkonsumentInnenschichten. So hat der russische Kulturanalytiker Boris Groys vor dreizehn Jahren im Zürcher Schiffbau das Verhältnis von Kunst und Kapital seziert. Kunst «bi dä Lüt» also, aufgebrezelt zum Event, mit laut trommelnden Medienpartnern und Würdenträgerinnen im Schlepptau.

Christian Jankowski, der deutsche Künstlerkurator der soeben in Zürich eröffneten elften Auflage der europäischen Wanderbiennale Manifesta, argumentiert entsprechend niederschwellig: «Zürich und ich haben eine gemeinsame Schwäche: Wir lieben Kunst, und wir lieben Berufe. So kam ich auf die Idee, einen anderen Zugang zu einem anderen Publikum über die Berufe zu ermöglichen.» Seine Manifesta trägt den Titel «What People Do for Money – Some Joint Ventures» (Was Menschen für Geld tun – ein paar Gemeinschaftsprojekte) und gruppiert sich um dreissig Begegnungen zwischen KünstlerInnen und einheimischen Berufstätigen. Jede dieser Kooperationen und ihre soziokünstlerischen Resultate sind in dreifacher Ausführung über die Stadt verteilt zu sehen. Eine Version der Werke ist – zu teilweise sehr komplizierten Öffnungszeiten – im Arbeitsumfeld der GastgeberInnen zu besichtigen: im Feuerwehrdepot, im Spa, in einer Kläranlage, Klinik oder Kirche. Eine weitere Variante steht in den Ausstellungsräumen von Helmhaus und Löwenbräuareal neben einer eher beliebigen Auswahl weiterer Kunstwerke zum Thema Arbeit.

Abgehobene Berufsauswahl

Zu jeder Begegnung gibt es ausserdem einen Making-of-Film zu sehen, der in einem extra für die Manifesta gebauten, im Zürcher Seebecken schwimmenden Holzpavillon mit Bar und Bademöglichkeit gezeigt wird. KünstlerInnen treffen in diesen von Zürcher SchülerInnen in Gratisarbeit gedrehten Erklärfilmchen auf Bestatter, Opernsänger, Hundecoiffeusen, Sex- und Psychotherapeutinnen, Polizisten, Rollstuhlsportlerinnen, Uhrmacher, Bankerinnen, Ingenieure und Zahnärztinnen. Übers Ganze gesehen wirkt diese Berufspalette ausgefallen bis abgehoben. Wo sind die Migros-Kassiererinnen und Bauarbeiter, die Reinigungsangestellten und Krankenpflegerinnen? Und was ist mit Themen wie Arbeitslosigkeit, Prekariat, Lohnschere? Wo bleiben die inoffiziellen Ökonomien?

Die Manifesta wurde in den neunziger Jahren als politische Wanderbiennale gegründet. Ihr erklärtes Ziel ist es, die neue europäische Ordnung nach dem Kalten Krieg mit künstlerischem Feinsinn von den Rändern her zu beleuchten. Man war schon in Trentino, Südtirol, und in einem stillgelegten Bergwerk im belgischen Genk zu Gast. Die Manifesta in Zyperns Hauptstadt Nikosia von 2006 musste wegen politischer Differenzen abgesagt werden. Vor zwei Jahren kam es in Sankt Petersburg zu Clashs mit Putins Russland. Nächste Station ist Palermo. Das nicht gerade randständige Zürich ist in dieser Reihe der Austragungsorte erklärungsbedürftig. Mit Ach und Krach wurde irgendwas à la «mitten in Europa, aber politisch im Abseits» zurechtgebastelt. Auf diesen speziellen Status verweisen nun allerdings bloss ein paar flapsige schweizerdeutsche Kunstvideos mit englischen Untertiteln als sprachlicher Ausnahmezustand.

Was beim Gang durch die Manifesta irritiert, ist aber nicht primär die Verzerrung der eigenen konzeptuellen Idee, sondern die Untiefe der Gedanken und künstlerischen Umsetzungen. Dazu gehört auch die oberflächliche Beschäftigung mit der Stadt als aktuellem, kapitalistisch zugerichtetem Raum. Zürich wird in den Statements von Stadt, Kurator und Manifesta-Direktion höchst erwartbar als potente, kunstaffine, internationale Finanzmetropole beschrieben. Mit dem geschärften Aussenblick der Kunstbiennale wolle man der Stadt nun einen kritischen Spiegel vorhalten. Stattdessen ist man der herrschenden Hegemonie auf den Leim gegangen.

Unfreiwillige Symbolik

So betont Kurator Jankowski in Interviews, wie spannend er die Idee der Zünfte finde. Er beschreibt sie als eingeschworene Handwerkervereine, die prägend für die Entwicklung der Stadt waren. Ohne Umschweife wurde diese flache Einsicht in eine exklusive KünstlerInnenzunft übersetzt. Diese ist im Cabaret Voltaire beheimatet, wo die DadaistInnen vor hundert Jahren ein sehr offenes Haus führten. Zutritt hat nur, wer eine Performance wagt und vom Zunftmeister als KünstlerIn zugelassen wird. Bloss, was sagt uns das nun über die Finanzmetropole im 21. Jahrhundert und über die alten mächtigen Männerbünde mit ihren zünftigen Ausschlussmechanismen, auf denen sie fusst? Und warum lässt sich der französische Starautor und Kettenraucher Michel Houellebecq im Rahmen eines weiteren Joint Venture ausgerechnet in der teuren Hirslanden-Klinik medizinisch durchchecken? Weshalb muss ein Spitzenkoch im Zeichen der Kunst Imbissbuden entern? Wo bleibt da der Erkenntnisgewinn?

Unfreiwillig symbolisch wirkt das Resultat der Zusammenarbeit des aus der Versenkung geholten spanischen Grosskünstlers Maurizio Cattelan mit der Rollstuhlsportlerin Edith Wolf-Hunkeler. Cattelans Vision war es, die Frau im Rollstuhl wundersam über den Zürichsee gleiten zu lassen. Nichts weniger als Jesu Gang übers Wasser wurde als Vergleichsgrösse herbeizitiert. In Realität bot die Uraufführung dann eine schwerfällige Fortbewegung per Rollstuhlhandantrieb auf einer gut sichtbaren, wackligen Flosskonstruktion.

Irgendwie geglückt ist dagegen Mike Bouchets Gemeinschaftswerk mit einem Ingenieur des Zürcher Klärwerks Werdhölzli. Die gesammelten Fäkalien eines Achtstundentages wurden monatelang aufwendig zum Ausstellungsobjekt aufbereitet. Aufschlussreich wirken insbesondere die Versuche, den Geruch zu entschärfen. Dabei entstand ein fast noch üblerer, jedenfalls höchst eigenartiger Mischgestank aus Dung und Desinfektionsmitteln, der nun nicht nur die BesucherInnen, sondern auch die Presse und die AnwohnerInnen umtreibt. Der Versuch, neue KunstfreundInnen zu gewinnen, indem man ihnen die chemisch bearbeitete eigene Scheisse vorsetzt – das hat tatsächlich etwas Subversives.

Die Manifesta 11 läuft noch bis am 18. September 2016 in Zürich und Winterthur: www.m11.manifesta.org/de.

Kunstprekariat

What people do for wenig Geld

Zwei Blogs haben kurz vor Eröffnung der Manifesta 11 die Lohn- und Budgetpolitik der europäischen Kunstbiennale heftig kritisiert. Auf dem Kunstkritikblog brand-new-life.org schrieb Regina Pfister (ein Pseudonym), die Manifesta unterstütze «die ausbeuterischen Tendenzen der Arbeitsverhältnisse im Feld der Kunst aktiv». Es würden reguläre Bruttolöhne von 3700 Franken für ein zeitlich befristetes Hundertprozentpensum bezahlt. Dies gilt in der Schweiz als prekär und liefert überdies einen unfreiwillig scharfen Kommentar zum Manifesta-Titel «What People Do for Money». Ausserdem seien in einigen Fällen freie MitarbeiterInnen von Zürcher Kunstinstitutionen wie Museumsaufsichten und TechnikerInnen für die Dauer der Manifesta freigestellt und durch Freiwillige ersetzt worden, die gratis arbeiteten.

Anfang Juni doppelte der Stadtblog tsri.ch unter dem Titel «Geht der Manifesta das Geld aus?» nach. Neben den bereits genannten Vorwürfen stellten die Blogautoren die Vermutung auf, dass das Gesamtbudget der Manifesta von gut fünf Millionen Franken knapp bemessen sei für eine hundert Tage dauernde Grossausstellung auf dem ganzen Zürcher Stadtgebiet. Man habe wohl das Preis- und Lohnniveau in der Schweiz völlig falsch eingeschätzt.

Die Manifesta und die Stadt Zürich wiesen im Beitrag die Vorwürfe zurück. «Für die Chance, Teil dieses aussergewöhnlichen Projekts zu sein», seien die Mitwirkenden bereit, «auf einen womöglich grösseren Lohn anderswo zu verzichten». An der Pressekonferenz zur Eröffnung antwortete Hedwig Fijen, die Präsidentin der Manifesta, leicht genervt auf eine Frage zu den niedrigen Löhnen und vielen GratisarbeiterInnen: Sie verstehe die Aufregung nicht, es würden keine schweizerischen Gesetze verletzt. Der Kurator Christian Jankowski wies darauf hin, dass 3700 Franken ungefähr seinem Professorengehalt an einer deutschen Kunsthochschule entsprächen. Dies bestätigt zumindest implizit die Vermutung von tsri.ch, dass die Köpfe der Manifesta weiterhin europäische Löhne als Massstab nehmen.

Daniela Janser

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