Nr. 27/2016 vom 07.07.2016

Das Leben ist ein Klang, ein Lufthauch, ein Nichts

Ein einzigartiger Chronist: Die Fotostiftung Winterthur zeigt das Werk des Tessiner Fotografen und Samenhändlers Roberto Donetta (1865–1932) aus dem Bleniotal.

Von Ursina Trautmann

Trotz harter Arbeit gibts auch mal was zum Lachen: Fotograf Roberto Donetta hat meisterhaft den Alltag im Bleniotal um 1900 festgehalten. Foto: Fondazione Archivio Fotografico Roberto Donetta

Im Weiler Casserio im Tessiner Bleniotal steht die Casa Rotonda. Der originelle dreistöckige Turmbau in der Gemeinde Acquarossa beherbergte im 19. Jahrhundert eine Schule, später wohnten in dem Haus Bedürftige. Roberto Donetta, Fotograf und Samenhändler aus dem Bleniotal, verbrachte seine letzten fünfzehn Jahre in der Casa Rotonda – verarmt, nachdem ihn seine Familie verlassen hatte. Heute ist im Turm das Donetta-Archiv untergebracht.

Roberto Donetta begann schon als junger Mann, Notizen unterschiedlichster Art in einem Buch festzuhalten. Sie zeugen von einem Innenleben, das sich zwischen der harten bäuerlichen Realität und einer mystischen Parallelwelt aufspannt, was sich später auch in seinen Fotografien widerspiegelt. «Das Leben», so notierte er, «es ist ein Traum, eine Seifenblase, eine Glasscherbe, ein Eisblock, eine Blume, ein Märchen; es ist Heu, Schatten, Asche, es ist ein Punkt, eine Stimme, ein Klang, ein Lufthauch, ein Nichts.»

Donetta war am 6. Juni 1865 in Biasca als Sohn von Kaufleuten zur Welt gekommen. Über seine Kindheit ist wenig bekannt. Man weiss, dass die Familie später ins Bleniotal zog, als der Vater dort eine Stelle als Militärbeamter antrat. Man weiss auch, dass Roberto Donetta mit 21 Jahren Teodolinda Tinetti aus Biasca heiratete und dass aus der Ehe bis 1900 sieben Kinder hervorgingen. Eines davon starb als Säugling.

Heimweh in London

Die wirtschaftliche Situation der jungen Familie zwang Donetta, die Wintermonate in Italien zu verbringen, wo er als Marroniverkäufer arbeitete. 1894 reiste er nach London. Aber die Grossstadt behagte ihm nicht, er brauchte sein Tal und die Natur. Nach fünfzehn Monaten kehrte er krank zurück. Ab 1900 lebte die achtköpfige Familie in Casserio. Donetta hatte sich in der Zwischenzeit auf den Handel mit Saatgut spezialisiert, was ihn durchs ganze Tal und auch durch grosse Teile des Nordtessins führte. Dabei traf er auf den Tessiner Bildhauer Dionigi Sorgesa, eine Schlüsselfigur in seinem Leben, der ihm zugleich Glück und Verhängnis brachte.

Sorgesa lehrte Donetta das Fotografieren und lieh ihm gegen Geld seine Ausrüstung. Der Samenhändler Donetta begann zu fotografieren. Auf einem der ersten Bilder von 1904 ist er selbst mit seiner Frau abgelichtet. Sie müde, er frohgemut. Auf einem andern guckt er mit Linda durch den defekten Boden eines Korbes in die Kamera, während vor dem Paar zwei Kinder mit Lamm und Katze posieren. Bereits seine frühen Bilder erzählen vom Spiel und der Inszenierung – aber zugleich auch vom harten und kargen Alltag. Auf einem dritten Selbstporträt hält Donetta hinter aufgestapelten Kisten voller Sämereien, die ihm bis zum Hals reichen, eine Glückwunschtafel in die Kamera. Er selbst macht dazu keine frohe Miene.

Das Fotografieren nimmt Donetta immer mehr in Beschlag. Er hält im Bleniotal Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen fest, dokumentiert das Leben der Bevölkerung. Eines seiner starken Motive sind Kinder: Er zeigt sie bei schwerer Feldarbeit, aber auch mit Tieren oder Spielsachen posierend, eingebettet in die überwältigende Natur des Bleniotals, im Unterricht, aber auch tragisch früh verstorben auf dem Totenbett.

Auf sich allein gestellt

Doch seine Passion verschlingt mehr Geld, als sie einbringt. Wohl versucht er, Geld und Chemikalien zu sparen, indem er nur selten entwickelt. Seine Familie kann er mit dem Fotografieren jedoch nicht über Wasser halten. In Fotostudios, die zu jener Zeit zuhauf entstehen, sind Porträtbilder ohne grosse Wartezeiten zu haben. Und im Gegensatz zu andern Fotografen seiner Zeit, etwa Andrea Garbald aus dem Bergell, kann sich Roberto Donetta für den Aufbau seines Fotogeschäfts nicht auf ein gutbürgerliches Elternhaus stützen. Donettas Vater und Mutter sind gestorben. Der Fotograf ist ganz auf sich allein gestellt.

Nach diversen Auseinandersetzungen über die Verwendung des spärlichen Einkommens verlässt ihn 1912 seine Frau mit den Kindern definitiv, um ausserhalb des Bleniotals Arbeit zu suchen. Nur Donettas jüngster Sohn Saulle bleibt beim Vater. Der Fotograf leidet unter der Trennung. Seinen Kindern schreibt er Briefe, auch als diese später nach Frankreich auswandern. Seine letzten Lebensjahre verbringt er in völliger Einsamkeit.

1927 erscheinen einige seiner Fotografien in einer der ersten Illustrierten der Schweiz, der von Ringier herausgegebenen «L’Illustré». Am 6. September 1932 wird Donetta tot aufgefunden. Sämtliche Glasnegative bleiben während Jahrzehnten unberührt. Erst Mitte der achtziger Jahre wird sein Werk wieder entdeckt. War das Abgleiten ins Elend für den Fotografen eine persönliche Katastrophe, so ist sie für die Nachwelt gewissermassen ein Glück. Denn nach Donettas Tod beschlagnahmte die Gemeinde seine gesamte Fotoausrüstung. Um Schulden zu begleichen, wurde die Kamera verkauft. Die 5000 Glasnegative aber blieben erhalten. So kann der Alltag der Blenieser Bevölkerung um 1900, mit viel Anteilnahme, Feingefühl und Humor dokumentiert, heute neu entdeckt werden.

Fotostiftung Winterthur, bis 4. September 2016. Zur Ausstellung ist eine Monografie im Limmat-Verlag erschienen.

Casa Rotonda, Corzoneso, Bleniotal: «Roberto Donetta: fotografare i giochi – giocare con la fotografia», Donnerstag bis Sonntag, 14 bis 17 Uhr.

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