Nr. 03/2020 vom 16.01.2020

Die dunkle Seite der Nacht

In der Ausstellung «Because the Night» zeigt das Fotomuseum Winterthur die Nacht als Raum für unterschiedlichste Gestalten: als Bühne oder Versteck, als Schutzraum oder Arbeitsplatz.

Von Alice Galizia

Wenn das Partyvolk dem Alltag entflieht, beginnt für Agata die Arbeit. Foto: «Agata, 2017», Bieke Depoorter, Magnum Photos

Die Nacht gehört der Lust und den Liebenden, hat Patti Smith gesungen, vielleicht ist das wahr. Aber sie gehört auch der Gewalt und der harten Arbeit. Und passt man nicht auf, gehört der Morgen danach dem Kater. Die Verheissung aber, sie bleibt: Was passiert, wenn man wach bleibt, nachdem es dunkel geworden ist?

Das Fotomuseum Winterthur hat sich mit der Ausstellung «Because the Night» in die Nacht begeben und nach Antworten gesucht. Die Gefahr der Beliebigkeit besteht hier durchaus: unmöglich, all die Themenbereiche zu beleuchten, die im Saalblatt versprochen werden – Subkulturen, Musikszenen, Gentrifizierung und einiges mehr. Tatsächlich ist etwa von der Veränderung der Szene durch hohe Mieten und Kommerzialisierung, wie sie beim Zyklus über die Londoner Clubszene von Georg Gatsas angekündigt wird, kaum etwas zu sehen. Was die Ausstellung aber schafft, ist, die Nacht als Raum darzustellen: einen Raum, in dem sich unterschiedlichste Gestalten tummeln, sich darin inszenieren oder aber verstecken.

Die Nacht als Raum der anderen Möglichkeiten und der Entfaltung: so zu sehen in der Arbeit des deutschen Fotografen Tobias Zielony, der in Kiew die dortige Queer- und Technoszene porträtiert hat. Die Serie erscheint als Darstellung einer einzigen Nacht, sie beginnt mit dem Präsentieren des abendlichen Outfits und endet mit einem Kuss auf einem schon taghellen Parkplatz. Dazwischen wurde getanzt, aber auch für die Toilette angestanden und das Handy angeguckt; schön eigentlich, wie unspektakulär sich das Nachtleben auch anfühlen kann. Am Ende der Nacht stehen die ProtagonistInnen mit Trainerjäckchen und Glitzerschminke auf einem Balkon in der Morgendämmerung und rauchen eine Zigarette. Hier wie auch auf den meisten anderen Bildern erscheinen sie in vollem Ernst, die Ausgelassenheit dazwischen muss man sich hinzudenken, der Exzess lässt sich an den Augenringen erahnen.

Wer hat die Flaschen zerschlagen?

Schlaflose Nächte gehen nicht spurlos an einem vorbei, aber es steht ausser Frage, dass sie wichtig sind, gerade für die queere Szene in der Ukraine, die sich im Schutz des Clubs treffen und ausleben kann. So richtig herausgebildet hat sie sich im Zuge der Euromaidan-Revolution ab 2016. In einer Videoinstallation stellt Zielony seinen eigenen Bildern der Partyszene Aufnahmen aus Fernsehberichten gegenüber. Durch die Zusammenstellung von 5400 Einzelbildern entsteht ein Flackern zwischen Feiern und Demonstrieren. Und damit auch die sympathische Feststellung, dass beides zusammengehören kann – und eventuell auch muss.

Für manche mag die Nacht Schutz- und Freiraum bedeuten, für andere aber auch Unsicherheit und Enge – das offenbart die Arbeit von Thembinkosi Hlatshwayo. Der Südafrikaner ist in einem Shebeen aufgewachsen, einer illegalen Taverne in einer Township in Johannesburg. In seiner Serie «Slaghuis» (Schlachthaus, oder auch: Massaker) zeigen sich die Überreste durchzechter Nächte in Glasscherben und leeren Zigarettenpackungen, in erloschenen Streichhölzern und schwarzen Russflecken. Hlatshwayos fotografische Collagen umschreiben assoziativ die Bedrohung, die in der Mischung aus prekären Lebensbedingungen, Gewalt und Alkoholkonsum entsteht, und die damit verbundene Angst aus der Sicht eines Kindes. Aus der Erinnerung an diese oft brutalen Nächte hat Hlatshwayo eine sensible Arbeit geschaffen, deren Härte in der Reduktion und in blossen Andeutungen liegt: Wer die Flaschen zerschlagen hat, sehen wir nicht.

Unterwegs mit der Stripperin

Die Nacht und der damit verbundene Exzess, das bringen Zielonys und Hlatshwayos Arbeiten zum Ausdruck, ist nur für jene ergiebig, die sich dafür entscheiden und sich auch wieder entziehen können. Für viele andere ist das Nachtleben nicht Ausbruch aus dem Alltag, sondern Arbeit. Die belgische Fotografin Bieke Depoorter dokumentiert seit 2017 das Leben der Stripteasetänzerin Agata, die sie in einer Bar in Paris kennenlernte. Depoorter porträtiert sie in verschiedenen Situationen, aber immer in der Nacht. Wir sehen Agata bei der Arbeit und in den gemeinsamen Ferien, wir sehen sie, wie sie sich in Pose wirft, oder müde und ungeschminkt.

Dabei wird auch immer die Beziehung zwischen Fotografin und Fotografierter verhandelt, die sich mit der Zeit anfreunden: Was macht die beobachtende Funktion der Kamera mit der Freundschaft? Gibt es hier ein Machtgefälle, und wenn ja, welches? Wäre das ein Problem? Dem sorgfältigen Blick, den Depoorter ihrer Protagonistin widmet, merkt man diese ständige Auseinandersetzung an – das zeigt sich etwa in den unterschiedlichen Darstellungen von Agatas Arbeit, die ihr zugestehen, mal Spass daran zu haben und mal ausgelaugt zu sein.

Das ist ohnehin die grösste Stärke der Ausstellung: Die Moral, sie findet hier im Fotomuseum keinen Platz. Die Nacht mag ihre dunklen Seiten haben, sie mag gefährlich sein und anstrengend. Aber auch wenn sie ihre Kehrseiten hat: Der Exzess darf Exzess sein. Und gegen Kater hilft Alka-Seltzer.

«Because the Night». Bis 16. Februar 2020 im Fotomuseum Winterthur.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch