Nr. 28/2016 vom 14.07.2016

Die Philosophin als Krankenpflegerin

46 deutschsprachige Zeugnisse aus dem Spanischen Bürgerkrieg, quer durch alle Milieus: Das versammelt eine neue Anthologie von Erich Hackl.

Von Eva Pfister

Die unterschiedlichsten Menschen aus ganz Europa reisten vor achtzig Jahren nach Spanien, um das Land vor dem Faschismus zu retten. Der Automechaniker aus La Chaux-de-Fonds traf auf den Schneider aus der Ukraine, die Philosophin aus Deutschland auf die Modistin aus Kroatien. Arbeiter, Ärztinnen, Schriftsteller stellten sich den Internationalen Brigaden zur Verfügung, sie standen den Anarchisten nahe, den Kommunistinnen oder den demokratischen Republikanern. Manche von ihnen gaben ihre Existenz auf, andere lebten schon seit 1933 im Exil und wollten lieber kämpfen als ohnmächtig dem Aufstieg der Diktatoren in Europa zusehen. Nach Italien und Deutschland griff in Spanien 1936 General Franco mit einem Militärputsch gegen die demokratisch gewählte Volksfrontregierung nach der Macht. Regierungstruppen, Arbeitermilizen und die Internationalen Brigaden kämpften fast drei Jahre für die Republik.

Italiener gegen Italiener

«So weit uns Spaniens Hoffnung trug» heisst die Anthologie, für die der österreichische Autor Erich Hackl 46 Texte zusammengestellt hat. Der Spanische Bürgerkrieg inspirierte viele Schriftsteller, darunter auch George Orwell und Ernest Hemingway, der mit «Wem die Stunde schlägt» den bekanntesten Roman darüber geschrieben hat, verfilmt mit Ingrid Bergman und Gary Cooper. Aber Hackl beschränkte sich auf deutschsprachige Texte und suchte möglichst authentische Berichte aus, geschrieben von AugenzeugInnen. So ist man beim Lesen des spannenden Buchs ganz nah am Geschehen, vom Aufbruch des Schweizer Automechanikers Hans Hutter nach Barcelona bis zur traurigen Flucht des Arztes Theodor Balk, der sich nach der Niederlage über die Pyrenäen nach Frankreich rettete, wo er sogleich interniert wurde. Berichte führen ins belagerte Madrid, in die Strassenkämpfe von Barcelona, in Waisenhäuser und Lazarette, zu den Hauptquartieren oder direkt an die Front.

Bekannte Namen finden sich auch: Arthur Koestler schildert die Atmosphäre in einem Gefängnis in Sevilla, wo er seiner Hinrichtung entgegensah, doch durch einen Gefangenenaustausch gerettet wurde. Egon Erwin Kisch beschreibt den gespenstisch leeren Prado, nachdem die Kunstwerke evakuiert worden waren. Hermann Kesten war zwar nie in Spanien gewesen, schrieb aber mit «Die Kinder von Gernika» einen sehr einfühlsamen Roman über die Opfer der deutschen Bombardierung der baskischen Stadt – ein Kapitel daraus findet sich im Buch. Anna Seghers erzählt in «Agathe Schweigert» das Leben einer Kurzwarenhändlerin aus dem Rheinland, die aus Liebe zu ihrem Sohn nach Spanien gelangt und sich den KämpferInnen anschliesst. Die Geschichte liest sich spannend, allerdings schimmert etwas zu deutlich die ideologische Überzeugungsarbeit durch.

Das ist auch in einigen anderen Texten der Fall – bei einem Blick in die biografischen Angaben entpuppen sich die AutorInnen dann häufig als Politkommissare oder Redaktorinnen von Parteizeitungen. Was nicht heisst, dass ihre Texte nicht interessant sind. Der Kommunist Gustav Regler, Politkommissar der 12. Internationalen Brigade, schildert anschaulich und fesselnd die Belagerung der Stadt Guadalajara. Auf beiden Seiten standen sich hier Italiener gegenüber, und obwohl die italienischen Freiwilligen in Reglers Truppe skeptisch waren, setzte er Flugblätter und Lautsprecher ein, um die Italiener auf der faschistischen Seite, die Mussolini nach Spanien geschickt hatte, zur Desertion zu bewegen – was ihm tatsächlich gelang. Ob es wirklich an dieser Propagandaschlacht lag oder auch an anderen militärischen Strategien: Die Antifaschisten konnten jedenfalls in Guadalajara einen überraschenden Sieg erringen.

Den Bürgerkrieg allerdings haben die spanischen DemokratInnen und mit ihnen die internationale Linke verloren. Das lag vor allem an der massiven militärischen Hilfe der italienischen Faschisten und der deutschen Nationalsozialisten, die dem Putschgeneral Franco mit der Legion Condor aus der Luft zu Hilfe kamen. Die französische Nichteinmischungspolitik bedeutete zudem, dass Frankreich keine Waffenlieferungen an die Republikaner durchliess. Womöglich spielten bei der Niederlage auch die teils schwelenden, teils offenen Konflikte zwischen Sozialisten, Kommunistinnen, Republikanern und Anarchistinnen eine Rolle. Davon ist in den Texten oft die Rede, allerdings sind diese Auseinandersetzungen manchmal schwer einzuordnen. Der Verwirrung hätte Hackl mit einer informativen Übersicht und einer Tabelle der Abkürzungen Abhilfe schaffen können.

Brutale Jagd auf Mallorca

Erschütternd sind die Berichte aus den Lazaretten, verfasst von Frauen, die ihre Karrieren als Modistin, Buchhändlerin oder Literaturprofessorin hinter sich gelassen hatten, um als Krankenpflegerinnen zu arbeiten. Unglaublich die Ereignisse auf der Insel Mallorca, die ganz zu Beginn von den aufständischen Faschisten besetzt wurde, die mit Unterstützung der Feudalherren und der Kirche brutale Jagd auf die Demokraten machten. Besonders traurig zum Ende Ernst Tollers Bemühungen um eine Spendenaktion für die Hungernden in Spanien, die in dem Moment gelang, als die Faschisten siegten. «Was bleibt? Hilfe für Flüchtlinge. 400 000 in Frankreich.»

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