Nr. 31/2016 vom 04.08.2016

Sind Strafen nicht abschreckend?

Höhere Strafen führen zu mehr Abschreckung führt zu mehr Sicherheit? – Strafrechtsprofessor Marcel Niggli erklärt, warum diese populäre Annahme falsch ist. Und warum man für absolute Sicherheit ganze Bevölkerungsgruppen ins Gefängnis stecken müsste.

Von Carlos Hanimann (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Marcel Niggli: «Die meisten Leute halten sich nur deshalb an die Regeln, weil sie etwas zu verlieren haben.»

WOZ: Herr Niggli, Sie sind Kriminologe, Rechtsphilosoph, Strafrechtsprofessor: Was ist der Sinn einer Strafe?
Marcel Niggli: Angenommen, Sie schlagen mir jetzt ins Gesicht. Dann müssen Sie mir vielleicht später die Kosten für die Operation zahlen; das ist Zivilrecht. Aber das reicht nicht. Sonst könnten Sie sich ja das Recht kaufen, mich zu schlagen. Deshalb gibt es das Strafrecht: Ihr mangelnder Respekt vor der Norm wird mit einer Strafe ausgeglichen. Eine Strafe ist also nichts anderes als das Ausgleichen eines Unrechts, das nicht in Geld gemessen werden kann.

Was ändert das?
Das ändert alles! Die Strafe steigert unsere Fähigkeit, uns an Regeln zu halten. Wenn es als falsch gilt, zu stehlen und Leute zu schlagen, dann können wir nicht mehr einfach sagen: Macht nichts. Sonst würden sich die Braven, die nichts stehlen, ganz schnell beschissen vorkommen.

Haben Strafen nichts mit Abschreckung zu tun?
Nein, überhaupt nicht.

Aber das ist eine sehr populäre Forderung: höhere Strafen zur Abschreckung.
Ich finde es lustig, dass das immer wieder gesagt wird. Dabei steht in jedem Kriminologielehrbuch: Weder die Art noch die Höhe der Strafe haben eine signifikante Wirkung auf die Rückfallwahrscheinlichkeit.

Was ist eher massgeblich?
Die Wahrscheinlichkeit, entdeckt und bestraft zu werden. Obwohl die Busse nicht sehr hoch ist, werden Sie auf der Autobahn nicht rasen, wenn Sie wissen, dass da mit grosser Wahrscheinlichkeit Blitzkästen stehen. Aber wenn Sie wissen, dass eh niemand die Geschwindigkeit kontrolliert, kann man die Strafe noch so hoch ansetzen – es ist Ihnen egal. Es geht immer um die Entdeckungswahrscheinlichkeit. Und die steigert man nur, wenn man richtig viel Geld in die Hand nimmt.

Wie bekämpft man den Terrorismus?
Die Frage ist nicht: Wie bekämpfe ich ihn? Sondern: Wie verhindere ich ihn?

Mehr Kontrolle, mehr Härte, mehr präventive Sicherheitsmassnahmen, antwortet Europa derzeit.
Aber das funktioniert irgendwann nicht mehr. Wenn Sie immer mehr Leute einstellen müssen, um die anderen zu kontrollieren, dann werden Sie langsam. So ist schon die Sowjetunion zugrunde gegangen.

Was dann?
Es ist uns nicht bewusst, aber die meisten Leute halten sich nur deshalb an die Regeln, weil sie etwas zu verlieren haben – den Respekt der Nachbarn, die Liebe der Eltern, die Achtung der Kinder … Warum finden also diese Typen den Terrorismus so attraktiv? Sie haben nichts zu verlieren. Und es gibt ein weiteres Element.

Nämlich?
Die Biologie: Die Täter sind fast immer junge Männer zwischen 15 und 35 Jahren. Die haben Testosteron. Wenn Sie also wirklich Gewalt verhindern wollen, und ich rede nicht nur von Terrorismus, dann sperren Sie am besten alle Männer zwischen 15 und 35 weg.

Sie haben gut lachen. Sie fallen nicht mehr in diese Kategorie.
Mir könnte es egal sein, ja. Ich würde es sogar begrüssen!

Sie machen Witze.
Ja. Wenn wir das nicht wollen, dann müssen wir eine Alternative wählen: Möglichkeiten bieten, eine Zukunft zu entwickeln oder wenigstens zu träumen.

Oje, ich sehe schon die Leserbriefe: Falsche Toleranz! Verständnis für die Täter!
Das ist doch Quatsch. Es geht eben nicht um Verständnis, sondern darum, taugliche Mittel zu wählen. Sie können gar nicht so viel Repression entwickeln, dass sie uns vor denen schützt, die nichts zu verlieren haben. Wir sind verletzlicher als die. Warum sind bei der Fussball-EM so viele Teams von Migranten geprägt? Sie sind hungrig. Sie trainieren, während andere bequem sind. Man muss Menschen nicht mit Nettigkeit versorgen. Das machen die schon selber. Man muss ihnen eine Perspektive geben.

Der Terrorismus stellt die Strafverfolger doch vor ein grösseres Problem. Entweder sie greifen zu früh ein oder zu spät, aber nie rechtzeitig.
Bei Menschen, die nichts zu verlieren haben und bereit sind zu sterben, kommen wir immer zu spät.

Ein islamistischer Selbstmordattentäter, der sich in die Luft sprengt, entzieht sich doch jeglichem rechtsstaatlichen Rahmen.
Ich bin erzliberal. Liberal bedeutet, dass man Verantwortung trägt für sein Handeln. Und wenn sich diese Leute umbringen, bevor man sie bestrafen kann, dann ist das zwar unbefriedigend, aber was solls?

Wobei man auch sagen könnte, dass die meisten Terroristen in der jüngsten Zeit sehr wohl bestraft wurden: mit dem Tod. Warum wurden die alle erschossen?
Sie haben recht, aber diese Frage zu stellen, ist derzeit sehr gefährlich. Da werden Sie gleich gesteinigt.

Marcel Niggli (56) ist Strafrechtsprofessor an der Universität Fribourg.

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