Nr. 33/2016 vom 18.08.2016

Herr Niggli, lohnen sich Verbrechen?

Strafrechtsprofessor Marcel Niggli erzählt, warum seine StudentInnen ihn einmal für einen Verbrecher hielten, welche Delikte nur Dummköpfe begehen und warum man es bei fast jedem zweiten Mann mit einem Verbrecher zu tun hat.

Von Carlos Hanimann (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Marcel N. aus F.: «Ein Raub ist also etwas wirklich Blödes: Er sorgt für extreme Aufmerksamkeit, extreme Verfolgungsintensität, extrem hohe Strafen.»

WOZ: Herr Niggli, auf Ihrer Website präsentieren Sie sich in einem Schwarzweissporträt mit schwarzem Balken vor den Augen.
Marcel Niggli: Sehen Sie, was dieses Bild auslöst? Ich unterrichte Strafrecht. Der Balken stellt die Verbindung zum Strafrecht sofort her.

Sie signalisieren damit: Das ist ein Verbrecher.
Aber ich stelle auch eine Verbindung zur Rechtsphilosophie her. Die Leute fragen: Warum? Sie staunen. Und Philosophie gründet im Staunen, in der Frage nach dem Warum.

Wie reagieren Ihre Studenten?
Das weiss ich nicht.

Hat man Sie mal für einen Verbrecher gehalten?
Einmal habe ich einen Raubmörder in die Vorlesung eingeladen, und die jungen Studenten kannten mich noch nicht. Ich war unrasiert, wie immer, und der Raubmörder war piekfein angezogen. Die Studenten tuschelten und zeigten auf mich: Da, ein Mörder. Als ich dann meinen Gast vorstellte, sind die Studenten fast umgekippt. Aber so sind wir Menschen …

Wie?
Kriminalität ist eine soziale Konstruktion. Wir machen uns klare Vorstellungen davon, wie Kriminelle aussehen, wer sie sind. Aber wir wissen ja nicht, wer ein Straftäter ist. Wussten Sie, dass im Laufe eines Lebens ein Drittel aller Männer strafrechtlich registriert werden? Da geht es nicht um Verkehrsbussen, sondern um Einträge ins Strafregister. Hinzu kommen jene, die nicht erwischt werden. Man kann also sagen: Wenn Sie einen Mann treffen, ist die Chance nahezu fifty-fifty, dass er ein registrierter Verbrecher ist oder es noch wird.

Eine unangenehme Vorstellung.
Finden Sie? Eigentlich nicht. Im Prinzip ist der Regelbruch ja nur ein normales Verhalten, das verboten ist.

Wir begegnen Verbrechern aber ablehnend.
Ja, das ist das Theater, das wir spielen: Das sind die Bösen! Die sehen so und so aus! Wussten Sie, dass siebzig Prozent der Strafanzeigen Vermögensdelikte betreffen? Auch bei den Strafurteilen sind es fünfzig Prozent. Schlimm? Eigentlich nicht. In der Schweiz gibt es viel Geld. Also gibt es viele Vermögensdelikte.*

Warum?
Uns Schweizern war Geld immer sehr wichtig, weil wir arm waren. Ausländische Strafgesetzbücher beginnen mit dem Staat, der Kirche, der Familie, und am Schluss kommt das Vermögen. Nicht so in der Schweiz: Hier beginnt das Strafgesetzbuch mit den Delikten gegen Leib und Leben. Und dann folgt das Vermögen. Schweizer finden es nicht lustig, wenn ihnen etwas weggenommen wird.

Lohnen sich Verbrechen?
Na klar. Mit einer Einschränkung: Ein Verbrechen lohnt sich nur dann, wenn es die Ausnahme ist. Eine Gesellschaft ist nicht deshalb stabil, weil sie keine Regelbrüche kennt, sondern weil die meisten Leute die meiste Zeit die meisten Regeln einhalten.

Für erfolgreiches Verbrechen braucht es also eine brave Mehrheit?
Ja, man könnte das Verbrechen ja auch als soziale Innovation bezeichnen. Man versucht zum Beispiel, reich zu werden, aber halt nicht auf traditionellem, sondern auf einem illegalen Weg. Das Problem beginnt, wenn es alle tun. Dann kann sich niemand mehr auf nichts verlassen. Ein Problem, das bei Diebesbanden oft vorkommt. Verbrechen lohnen sich natürlich nur, wenn Sie sich auch etwas überlegen. Das tun wir aber nur ungern und nur sehr wenig. Dann begehen wir Dummkopfdelikte.

Dummkopfdelikte?
Raub zum Beispiel.

Warum ist das ein dummes Delikt?
Es scheint verführerisch. Ich nehme irgendetwas, das wie eine Waffe aussieht, und kann alles nehmen. Aber nur weil ich meine «Waffe» benutze – ob sie nun echt ist oder nicht –, explodiert das Strafmass. Sobald bei einem Delikt Gewalt reinspielt, bekommen Sie massive Probleme.

Gewalt ist schlecht fürs Geschäft.
Absolut. Darum sind erfolgreiche kriminelle Organisationen selten gewalttätig. Gewalt bedeutet soziale Aufmerksamkeit. Und das wiederum Verfolgung. Ein Raub ist also etwas wirklich Blödes: Er sorgt für extreme Aufmerksamkeit, extreme Verfolgungsintensität, extrem hohe Strafen und eine extrem geringe Wahrscheinlichkeit, dass Sie damit durchkommen.

Gibt es noch andere Dummkopfdelikte?
Erpressung zum Beispiel. Sehr beliebt bei jungen Leuten.

Warum funktionieren Erpressungen nicht?
Das Erpressen selber geht meistens recht gut. Aber irgendwann kommen Sie an den Punkt, wo Sie Geld haben wollen. Und Geldübergaben sind heikel. Dabei werden fast alle geschnappt.

Kann man nicht ausweichen und sich anonym in einer Kryptowährung zahlen lassen?
Das geht nur, wenn man genau weiss, was man tut. Damit die Rechnung aufgeht, muss man richtig arbeiten. Verbrechen ist harte Arbeit, illegal zwar, aber eben Arbeit.

Marcel Niggli (56) ist Strafrechtsprofessor, Rechtsphilosoph – und nicht vorbestraft.

* In der ursprünglichen Version dieses Interviews stand fälschlicherweise, dass siebzig Prozent aller Strafurteile Diebstähle seien und fünfzig Prozent Vermögensdelikte beträfen. Der Fehler wurde korrigiert.

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