Nr. 13/2019 vom 28.03.2019

Altes aus dem Delta

Von Klaus Walter

Es ist einer dieser schläfrigen, dunstigen Tage im Mississippidelta. Am 3. Juni springt Billie Joe McAllister von der Tallahatchie-Brücke in den Tod. Das erzählt Bobbie Gentry in einem der grössten Hits des Jahres 1967: «Ode to Billie Joe» – mit jener heiseren Blue-Eyed-Soul-Stimme, die zu ihrem Markenzeichen werden sollte.

Bis heute bleibt ein Geheimnis um Billie Joe ungeklärt: Kurz vor seinem Sprung sei er mit einer jungen Frau auf der Brücke gesehen worden, sie hätten einen Gegenstand in den Fluss geworfen – aber was für einen? Einen Strauss Blumen? Einen Verlobungsring? Einen Einberufungsbefehl? LSD-Trips? Oder war es ein abgetriebener Fötus? Keine Frage wird Bobbie Gentry häufiger gestellt. Sie hat sie nie beantwortet.

«Billie Joe» bleibt Bobbie Gentrys grösster Hit, nach einigen weniger erfolgreichen Alben zieht sie sich 1971 zurück. Jetzt rekonstruiert die New Yorker Band Mercury Rev ihr zweites Album «The Delta Sweete». Es ist der Versuch, Popgeschichte umzuschreiben, einen historischen Flop zum verkannten Klassiker aufzupimpen. Für jeden Song casten Mercury Rev eine andere Sängerin. Ein Who’s who aus dem weiten Feld zwischen Alternative Country und Arty Americana: von Lucinda Williams über Margo Price bis Hope Sandoval. Mit Norah Jones ein Superstar, dazu Edelstimmen aus Europa, Beth Orton, Lætitia Sadier, einst bei Stereolab. Die Französin gibt ihr Bestes, sich den Southern Gothic anzuverwandeln. Der Kontrabass strahlt Wärme aus, die Streicher: vom Winde verweht. Hier ein elegantes Pastiche, dort die dezente Aktualisierung, alles hundert Prozent geschmackssicher. Und alles ein bisschen langweilig. Gegen Bobbie Gentrys Original kommen die Remakes daher wie die mit viel Liebe zum Detail und viel Geld retro-konstruierten Töpfe und Pfannen bei Manufactum. Schon schön, aber ohne den einstigen Charakter. Geben Sie Ihr Geld also lieber für «The Girl from Chickasaw Country» aus, das 2018 erschienene Gesamtwerk von Bobbie Gentry auf acht CDs.

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