Nr. 33/2016 vom 18.08.2016

Herr Zanetti pfeift auf die Sorgfalt

Von Carlos Hanimann

Claudio Zanetti, SVP-Politiker und bekennender Rechtspopulist, twittert gerne und viel über alles und jeden: über den Islam an sich und überhaupt, über Hillary Clinton und den US-Wahlkampf, natürlich über die «Lügenpresse» und Anfang dieser Woche auch über die Bedeutung von «typischen Schweizer Namen» bei politischen und unpolitischen Verbrechen. (Etwas weniger twittert der gewählte Nationalrat über Schweizer Politik, aber das ist eine andere Geschichte …)

Am Montag verbreitete Zanetti wie andere Parteikollegen auch eine ungarische Falschmeldung zur Messer- und Brandattacke von Salez im Kanton St. Gallen: «Sollte das tatsächlich der Mann mit dem ‹typischen Schweizer Namen› sein, muss das Konsequenzen haben. #Manipulation», schrieb Zanetti. Darunter war ein Foto eines dunkelhäutigen, bärtigen Mannes zu sehen sowie ein Bild des Zuges, in dem am Samstag ein Mann mehrere Personen angegriffen hatte.

Dass das Bild nicht den Täter von Salez zeigte, sondern einen 37-jährigen US-Amerikaner, der vergangenen Dezember eine Moschee in Houston in Brand gesetzt hatte, hätte Zanetti mit ein paar wenigen Klicks überprüfen können. Der SVP-Nationalrat, der gerne mit Provokationen spielt, tat das nicht. Ein Missgeschick? Oder eher Kalkül?

Zanetti sagt auf Anfrage, er könne «nichts Verwerfliches» am Tweet erkennen. Er habe schliesslich nur eine Frage in den Raum gestellt. Den Tweet habe er schon nach kurzer Zeit wieder gelöscht, weil er vermutet habe, dass es sich dabei um eine Falschmeldung handelte. «Selbstverständlich muss man eine gewisse Vorsicht walten lassen», sagt Zanetti. «Doch bin ich der Ansicht, dass bei Twitter keine allzu grossen Anforderungen an die Sorgfaltspflicht gestellt werden dürfen. Jedenfalls nicht mehr, als es dem Wesen dieses Mediums entspricht.» Er stelle an «Blick» und WOZ auch unterschiedliche Anforderungen. «Nur Narren», sagt Zanetti, «halten Gezwitscher für mehr als Gezwitscher.» 

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