Nr. 35/2016 vom 01.09.2016

«Wir wurden von unserem Erfolg überrollt»

Vor dem Fall von Präsident Pérez Molina gab es über Monate Proteste auf der Strasse. Jetzt scheint alles wieder ruhig zu sein. Aber es wirkt nur so.

Von Toni Keppeler, Guatemala-Stadt

Der Platz vor dem barocken Nationalpalast und der neoklassizistischen Kathedrale im Zentrum von Guatemala-Stadt ist samstags ein Ort der Entspannung. Eisverkäufer stehen herum, ein paar JongleurInnen verdienen sich ein bisschen Geld. Kinder tollen übers Kopfsteinpflaster, ihre Mütter plaudern auf den Treppen des Brunnens in der Mitte. Vor einem Jahr war das noch ganz anders. Da füllte sich der Platz jeden Samstag mit Menschen, manchmal waren es über 50 000. Sie skandierten: «Rücktritt, sofort!», und meinten damit zuerst die Vizepräsidentin Roxana Baldetti und dann den Präsidenten Otto Pérez Molina. Beide sitzen heute in Untersuchungshaft, aus dem Platz wurde wieder ein ruhiger Ort.

«Wir konnten nicht mehr weitermachen», sagt Álvaro Montenegro. «Wir waren erschöpft.» Der 27-jährige Jurastudent, der sein Studium mit einem Bürojob finanziert, kommt lässig in Jeans und Hemd und mit Hipsterbart daher. Er stammt aus der schmalen Mittelschicht von Guatemala-Stadt. Er war im April vergangenen Jahres einer der InitiatorInnen der Massenproteste. Damals war der «La Linea» genannte Korruptionsskandal gerade bekannt geworden. «Eine Freundin rief mich an und sagte: ‹Da müssen wir etwas machen›», erzählt er. Sie wollten mit einer Facebook-Seite zu einer Protestversammlung vor dem Nationalpalast aufrufen. «Wir rechneten mit vielleicht 500 Leuten, aber schon nach zwei Tagen hatten wir 5000 Abonnenten.» Zur ersten Demonstration kamen dann 20 000, und an den Samstagen darauf wurden es immer mehr. Es gab keine Reden, keine prominenten Köpfe. Nur die Forderung «Rücktritt, sofort!».

Die Proteste der Indígenas

Was auf den ersten Blick aussieht wie eine im Internet geborene Massenbewegung, hat eine lange Vorgeschichte. «La Linea war nicht der erste Skandal», sagt Alejandra Gutiérrez, Chefredaktorin der auf hintergründige Berichte spezialisierten Internetzeitung «Plaza Pública». Schon vorher war der Skandal um die Säuberung des Lago Amatitlán bekannt geworden, im von Mayavölkern bewohnten Hinterland hatte es seit Jahren Proteste und Strassenblockaden gegeben. Die Indígenas wehrten sich gegen die Erhöhung von Strom- und Wasserpreisen und gegen geplante Minen und Staudämme. Eine der Blockaden im Ort Totonicapán war am 4. Oktober 2012 von der Armee blutig aufgelöst worden, sechs Menschen wurden erschossen. Nach dem Massaker organisierten sich in der staatlichen Hauptstadtuniversität San Carlos StudentInnen, darunter viele mit indigener Abstammung. Die Gruppe fiel vor allem durch viele Wandmalereien auf.

«Es war das erste Mal, dass die Indígena-Bewegung und die Studenten zusammenfanden», sagt Lucia Ixchiu. Die 25-Jährige, klein, schmal und quirlig, ist beides: Maya vom Volk der Quiché aus Totonicapán und Architekturstudentin. Sie ist eine der Sprecherinnen der StudentInnenschaft der Universität San Carlos. Dass sie als Frau und Indígena gewählt wurde, sei ein Zeichen dafür, dass sich Guatemala verändere. «So etwas hat es zuletzt in den siebziger Jahren gegeben», sagt sie. Damals erlebte das Land seine letzte StudentInnenbewegung, danach regierten Militärs mit blutiger Repression.

Etwas Neues entsteht

Vierzig Jahre später standen sie wieder vor dem Nationalpalast: die armen StudentInnen der staatlichen Unis genauso wie die besser gestellten aus den privaten. Sie hatten noch nie gemeinsame Sache gemacht. Dazu kamen die Indígena-Bewegung vom Land und viele, viele Unorganisierte. «Auf diesem Platz ist etwas ganz Neues entstanden», sagt die Journalistin Gutiérrez. «Da standen Menschen Schulter an Schulter, die vorher nie miteinander geredet hätten.» Die Proteste weiteten sich aus, griffen auf Provinzstädte über und mündeten am 27. August in einen Generalstreik. Dann trat der Präsident zurück.

«Man darf sich nichts vormachen», sagt Fernando Girón, der für die Menschenrechtsorganisation Fundación Mack die politische Lage analysiert. «Mindestens die Hälfte derer, die damals vor dem Nationalpalast standen, ist unpolitisch und im Grund konservativ.» Menschen aus der städtischen Mittelschicht, die sich darüber aufregten, dass nichts funktioniert in Guatemala, nicht die Schulen und auch nicht die Krankenhäuser, weil sich die Regierenden die Millionen in die eigene Tasche stecken. «Sie sehen nicht, dass das System hat; dass in Guatemala Politik nur gemacht wird, um den Staat auszunehmen.»

So war es kein Wunder, dass die Proteste aufhörten, als der korrupte Präsident im Gefängnis war. Die einen waren zufrieden und die anderen, die alles organisiert hatten, erschöpft. «Wir haben Tag und Nacht nur für diese Sache gearbeitet und mussten wieder Geld verdienen», sagt der Jurastudent Montenegro. «Wir wurden von unserem Erfolg überrollt.» Jetzt komme erst einmal eine ruhigere Phase. «Wir müssen uns organisieren, müssen Netze aufbauen im ganzen Land.» Auch die Studentin Ixchiu hat sich auf Basisarbeit verlegt. «Die Bewegung steckt noch in den Anfängen», sagt sie. «Wir müssen sie institutionalisieren, sonst können wir immer nur schnelle Strohfeuer entzünden.»

«Nach aussen hin sieht alles ruhig aus», analysiert Gutiérrez. Trotzdem geschehe viel. «Die Bewegung ist noch ein Embryo, aber sie wächst.» Und sie könnte bald wieder gefordert werden. Einen Monat nach dem Fall von Pérez Molina wurde dessen Nachfolger gewählt, viel zu früh für die Protestbewegung: die Wahllisten waren längst geschlossen, eigene Kandidaten konnten nicht aufgestellt werden. So gewann der von ultrarechten Militärs geförderte ehemalige Fernsehclown Jimmy Morales, der sich als «unpolitischer» Kandidat gegeben hatte. Seine Regierung verbraucht sich schnell. Kurz vor seinem Amtsantritt wurde ein Dutzend seiner Förderer wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen verhaftet, kurz danach musste eine Ministerin wegen Steuerbetrug zurücktreten. «Es kann sehr schnell wieder unruhig werden», sagt Gutiérrez.

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