Nr. 35/2016 vom 01.09.2016

Wild wuchern, fein essen

Bettina Dyttrich ist frankophil

Von Bettina Dyttrich

Die Toscana war nichts für mich. Diese Bilderbuchlandschaft, die Zypressenreihen, die ordentlichen Felder – wilde Berge waren mir lieber. Immer, wenn irgendwo ein vielversprechender Weg ins Gebüsch führte, hing ein Schild davor: privat. Und romanische Kirchen interessierten mich als Achtjährige auch nicht besonders.

Das ist inzwischen anders. Aber mit Ausnahme der piemontesischen Alpen ist mir Italien, das Sehnsuchtsland meiner Mutter, bis heute fremd geblieben. In Livorno, auf dem Weg nach Korsika, erinnerte ich mich auch wieder, warum ich als Kind italienische Städte so mühsam fand: Es hat nirgends Bäume. Und man kommt als Fussgängerin fast nicht über die Strasse.

Dafür habe ich heftige Heimatgefühle für das Land im Westen entwickelt. Obwohl die Französinnen und Franzosen unerträglich überheblich und distanziert sein können – «Mais vous n’êtes pas Française?!» war oft die erste, irritierte Frage, als ich allein quer durch die Alpen ans Mittelmeer wanderte. Und obwohl die französische Politik inzwischen nicht nur tragisch, sondern vor allem peinlich ist: Ich liebe dieses Land – nicht als Nation, sondern als Raum. Besonders dort, wo es wilde Berge hat.

Das Essen ist wichtig, findet man in Frankreich. Das finde ich auch: Die französische Wertschätzung für regionale «produits du terroir» – von Sanddornsaft über Trockenwurst bis zu wilden Ziegenkäsekreationen – hilft vielfältigen Bauernhöfen mehr als alle EU-Förderprogramme.

Ich bin immer wieder begeistert vom Kulturleben auch auf dem Land: Dank des hartnäckig verteidigten Teilgrundeinkommens für saisonal angestellte Kulturschaffende gibt es auch in Dörfern ganz erstaunliche Kleintheater, Literatur- und Musikfestivals. Die romanischen Kirchen mag ich auch sehr. Und vor allem finde ich, dass in diesem Land das richtige Mass an Unordnung herrscht. Die Landschaft ist nicht aufgeräumt, am Feldrand wuchern die Gräser, auch in der Stadt findet das Unkraut genug Platz, und damit auch viele Tiere. In den Alpentälern flattern seltene Schmetterlinge, schwirren blau glänzende Käfer herum, da leben Insekten mit grossen, durchsichtigen Flügeln, von denen ich nicht einmal weiss, wie ich sie nennen soll.

Zurück in der Schweiz, tun mir die Augen weh ob all der blitzblank geputzten Plätze, viereckigen Thujahecken und bis zum Strassenrand rasierten Wiesen. Nur da und dort, in Städten mit hohem Grünen-Anteil, ist es ein bisschen besser. In Zürich wachsen Gerste und Schafgarbe auf Verkehrsinseln, und in den Betontrögen vor der Allgemeinen Berufsschule im Kreis 5 blühte diesen Frühling der Stinkende Storchschnabel, dass es eine Freude war. Die Farbe der Blumen passte perfekt zum rötlichen Kies, es sah aus wie ein japanischer Zengarten. Aber als ich das nächste Mal dort vorbeikam, waren die Blumen weggejätet. Nur Zigarettenstummel sind übrig geblieben.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin. Ihre Mutter war Italienischlehrerin und besteht darauf, dass man Toscana mit c schreibt.

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