Nr. 38/2016 vom 22.09.2016

Moderne Stämme

Die Krise von Kapitalismus und Nationalstaat könne nur überwunden werden, wenn wir uns mithilfe digitaler Technologien neu organisieren, behaupten Oliver Fiechter und Philipp Löpfe in ihrem neuen Buch.

Von Philippe Wampfler

Die technologische Entwicklung gefährde die menschliche Freiheit, heisst es im Manifest mit dem Titel «Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft». Menschen könnten keine echten eigenen Ziele mehr verfolgen, weil sie sich gegen die verführerische und totalitäre Kraft des Fortschritts sozial nicht zu schützen vermögen.

Der Autor dieses Manifests ist ein Terrorist: Der als «Unabomber» bekannte Ted Kaczynski hat in den USA über zwanzig Jahre lang Attentate ausgeführt. Sie gehörten zu seiner Methode, eine Revolution zu initiieren. Liesse sich das herrschende System hinreichend destabilisieren, so die Überlegung, wäre eine Rückkehr zu einer sozialen Struktur möglich, in der kleine Gruppen verantwortungsvoll und ökologisch nachhaltig agieren.

Die Argumentation des Unabombers ist ein wichtiger Bezugspunkt für das Buch von Oliver Fiechter und Philipp Löpfe, das den «Aufstieg der digitalen Stammesgesellschaft» prognostiziert. Im Mittelpunkt stehen jene wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Entwicklungen, die so fundamentale Konzepte wie den freien Markt oder Nationalstaaten an ihre Grenzen geführt haben. Indikatoren dafür sind Klimawandel, prekäre Arbeitsverhältnisse, ein Vertrauensverlust in Steuerungsinstrumente wie Freihandelsabkommen oder die Regulierung der Geldmenge sowie immer stärkere Spannungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen, die den Druck dieses Problemkomplexes spüren. Diese Krise, so die Autoren, habe zu der von Kaczynski ersehnten Destabilisierung geführt. Sie sei Symptom des Scheiterns des Kapitalismus und erzwinge eine Diskussion alternativer Gesellschaftskonzepte.

Ein Hoch auf das Silicon Valley?

Besondere Bedeutung hat dabei die Einsicht, dass bekannte Grundformen der Gesellschaft jeweils einen zentralen Makel aufweisen. Stammesgesellschaften führen zu Gleichheit und Kooperation, kennen aber kaum Entwicklung. Hierarchisch strukturierte Gemeinschaften verhindern Gleichheit, schaffen dadurch aber Voraussetzungen für Zusammenarbeit und Fortschritt. Und eine liberale Gesellschaftsordnung opfert die Gegenseitigkeit für Fortschritt und scheinbare Gleichheit.

Dieser ethnologische Zugang zieht sich durch das ganze Buch und bereitet den Boden für den Lösungsvorschlag: Digitale Technologie erweitere den Handlungsraum, sodass eine gleiche, gemeinschaftliche und entwicklungsfähige Sozialordnung denkbar würde.

Die Bühne für den Lösungsvorschlag hat das Silicon Valley mit seinen TED-Talks geschaffen, in denen die ExponentInnen ihre soziale Verantwortung demonstrieren. Der Grundgedanke: Wirtschaftlicher Erfolg und technologische Entwicklung schliessen sozialen Fortschritt nicht aus – wenn das eine Prozent mit neuen Gadgets reich wird, profitieren auch sozial Benachteiligte. Fiechter und Löpfe kokettieren mit dieser Ideologie, auch wenn sie sie immer wieder kritisieren. Die Frage, ob und wie Technologie tatsächlich eine sich abzeichnende Katastrophe verhindern könne, wirft das Werk in aller Deutlichkeit auf. Beantworten kann es sie aber nicht abschliessend.

Nachweis aus der Praxis fehlt

Die im Untertitel angekündigte «grosse Transformation» hin zu einer «digitalen Stammesgesellschaft» führt den Autoren zufolge zu einer Gemeinschaftsform, in der ein Tauschsystem Basis einer nachhaltigen, solidarischen Wirtschaft wird, Zusammenarbeit fördert, Hierarchien einebnet und Entwicklung zulässt. Vorausgesetzt, die Gemeinschaft orientiert sich am Grundsatz der gerechten Verteilung. Die Kleinräumigkeit der Stammesgesellschaft – so belegen ethnologische Verweise – schafft dafür gute Voraussetzungen. Der moderne Stamm ist die Genossenschaft. Doch weshalb muss sie digitalisiert werden?

Dafür finden sich im Buch zwei Argumente: Erstens sind digitale Lösungen anpassungsfähig und lassen sich vergrössern oder verkleinern. Genossenschaften können in Modellsiedlungen zukunftsfähige Vorstellungen des nachhaltigen Zusammenlebens erproben. Eine digitale Umsetzung macht diese Modelle überall verfügbar, gestützt durch ein digitales Reputationsmanagement: Auch OnlinenachbarInnen können sich nicht unsolidarisch verhalten, weil ihr öffentliches Ansehen beschädigt würde.

Fragen der Gerechtigkeit betrachten die Autoren zweitens lediglich als eine Perspektivenverschiebung für die brummende digitale Wirtschaft: Ressourcen und Know-how, die etwa bei der Erforschung alternativer Geldsysteme entstehen, könnten auch soziale Lösungen hervorbringen. So umgehen Löpfe und Fiechter mit ihrem Ansatz die Notwendigkeit eines wirtschaftlichen Neustarts. Doch der Hinweis auf die Möglichkeiten digitaler Transformation bleibt vage und verzichtet auf konkrete Beispiele sozialen Handelns im Netz.

Die Frage, ob eine digitale Stammesgesellschaft tatsächlich funktioniert, müsse offenbleiben, schreiben die Autoren zum Schluss. Sie ist Ausdruck einer Hoffnung, aber auch Klammer um zahlreiche Abschnitte, in denen volkswirtschaftliche und sozialpsychologische Einsichten journalistisch aufgearbeitet werden. Damit können Fiechter und Löpfe zwar nicht schlüssig nachweisen, dass die vorgeschlagene Lösung einer sozialen Sharing-Ökonomie tragfähig ist. Ihre Gedankengänge machen aber deutlich, weshalb den wirklich drängenden Problemen mit dem Verweis auf die Alternativlosigkeit kapitalistischer Prinzipien nicht beizukommen ist.

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