Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

Fortschrittsoptimismus oder Care-Ethik?

Die einen vertrauen auf flexible Informationstechnologien, die anderen beharren auf festen sozialen Bindungen: Zwei völlig unterschiedliche linke Ansätze befassen sich mit der Überwindung des Kapitalismus – und beide haben einen blinden Fleck.

Von Raul Zelik (Text) und Patric Sandri (Illustration)

Wie sehr der Neoliberalismus nicht nur «von oben», sondern auch aus der Gesellschaft heraus produziert wird, hat sich seit 2008 nicht zuletzt daran gezeigt, wie wenig über Alternativen zum Kapitalismus gesprochen wurde. Obwohl das globale Kreditsystem in der Finanzkrise fast kollabierte, scheint etwas anderes als der Kapitalismus auch heute undenkbar. Selbst in der Linken geht es eher um Korrekturen als um Alternativen. Thomas Piketty mahnt eine bessere Verteilung der Vermögen an, Axel Honneth plädiert mit Gemeinplätzen für eine soziale Bürgergesellschaft, Mark Terkessidis lobt Kooperation und Eigenverantwortung in Projekten – auch unter neoliberalen Vorzeichen. Eine Debatte, die dem fragilen Zustand des Kapitalismus angemessen wäre, ist das alles nicht.

Erst jetzt, mit fast zehnjähriger Verspätung, hat man den Eindruck, es könnte vielleicht doch noch zu einer Postkapitalismusdiskussion kommen. Vor allem in England, wo Margaret Thatcher in den achtziger Jahren die Alternativlosigkeit zum historischen Gesetz erhob, wird die Neuerfindung der Zukunft gefordert. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, was Autoren wie der Poptheoretiker Mark Fisher, die Akzelerationisten Nick Srnicek und Alex Williams oder der Journalist Paul Mason (vgl. «Linke Argumente für einen Brexit») schreiben, sondern dass sie mit ihren Interventionen überhaupt grössere Resonanz erzielen.

Im Idealismus verhaftet

Die Postkapitalismusdebatte ist nämlich mit einem doppelten Problem konfrontiert. Zum einen sollte sie nicht hinter die marxsche Kritik am utopischen Sozialismus zurückfallen, wonach Befreiung keine Frage guter Ideen und erleuchteter Führungen ist, sondern aus materiellen Bedingungen und sozialen Kämpfen hervorgeht. Zum anderen müssen Alternativkonzepte konkret genug sein, um Handlungshorizonte aufzuzeigen und etwas in Bewegung zu setzen. Ein Antikapitalismus, der überhaupt keine eigenen Entwürfe wagt, bleibt letztlich ebenfalls im Idealismus verhaftet. Ohne gesellschaftliche Wirkmächtigkeit ist auch die radikalste Kritik nur eine intellektuelle Fingerübung.

Der Marxismus hat dieses Dilemma zu lösen versucht, indem er revolutionären Entwicklungstendenzen im Bestehenden nachspürte. Dabei hat sich allerdings gezeigt, dass die Geschichte weitaus weniger gradlinig verläuft als erhofft. Weder hat das Proletariat als kollektiver Akteur «zu sich selbst» gefunden, noch hat der technische Fortschritt im Kapitalismus den Emanzipationsbewegungen besonders viel genutzt.

Seltsamerweise tut die neue, aus Britannien kommende Postkapitalismusdebatte, als gäbe es diese Erfahrungen nicht. Vor allem bei den Akzelerationisten Srnicek/Williams («Inventing the Future»), die auf die Beschleunigung des technischen Fortschritts und auf eine durch Automatisierung möglich werdende Befreiung von der Arbeit setzen, kommt das Fortschrittsversprechen erschreckend geschichtslos daher. Dabei ist es begrüssenswert, wenn Linke zur Abwechslung mal nicht nur depressive Weltuntergangsszenarien produzieren. Doch die Frage, warum technischer Fortschritt von nun an allen Menschen und nicht, wie in den vergangenen fünf Jahrtausenden, in erster Linie den herrschenden Klassen zugutekommen sollte, müsste doch zumindest ansatzweise beantwortet werden.

Da ist Paul Masons «Postkapitalismus» wenigstens einen kleinen Schritt weiter. Seine Antwort lautet: weil die privatwirtschaftliche Produktion in einer Wissens- und Informationsgesellschaft dysfunktional wird und immer schwieriger zu gewährleisten ist. Dabei argumentiert auch Mason bisweilen erstaunlich geschichtslos. Er feiert Genossenschaften oder die Open-Source-Bewegung als Keimzellen der neuen Gesellschaft, aber verliert kaum ein Wort darüber, wie sich Nischenprojekte vor kapitalistischer Eingemeindung und dem Verlust transformatorischer Ansprüche schützen können. Immerhin gibt es eine 200-jährige Genossenschaftsgeschichte mit unzähligen Krisen und Brüchen. Ähnlich naiv ist auch Masons Haltung zur institutionellen Politik. Er plädiert – ganz im Sinn des «radikalen Reformismus» – für eine Förderung solidarischer Ökonomie durch Staat und Linksregierungen. Aber er sagt nichts dazu, dass praktisch alle Linksregierungen der vergangenen Jahrzehnte an ihren reformistischen Ansprüchen scheiterten und die Gesellschaften eher nach rechts als nach links verschoben haben.

Trotzdem liefert Paul Mason ein wichtiges Argument für eine neue Postkapitalismusdebatte. In Krisentheorie und Revolutionsgeschichte bewandert, reformuliert er nämlich das Zukunftsversprechen des Marxismus. Dieses beruhte massgeblich auf einer Krisendiagnose: Da Unternehmen in der kapitalistischen Konkurrenz dazu gezwungen sind, ihre Produktionskosten durch Automatisierung zu drücken, beraube sich der Kapitalismus langfristig seiner Grundlage. Durch den Einsatz von Maschinen werden Güter nämlich billiger, und der Anteil der wertschöpfenden Arbeit sinkt. Daraus lässt sich eine Tendenz fallender Profitraten folgern. Der Kapitalismus schafft also eine Überflussgesellschaft, in der sich Kapital nicht mehr durch Arbeit vermehren lässt, und damit gleich zwei zentrale Voraussetzungen seiner Überwindung.

Das Problem an dieser These ist, dass sie sich im 20. Jahrhundert als falsch erwies. Weil es dem Kapitalismus immer wieder gelang, neue Märkte und Bedürfnisse zu generieren. Auch wenn die Wertschöpfung im Arbeitsprozess tendenziell zurückgeht, wird «der Rückgang der Profitrate durch die Ausweitung der Produktion ausgeglichen, weshalb der Gesamtprofit steigt», wie Mason schreibt.

Morbide Gesellschaftsphobie

Masons entscheidende These lautet, dass dieses Modell der Produktionsausweitung an seine Grenzen stösst: «Technologisch sind wir auf dem Weg zu kostenlosen Gütern, nichtmessbarer Arbeit, exponentiellen Produktivitätszuwächsen und der umfassenden Automatisierung physikalischer Prozesse.» Die Behauptung ist nicht neu und wird vom italienischen Philosophen Toni Negri schon seit langem gebetsmühlenartig wiederholt: Wenn Güter in erster Linie von Maschinen hergestellt werden, und nur noch wenige Menschen zur Kontrolle der Produktionsabläufe notwendig sind, dann ist auch nicht mehr die konkrete Arbeit der Kontrolleure wertschöpfend, sondern das gesamtgesellschaftliche Wissen: der «general intellect», wie es bei Marx heisst.

Negri zog daraus die Schlussfolgerung, dass die «multitude», die Menge der vielen, zum kollektiven (Wissens-)Produzenten, zur diffusen Klasse und zum politischen Subjekt wird. Mason hingegen betont vor allem, dass Märkte in einer Informationsökonomie dysfunktional werden. Die Ökonomie der Zukunft werde auf «Netzwerken, Wissensarbeit, der Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und hohen Investitionen in grüne Technologien beruhen». Kooperation und freier Informationsfluss sind hier viel funktionalere Mechanismen als die privatwirtschaftliche Arbeitsorganisation.

Vielleicht kann der Antikapitalismus also doch noch beanspruchen, den Wind der Geschichte im Rücken zu haben: Es gibt technologische Entwicklungen, die gemeinwirtschaftlich-kooperative Strukturen nicht nur möglich, sondern fast schon notwendig machen.

Die Frage ist allerdings, ob sich diese Kooperationspraktiken tatsächlich, wie Mason und andere behaupten, epidemisch ausbreiten: also ob Open-Source-Bewegung und Carsharing tatsächlich schon etwas mit Gesellschaftsalternativen zu tun haben. Schliesslich haben auch die Menschen des 20. Jahrhunderts in Konsumgenossenschaften und Bildungsvereinen jenseits des Markts miteinander kooperiert.

César Rendueles, der aus dem Umfeld der spanischen 15M-Bewegung kommt, widerspricht der These einer technologisch begründeten neuen Kooperationskultur ganz entschieden (vgl. «Es ist verdammt einsam im digitalen Mediamarkt»). Seiner Ansicht nach ähnelt die Begeisterung für die IT-Kommunikation der liberalen Marktgläubigkeit. In seinem Buch «Soziophobie» skizziert er zunächst, dass es sich beim Liberalismus keineswegs um eine naturwüchsige Ausdehnung ökonomischer Logiken in der Gesellschaft gehandelt habe, sondern um ein utopisches Projekt. Die Gesellschaft wurde anhand eines Plans radikal umgewälzt, nämlich von traditionellen – direkten, verbindlichen und somit «klebrigen» – Bindungen befreit. Anstelle der festen sozialen Beziehungen trat der bewegliche, flüchtige und anonymisierende Markt. Hinter dieser Freiheitsutopie stecke, so Rendueles, letztlich eine ziemlich morbide Gesellschaftsphobie.

Der grosse blinde Fleck

In den neuen Cyber-Debatten drohe die Informationstechnologie die Funktion des Marktes zu übernehmen. Obwohl in der technikaffinen Linken viel von Kooperation die Rede ist, sehne man sich ganz ähnlich wie der Liberalismus nach Lösungen, die von einem äusseren, unverbindlichen Mechanismus geschaffen werden. Rendueles hingegen ist der Ansicht, dass Kooperation und menschliches Dasein überhaupt auf festen Bindungen beruhen, und stellt damit eine feministische Perspektive in den Mittelpunkt seines Antikapitalismus: Ein von Kooperation geprägtes Gesellschaftsprojekt muss von der Care-Ethik, sprich: von Beziehungen der gegenseitigen Sorge ausgehen.

Auf den ersten Blick scheinen sich diese beiden Perspektiven – das neue Vertrauen in flexible Informationstechnologien und das Beharren auf festen sozialen Bindungen – gegenseitig auszuschliessen. Doch manches ist den beiden Ansätzen auch gemein. Zum Beispiel, dass sie Gesellschaftsalternativen nicht in erster Linie als Regierungsprojekte begreifen. Sie teilen die Ansicht, dass Kooperation als Grundlage des Postkapitalismus aus gesellschaftlichen Praktiken wachsen muss. Für die einen stehen dabei Arbeitsprozesse, Kommunikation und technische Entwicklungen im Vordergrund, für andere die vermeintlich «reproduktive» Perspektive, nämlich die Bindungs- und Care-Tätigkeiten. Beide erkennen trotz Staatskritik aber auch die Bedeutung institutioneller Politik an, durch die Rahmenbedingungen verbessert oder verschlechtert werden.

Und beide Ansätze haben einen grossen blinden Fleck, was Machtverhältnisse angeht: Wie soll eine Politik gesellschaftlicher Ermächtigung gegen die Interessen herrschender Eliten durchgesetzt werden? Was werden die Eigentümer von Produktionsanlagen machen, wenn sie wachsende Teile der globalen Unterklasse nicht mehr benötigen?

Von diesen wird ein Teil, wie schon heute, als Servicesklaven ein bescheidenes Dasein fristen; gegenüber den anderen jedoch könnten sich die Kapitaleliten und der «general intellect» der digitalen Produzenten durch immer undurchlässigere Grenzen weiter abschotten. Ein ähnlicher Einwand lässt sich auch gegenüber dem ethisch begründeten Postkapitalismus à la Rendueles erheben: Wieso sollten Konzerne, die von ihren Monopolen leben, die Ausbreitung von Gemeinwirtschafts- und Solidarpraktiken untätig beobachten?

Eine richtige, neue Postkapitalismusdebatte haben wir noch nicht. Es fehlen die Bezüge aufeinander, und auffallend ist, dass Frauen auch in dieser Diskussion weniger Aufmerksamkeit erhalten als Männer. Aber immerhin scheint es eine wachsende Bereitschaft zu geben, jenseits linker Gewissheiten über Alternativen zu sprechen.

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