Nr. 38/2016 vom 22.09.2016

In tiefster Verachtung und höchster Verehrung

Um den Schweizer Musikpreis tobt eine heftige Diskussion. Noch nie war es so einfach, sich auf die richtige Seite zu schlagen. Leider gilt das für alle Beteiligten.

Von Kaspar Surber

Eben hatte Sophie Hunger den Schweizer Musikpreis in der Höhe von 100 000 Franken erhalten, da tobte schon der «Blick». «Hunger kriegt den Hals nicht voll», verirrte sich das Boulevardblatt in einem Wortspiel. Es rechnete vor, dass Hunger in ihrer Karriere bereits mehr als 400 000 Franken an Fördergeldern erhalten habe. Als Kritiker kamen vornehmlich ältere Herren zu Wort: Polo Hofer (71) witterte hinter der Zuschanzung von Subventionen eine «Mauschelei im Kulturbetrieb», Chris von Rohr (64), bekanntlich gegen jede Kulturförderung, befremdete, «wie die Sängerin von Berlin aus die Schweiz kritisiert, aber trotzdem gerne die Steuergelder nimmt».

Dazu wurde viel paternalistischer Schaum geschlagen: Von Rohr attestierte Hunger, die längst in ganz Europa bekannt ist, sie sei eine «begabte Musikerin». Und selbstverständlich kam der Text nicht ohne den Hinweis aus, dass Hungers Vater ein «Top-Diplomat» sei. Als ob Frauen auf ewig Talente blieben und auf ewig Töchter.

Auch der «Tages-Anzeiger» startete seine durchaus differenzierte Abhandlung über Kulturpreise mit der sarkastischen Bemerkung: «Sie ist jung, sie ist eine Frau – damit war sie fällig.» Wie es offenbar eine Frau brauchte, bis sich jemand überhaupt über die Höhe des Musikpreises enervieren konnte. Vorher war der Preis weitgehend unbemerkt im fernen Lausanne an Franz Treichler von den Young Gods sowie den Komponisten Heinz Holliger verliehen worden.

Macker unter Beschuss

Glücklicherweise leben wir im Jahr 2016, und solche Bemerkungen bleiben nicht unwidersprochen. In einem furiosen Brief rechnete die Musikerin Nadja Zela den «werten Hunger-Privathassern, Kulturförderungskritikern, Frauenfeinden, Frustrockern» vor, dass für die Armee oder die Grossbanken in diesem Land noch immer viel mehr Geld ausgegeben werde als für Musikpreise. Das Newsportal «Watson» titelte: «Prostata-Rocker in Deckung! Der Shit, der Sophie Hunger entgegenstürmte, fliegt zurück.» Und die schlaue Sängerin selbst lud via Twitter ihre Kritiker Hofer und von Rohr zum nächsten Konzert ein: «You are Gästeliste.»

So weit, so gut. Und vielleicht etwas einfach. Denn in jedem Fall ist es richtig, den Mackern ihren Shit zurückzuschleudern. Doch so notwendig eine Kulturkritik ist, die Sexismen oder Rassismen entgegentritt, so monoton, letztlich unpolitisch wird sie, wenn sie sich bloss darauf beschränkt.

Warum dieses Thema am Beispiel von Sophie Hunger ausführen? Weil sie, die kürzlich in einem Interview verlautbaren liess, sie komme wohl erst in die antidemokratische Schweiz zurück, um hier zu sterben, in der hiesigen Rezeption die Schweiz verkörpert – in der Kritik am Land, in der Flucht aus ihm. In seiner Laudatio auf der Preisverleihung an den Zürcher Festspielen stellte der Popkritiker Tobi Müller Sophie Hunger in ein «Kontinuum der helvetischen Negativität». KünstlerInnen aus der Schweiz hätten schon immer, als Gegenstück zum Überfluss, die Liebe zum Nichts zelebriert – und keine habe diese Perfektion derart auf die Spitze getrieben wie Sophie Hunger: «Die Preisgekrönte erscheint in ihrem Werk oft als Königin des Nichts.»

Das ist der Punkt, den so jemand wie Chris von Rohr nie begreifen wird: dass es eben zwei und mehr Schweizen gibt – eine, die er und seine Kumpane von der SVP vertreten, und mindestens eine weitere, die sich mit der Weltläufigkeit von Sophie Hunger identifiziert. Darum hat sich der Streit nicht nur an ihr als Frau entzündet, sondern auch an ihr als Künstlerin.

Die Ordnung der Preise

Hungers Unfassbarkeit ist es, die die einen fuchsteufelswild werden und die anderen bei ihren Konzerten andächtig wie in der Kirche verharren lässt. Vielleicht gibt es aber auch noch eine dritte Position – eine, die den Hass ablehnt, die Hungers Songs ihre Relevanz lässt, auch wenn man selbst andere Musik lieber mag. Die aber weiterwill, in eine subkulturelle Richtung.

Denn unabhängig von der Person läuft in der Kulturförderung etwas schief, wenn immer wieder die gleiche Künstlerin unterstützt wird. Was noch lange nicht heisst, dass nicht mehr Geld für Kultur und insbesondere Popmusik ausgegeben werden soll. Gerade Sophie Hunger und ihre Band haben es nicht nur von sich aus weit gebracht, sondern wurden vom Verein Swiss Music Export gezielt als Produkt aufgebaut. Auf dieser Stufe könnte aber die Kritik als Nächstes ansetzen: Auch wenn sie es im coolen Popgewand tun, betreiben die Fördergremien knallhartes Standortmarketing. Statt weiter vom internationalen Durchbruch zu träumen, würden MusikerInnen besser die kommerziellen Maximen dahinter infrage stellen.

Mit Frechheit aus dem Kontinuum

Schliesslich ist durchaus zu begrüssen, dass es einen sozialdemokratischen Kulturminister gibt, der etwas von Musik versteht und auch einmal ins Kino geht. Er bleibt aber doch ein Repräsentant des Staats, der die Migrationspolitik mitverantwortet, die Hunger sonst zurecht kritisiert. Statt mit Alain Berset auf Fotos zu posieren, hätte sie ein bisschen frecher sein können. Nicht, dass sie den Preis in Lausanne hätte ablehnen müssen. Aber sie hätte ihn zum Beispiel weitergeben können. Preisverleihungen sind schliesslich eine Gelegenheit, um die schöne Ordnung zu stören. Ansonsten bleiben wir noch im Kontinuum des Nichts stecken.

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