Nr. 17/2012 vom 26.04.2012

Ermöglichen statt entscheiden

Der Kulturbetrieb erlebt einen fundamentalen Wandel. Vieles deutet auf eine Demokratisierung von Kunst und Kultur hin. Braucht es da überhaupt noch jemanden, der die Fördergelder verteilt, und wer könnte das sein?

Von Ruth Schweikert

Man könnte die Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte auf einen Nenner bringen: eine fortschreitende und unaufhaltsame Demokratisierung von Kunst und Kultur. Diese zeigt sich auf mehreren Ebenen: Angebot und Nachfrage nehmen zu, erleben eine Spezifizierung und Partikularisierung; Partizipation und (Selbst-)Ermächtigung von Laien oder Migrantinnen werden möglich; das Feuilleton als Ort fundierter Auseinandersetzung wandelt sich in ein publikumsorientiertes Meinungsforum, Digitalisierung und Internet führen zu einer Privatisierung, zur zeitlichen und örtlichen Unabhängigkeit des individuellen Kunstkonsums, im Gegenzug boomt das Einmalige, der Event, das Festival.

Das kann man bedauern und verwünschen, betrauern oder bejubeln, mit Sicherheit aber ist es aufregend. Die Kunstfreiheit hat die Kunst nicht in die Bedeutungslosigkeit geführt, wie Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel 2008 meinte. Das Gegenteil ist der Fall.

Nein, nicht jede will Künstlerin, nicht jeder Künstler sein, aber alle haben heutzutage und hierzulande die Möglichkeit – sofern sie sich deren Herstellung leisten können –, eigene Produkte der Allgemeinheit zugänglich zu machen, seien sie mit dem Label «Kunst» versehen oder nicht. Jeder Text, jedes Handyfilmchen, jeder Song kann in Windeseile (und ohne Autorisation) online gestellt werden. Damit ist natürlich noch nichts über die Rezeption gesagt, ob das Werk als solches wahrgenommen wird, ob sich jemand dafür interessiert, ob man für die Nutzung zu zahlen bereit ist oder sich mit frei Verfügbarem begnügt. Selbst die Finanzierung scheint teilweise einfacher zu bewerkstelligen: Nicht nur sind viele künstlerische Produkte billiger geworden in der Herstellung, es werden auch neue Modelle entwickelt wie etwa Crowdfunding, womit Projekte unabhängig(er) von staatlicher oder privater Kunst- und Kulturförderung realisiert werden können.

Qualitätskriterien?

Alle diese Entwicklungen gehen einher mit einer grotesk sich aufblähenden Bürokratisierung der Subventionspolitik und einem stetigen Ausbau des Evaluationsapparats. Wo das Kulturgeschehen längst unübersichtlich, Kategorien wie Hoch-, Nischen- und Laienkultur tendenziell obsolet geworden sind, muss wenigstens auf die Einhaltung formaler Richtlinien gepocht und die Wirksamkeitsüberprüfung verschärft werden. Nicht Kunst und Kultur oder ihr Publikum kollabieren, sondern deren Verwaltung.

So gesehen ist der Aufschrei der vier staatlich besoldeten Autoren des Buchs «Kulturinfarkt» verständlich. Sie können nicht mehr. Im Gegensatz zu künstlerisch tätigen Menschen haben sie nie lernen müssen, sich durchzuschlagen. Das kann man ihnen nicht verübeln. Wenn diese Leute nun in ihrer Not auf ein paar saudumme Ideen kommen, wie etwa die stärkere Marktorientierung von Kunst und Kultur, sollten wir ihnen das nachsehen. Ein paar der in diesem Buch gemachten Vorschläge sind nämlich tatsächlich bedenkenswert, und einen greife ich hier heraus: ermöglichen statt entscheiden. Schluss also mit den Qualitätsdebatten in Jurys und Fördergremien – darüber sollen die MacherInnen selber entscheiden, und genau dafür sollen sie auch Gelder bekommen.

Ich gebe zu, mir wird ein wenig schwarz vor Augen, war ich doch bis vor kurzem selber eine vehemente Verfechterin der Qualitätsarbeit, die in den Jurys geleistet wird. Sie wird dort tatsächlich geleistet. Die Frage ist nur, was damit gewonnen ist – und was dabei verloren geht. Wer besitzt das Werturteil, wer entscheidet darüber, was «gute», ergo förderungswürdige Kunst ist und was nicht? Es sind lauter Profis, klar. Leute, die es besser wissen. Leute, die die Kunstschaffenden und ihr Publikum erziehen wollen, meinen die Autoren des «Kulturinfarkts». Vielleicht haben sie damit sogar recht.

Ich erinnere mich an meine Zeit in der Stadtberner Literaturkommission. Eine Buchhändlerin, zwei Literaturwissenschaftlerinnen und Hochschuldozentinnen, ein Journalist, ein Theaterwissenschaftler, eine Bibliothekarin und einige Leute mehr – mehr Frauen als Männer, alle kompetent in ihrem Beruf. Wir vergaben Preise für Bücher und Theaterstücke. Eines Tages stellten wir dann fest, dass wir in drei Jahren keine einzige Frau ausgezeichnet hatten. Ein paar Berner Autorinnen protestierten denn auch – zu Recht. Was war geschehen? Wir hatten über nichts anderes als «künstlerische Qualität» diskutiert – und sind damit gescheitert.

Kategorien des Fortschritts

Wohin also geht die Reise der Kulturpolitik, wohin soll sie gehen? Kleiner Exkurs: Das Leben ist ein Rätsel; seine Bedeutung liegt in sich selber. Die Bäume und Blumen, der drollige Nachbarsjunge, das süsse Kätzchen; sie sind nicht da, um mich oder irgendjemanden zu erfreuen, um mir oder irgendjemandem die Schönheit des Lebens zu zeigen. Das Leben hat keinen Zweck, ebenso wenig die Kunst. Gerade deswegen verweist sie auf das Rätsel des Lebens. Sie kennt auch, im Gegensatz zur Wissenschaft, die Kategorie des Fortschritts nur bedingt. Sie schreitet dennoch fort und verändert sich.

Die Fragen hören nicht auf. Wenn nicht mehr Jurys über die Vergabe von Kulturgeldern entscheiden, wer dann? Wer sitzt in den Theatern, wer in den Verlagen, und braucht es diese in Zukunft überhaupt noch? Und wer entscheidet darüber? Kann Demokratisierung von Kunst und Kultur etwas anderes bedeuten als die Zementierung von Mehrheitsverhältnissen? Ich bin mehr als zuversichtlich, was die Vitalität der Kunst- und Kulturlandschaft betrifft; und ich hoffe, dass sich der Verwaltungsapparat davon anstecken lässt.

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