Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

Exotinnen, die keine sein möchten

Es gibt sie, die Schweizer Musikerinnen in Jazz, Pop und Rock. Nur muss man sie auch finden. Aus diesem Grund wurde vor zwei Jahren die Plattform Helvetiarockt.ch gegründet.

Von Silvia Süess

The Plugin Babes bei einem Konzert im Bären Buchsi, Münchenbuchsee, mit Lisa Catena, Barbara Badertscher, Christine Wyder (am Schlagzeug) und Regula Frei.

«Herzlich willkommen! Ich bin Co Streiff. Hier bist du genau richtig. Los gehts!», begrüsst die Frau, mit einem Saxofon in den Händen, die BesucherInnen der Website www.helvetiarockt.ch. Die Musikerin steht auf einer Bühne neben einem Mikrofon, hinter ihr eine Gitarre, Verstärker und ein Piano. Helvetiarockt ist eine Vernetzungsplattform für Musikerinnen in Pop, Rock und Jazz. Jede Frau in der Schweiz, die Musik macht – egal auf welchem Niveau –, kann sich in der Datenbank registrieren.

Die Idee dieser Vernetzungsplattform kommt von der Musikerin, Sängerin und Tänzerin Judith Estermann. Als frühere Gleichstellungsbeauftragte an der Hochschule Luzern, Abteilung Musik, stellte sie fest, dass es an der Jazzabteilung kaum Instrumentalistinnen gibt. Sie setzte sich für die Nachwuchsförderung ein und baute mit ihrer Kollegin Isabel Iten schliesslich das Projekt Helvetiarockt auf. «Uns war wichtig, dass es ein unabhängiges Netzwerk ist, das an keine Musikhochschule angebunden ist», sagt Estermann, «denn wir merkten: Sobald es mit einer Hochschule in Verbindung gebracht wird, trauen sich viele junge Frauen nicht, sich einzuschreiben.»

Am 8. März 2010 wurde die Seite aufgeschaltet, bis heute haben sich über 200 Musikerinnen registriert. Die Suchmaske ist nach «Region», «Stil», «Instrument» und «Tätigkeit» unterteilt. Finden kann man hier nebst unbekannten Hobbymusikerinnen auch bekannte Grössen wie die Berner Rapperin und Beatboxerin Steff la Cheffe, Sus Zwick von Les Reines Prochaines oder die Zürcher Gitarristin und Sängerin Nadja Zela.

Sechzig Jahre fast frauenlos

Frauen in der Pop-, Rock- und Jazzmusik sind seit je eine Minderheit – in dieser Beziehung hat sich in den sechzig Jahren Schweizer Pop- und Rockgeschichte nicht viel verändert. Sicher, es gab und gibt sie, die Ausnahmen: In den späten siebziger und frühen achtziger Jahren entstanden Frauenbands wie Kleenex/Liliput oder Dangermice, die bekannt und erfolgreich waren. Heute sind es Singer-Songwriterinnen wie Sophie Hunger, Heidi Happy oder Anna Aaron, welche die männerdominierte Musikbranche etwas aufmischen. Doch auf den meisten Konzertbühnen fehlen die Instrumentalistinnen. Die Absenz der Frauen beginnt schon früher: in der Ausbildung. Eine kleine Umfrage an den Schweizer Musikhochschulen Luzern, Bern, Basel und Zürich (Fachrichtung Jazz und Pop) ist ernüchternd: Die wenigen Frauen, die Jazz oder Pop studieren, sind meistens angehende Sängerinnen (vgl. «Nur wenig Studentinnen»).

«Du bist irgendwie immer ein Freak, wenn du als Frau Rockmusik machst», sagt Regula Frei, Geschäftsstellenleiterin des Vereins Helvetiarockt, der hinter der gleichnamigen Website steht.

Sie spricht aus Erfahrung: Seit über zwanzig Jahren spielt Frei E-Bass und tritt sowohl mit Männerbands (Ray Wilko, Taco) wie auch mit Frauenbands (Jua*, The Plugin Babes) auf. Ihr Minderheitendasein sei ein Dilemma: «Klar hat es auch Vorteile, weil man dich schnell kennt. Doch es ist vor allem anstrengend, da man dich nicht als Musikerin für voll nimmt, sondern in erster Linie als Frau wahrnimmt.» Das habe auch damit zu tun, dass die Vergleiche fehlen.

Zu spüren bekam dies Regula Frei vor allem mit ihrer Band The Plugin Babes. Die Berner Frauenband um Sängerin und Songwriterin Barbara Badertscher trat während mehrerer Jahre mit eigenen Songs in der ganzen Schweiz auf. Einerseits, das ist Frei klar, konnten sie dank des Frauenbonus schneller auf Bühnen auftreten, auf die sie als Männerband wohl nicht so schnell gekommen wären. Andererseits wurden sie auch viel kritischer begutachtet.

Dieselbe Erfahrung macht auch Corinne Windler, Baritonsaxofonistin, Bassklarinettistin, Komponistin und Bandleaderin der achtköpfigen Frauenband X-elle: «Zuerst sind die Zuschauer immer sehr kritisch, so im Sinne von: Können diese Frauen das überhaupt? Dann, wenn sie gehört haben, dass wir das tatsächlich können, haben sie uns nicht selten gleich engagiert.» Windler ist seit dem Start von Helvetiarockt.ch in der Datenbank eingeschrieben und hat über diese schon eine Gitarristin und eine Schlagzeugerin gefunden. Sie findet es ein sehr gutes Projekt: «Ich kenne nur mein eigenes Netzwerk. Helvetiarockt erweitert dies, das finde ich wichtig.»

VeranstalterInnen sind unter Druck

Um die Plattform und die Schweizer Musikerinnen der Öffentlichkeit bekannter zu machen, hat Regula Frei weitere Ideen umgesetzt: Seit kurzem gibt es im Berner Musikladen Chop-Records in der Abteilung «Helvetiarockt» CDs von Schweizer Bands, in denen mehr als fünfzig Prozent der Beteiligten Frauen sind. Ausserdem organisiert Frei eine regelmässige Konzertreihe für Frauenbands, die noch dieses Jahr starten soll. Doch ihr grösster Wunsch ist im Grunde, dass solch spezielle Gefässe gar nicht mehr nötig sind, denn: «Sobald du solche Gefässe schaffst, geht es wieder um dieses Minderheitending, und du bist die Exotin.» Andererseits: Wenn es diese Gefässe gar nicht gibt, besteht die Gefahr, dass die wenigen Frauen ganz von der Bühne verschwinden. Keine Option ist es für Frei, die VeranstalterInnen in die Pflicht zu nehmen: «Veranstalter sind heute extrem unter Druck und müssen schauen, dass sie überhaupt überleben. Und da steht dann bei ihrer Programmation die Genderfrage nicht an erster Stelle.» Doch um Frauen besser auf die Bühne zu bringen, hat der Verein mit Unterstützung des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung von Frau und Mann seit kurzem die Musikerinnenvermittlungsagentur «Helvetiaonstage» gegründet, die noch im Aufbau ist.

Als einer der Gründe, dass Instrumentalistinnen in der Rock-, Pop- und Jazzmusik so selten sind, werden immer wieder die fehlenden Vorbilder genannt – die gibt es höchstens als Sängerinnen. Warum hat sich Regula Frei vor über zwanzig Jahren für den Bass entschieden? «Ich wollte doch nicht Bass spielen», lacht sie, «sondern lieber Keyboard, wie die anderen Mädchen in der Schülerband. Doch mein Musiklehrer drückte mir den E-Bass in die Hand, da ich bereits Cello spielte. Ich ging ein Jahr lang mit einer Schnute in den Unterricht. Aber heute bin ich meinem Lehrer unendlich dankbar!»

Sucht man auf Helvetiarockt.ch in den Kantonen Thurgau und Glarus nach Musikerinnen, findet man keine, im Kanton Baselland ist gerade mal eine registriert. Wo Vorbilder fehlen, sind Lehrerinnen oder Lehrer wie jener von Regula Frei umso mehr gefordert.

Helvetiarockt-Fest mit Corin Curschellas und Pamela Méndez in: Bern, 5ème Etage, 
Do, 29. März 2012, 20.30 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch