Nr. 39/2016 vom 29.09.2016

Gespaltene Freude beim Helfen

Von Eva Pfister

Asta ist nach 22 Jahren Einsatz in Nicaragua nach Deutschland zurückgekehrt. Hinter einer Drehtür am Flughafen München raucht die Krankenschwester ihre Duty-free-Zigaretten. Der Koffer ist irgendwo hängen geblieben. Aber was schlimmer ist: Sie weiss nicht, wohin. In Deutschland hat sie niemanden mehr. Sie ist auch gar nicht freiwillig zurückgekehrt, sondern wurde an ihrem 65. Geburtstag mit einem One-Way-Ticket freundlich, aber entschieden in Rente geschickt. Ihre Fehlleistungen hatten sich gehäuft, sie war nicht mehr zu brauchen.

Helfen sei ein «geiles Gefühl», sagten Schwesterschülerinnen, und in diesem trostlosen Moment an der Drehtür dämmert es Asta, dass HelferInnen sich oft auch selbst helfen wollen. Stimmen surren in ihrem Kopf und schicken ihre Gedanken in die Vergangenheit. Sie erinnert sich an den asiatischen Koch, den sie in Ostberlin nachts auf der Strasse auflas und dessen Zahnschmerzen sie mit Schnaps zu kurieren versuchte. Und an den Ostberliner Maler, den sie hoffnungslos anhimmelte und dem westliche Diplomaten zum Erfolg verhalfen – für einen Tag. Danach erfolgte der Absturz.

Helfen kann schiefgehen. Das kommt in einigen der Geschichten zum Ausdruck, die Katja Lange-Müller an ihrer «Drehtür» festmacht. Es kann aber auch gelingen, sogar, wenn der helfenden Person gar nicht klar ist, was geschieht. So passiert es einer deutschen Autorin, die zu einer Lesung nach Indien eingeladen wird. In den Slums von Kolkata wird sie mit dem Elend indischer Frauen konfrontiert, die einen Mordversuch wegen mangelnder Mitgift überlebt haben. In ihrem Schock verspricht sie, 150 gespendete Nähmaschinen aufzutreiben. Sie schafft das sogar, bleibt aber ein wenig gekränkt, weil sie versteht, dass sie nicht wegen ihrer literarischen Qualitäten eingeladen wurde.

Mit Erzähllust und Ironie schreibt Katja-Lange Müller über die Ambivalenz des Helfens. Sie habe überlegt, sagte die 65-jährige Berliner Autorin, was aus ihr geworden wäre, wenn sie Krankenschwester geblieben wäre. Denn als solche ist sie ausgebildet.

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