Nr. 39/2016 vom 29.09.2016

Wie kriminell macht die Farbe des Passes?

Das Bundesamt für Statistik schlüsselt neu auch die Nationalität von verurteilten StraftäterInnen auf. Das erkläre gar nichts, wenn man nicht den Ursachen von Kriminalität nachgehe, sagt Soziologe Ben Jann.

Interview: Merièm Strupler

Ben Jann

WOZ: Herr Jann, letzte Woche hat das Bundesamt für Statistik (BFS) eine Kriminalstatistik publiziert, die erstmals die Nationalität von verurteilten Personen offenlegt. Sie lehren Soziologie an der Universität Bern. Was halten Sie davon, Nationalität als Kategorie in einer solchen Untersuchung zu verwenden?
Ben Jann: Kriminalität und Ausländer bilden einen Themenkomplex, der die Leute beschäftigt, und es wird damit Politik gemacht. Wenn diese Zahlen unter den Teppich gekehrt würden, wäre das sicher der falsche Weg. Aber analytisch ist Nationalität eine unsinnige Kategorie.

Warum?
Was ist mit der Kategorie denn genau gemeint? Die Farbe des Passes etwa? Oder glaubt man, dass sich Leute wegen ihrer Kultur voneinander unterscheiden? Es gibt unterschiedliche Merkmale, die kriminalwissenschaftlich eine Rolle spielen können – aber die Nationalität an sich ist nicht aussagekräftig.

Viele Leute werden sich durch die Statistik in ihren rassistischen Ressentiments bestätigt fühlen. Die Schweizer Gefängnisse sind doch voller Ausländerinnen und Ausländer …
In den Gefängnissen sind ja auch viele ausländische Personen, die nicht in der Schweiz leben, sondern hier festgehalten werden. Das sind Leute, die man nicht zur ständigen Bevölkerung zählen kann. Es wäre zwingend, diese wichtige Unterscheidung zu machen. Weiterhin sind das Alter und das Geschlecht zwei wichtige Merkmale, um Kriminalität zu erklären. Demografisch gesehen kommen aus gewissen afrikanischen Regionen ziemlich viele junge Männer, das schlägt sich in der Statistik nieder.

Das Alter sowie das Geschlecht sind also sinnvollere Kategorien, um die Kriminalstatistik zu erklären?
Junge Männer bis dreissig brechen am häufigsten das Gesetz, das zeigt die Auswertung des BFS. Vergleicht man also die Daten von 18- bis 29-jährigen Ausländern mit denen von gleichaltrigen Schweizern, dann verringert sich der Unterschied in der Kriminalitätsquote um ein gutes Stück. Der verbleibende Unterschied lässt sich durch andere Merkmale erklären wie den Ausbildungsgrad oder die Familienverhältnisse. Es kann auch kulturelle Faktoren geben, zum Beispiel wie eine Gesellschaft häusliche Gewalt bewertet und ahndet oder ob jemand Krieg oder Gewalt erlebt hat. Aber das lässt sich nicht verallgemeinernd sagen. Der Punkt ist, man kann nicht einfach alles genuin einer Kultur zuschreiben.

Am wenigsten kriminell verhalten sich – laut BFS – die Einwanderer und Einwanderinnen aus Britannien, den USA, Belgien und Indien. Sind das tendenziell die reichen Expats in der Schweiz?
Das weist darauf hin, dass Ausländergruppen in der Schweiz sehr selektiv vertreten sind, sowohl bezüglich Geschlecht und Alter als auch bezüglich anderer Merkmale. Wenn man Kriminalitätsquoten über die Nationalität betrachtet, dann sieht man relativ eins zu eins einen Zusammenhang mit der sozialen Stellung der Ausländergruppen. Die Einwanderer aus Britannien sind meistens hochqualifizierte Leute. Und Hochqualifizierte begehen nun einmal seltener ein Raubdelikt als ungebildete Personen. Das gilt für Schweizer genauso wie für Ausländer.

Kriminalität ist also vielmehr eine Frage der sozialen Schicht sowie der ökonomischen Verhältnisse?
Ja, natürlich hat es mit der sozioökonomischen Position zu tun. Kriminalität hängt relativ stark mit den Möglichkeiten, die man auf dem Arbeitsmarkt hat, zusammen. Gerade bei Anstellungsverfahren zeigt sich, wie gewisse Gruppen diskriminiert werden. Wer schlechte Möglichkeiten hat, ist letztlich eher gezwungen, zu illegalen Mitteln zu greifen. Man könnte aber auch sagen, die ganze Strafverfolgung ist tendenziell selektiv.

Wie meinen Sie das?
Es geht um die Frage, was eigentlich kriminalisiert wird. Letztlich muss man dies gesellschaftlich definieren; gewisse Verhaltensformen werden stark kriminalisiert, andere weniger. Je stärker eine Gesellschaft etwa Drogen kriminalisiert, desto höher fällt die Kriminalitätsrate bei Jugendlichen aus.

Unter Schweizern soll nur jede 400. Person straffällig geworden sein. Ist das eine realistische Zahl?
Es gibt eine hohe Dunkelziffer. Viele Delikte werden nie zur Anzeige gebracht, nicht erfasst, oder man findet nie heraus, wer es war. Je nach Deliktart unterscheidet sich diese Dunkelziffer stark. Wenn eine Bevölkerungsgruppe vor allem Delikte mit einer hohen Aufklärungsquote begeht, dann wirkt sich dies wiederum auf die Zahlen in der Statistik aus.

Inwieweit hängen diese Zahlen mit der Polizeipraxis zusammen?
Das ist ein weiterer Aspekt: Wo wird überhaupt kontrolliert? Je öfter die Polizei eine bestimmte Gruppe von Personen kontrolliert, desto mehr Delikte wird sie in dieser Gruppe feststellen und desto höher sind wiederum deren Kriminalitätsquoten. Dies führt zu einem Verstärkungseffekt: Weil man bei einer bestimmten Gruppe mehr findet, hat man wiederum Argumente, um dort häufiger zu suchen – was die Quote abermals in die Höhe treibt.

Das BFS veröffentlichte die Nationalität der verurteilten Personen, weil diesbezüglich immer wieder Nachfragen aus dem Parlament, von Medienschaffenden, von Forscherinnen und Forschern kamen. Diese Zahlen lassen sich sehr gut politisch instrumentalisieren. Trägt das BFS auch eine politische Verantwortung?
Nun, das Bundesamt für Statistik versucht ja zu betonen, dass aus den veröffentlichten Zahlen keine Kausalität zwischen Nationalität und kriminellem Verhalten abgeleitet werden kann. Um wirklich nachvollziehen zu können, wie die Unterschiede zustande kommen, müssten gewisse Datenquellen miteinander verknüpft werden, zum Beispiel Bevölkerungsdaten zu Wohnort, Familie, finanziellen Verhältnissen und Bildungsgrad mit den Daten von den Strafurteilen. Letztlich ist dieses Thema politisch so aufgeladen, dass es gut wäre, mehr in die Tiefe zu gehen. Um eine entsprechende Forschung anzustossen, könnte auch der Bundesrat sagen: «Wir wollen dazu mehr Informationen!»

Angenommen, wir hätten mehr Informationen: Was dann?
Wenn man nicht genau weiss, wie sich die Unterschiede in der Kriminalitätsquote erklären, dann kann man gewisse Probleme auch nicht lösen. Aus dem Wissen zu den Ursachen könnte man sozialpolitische Massnahmen ableiten, etwa bezüglich Arbeitsmarktintegration. Dann wäre es kein Ausländerkriminalitätsproblem mehr, sondern eines aufgrund unterschiedlichen Zugangs zu Bildung oder ungleicher Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt.

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