Nr. 40/2016 vom 06.10.2016

Live auf dem Teppich

Die NZZ hat das Zurich Film Festival gekauft. Bleibt die Frage: Hat ein Festival, das einem Konzern gehört, Anspruch auf Kulturförderung?

Von Florian Keller

Auch ich hab mich einmal kaufen lassen vom Zurich Film Festival. Vor fünf Jahren wars, ich war als Jurymitglied eingeladen. Eine interessante Erfahrung, sogar die eine oder andere Freundschaft ist daraus entstanden, und mein Urteil über den «Schellen-Ursli» fiel später nicht milder aus, bloss weil Regisseur Xavier Koller damals auch in unserer Jury dabei gewesen war. Aber eben, da war noch diese schwere Schachtel, eine kleine Truhe fast, die wir zum Abschied und, so nehme ich an, als Dank für unsere Jurydienste überreicht bekommen hatten. Drin lag eine Schweizer Luxusuhr, Special Edition eines Sponsors, im Wert von 2500 Franken.

Getragen hab ich sie nie, die Uhr. Und trotzdem … Darf ich als Journalist ein solches Geschenk annehmen? Aber hey, andere Filmkritiker bekommen vom Zurich Film Festival (ZFF) ja gleich eine ganze Filmzeitschrift geschenkt, sie heisst «Frame». Also was ist schon so eine Uhr dagegen?

Das ZFF seinerseits hat sich jetzt bekanntlich auch kaufen lassen, und zwar von der NZZ-Mediengruppe. Das ist zwar schlecht für die Glaubwürdigkeit der Filmberichterstattung in der NZZ und der «NZZ am Sonntag». Aber in einer Branche, die sich durch allseitige Diversifikation in die Zukunft zu retten versucht, braucht man sich um so lässliche Dinge wie Glaubwürdigkeit im einstigen Kerngeschäft namens Journalismus offenbar nicht mehr zu kümmern.

Denglers Journalismusinterpretation

Man kann es natürlich auch machen wie Veit Dengler und gleich alles irgendwie zu journalistischer Arbeit erklären. Für den CEO der NZZ-Gruppe sind nämlich auch Veranstaltungen eine Form von Journalismus, wie er der «Bilanz» gegenüber erklärte. Dengler nennt das «Live Journalism». Folglich firmiert auch das Zurich Film Festival, das bei der NZZ-Gruppe jetzt in die Sparte «Business Medien» eingegliedert wird, bei seiner neuen Besitzerin irgendwie unter Journalismus. Und wenn Stargast Hugh Grant auf dem Teppich in die Menge winkt, ist das: Live Journalism!

Spätestens hier müssten die staatlichen Förderstellen, die das ZFF unterstützen, eigentlich hellhörig werden. Business Medien, Live Journalism: nicht eben zwingende Argumente, um Kulturgelder zu beanspruchen.

Aber das haben ZFF und NZZ offenbar gar nicht bedacht bei ihrem Deal: dass durch die Übernahme der Anspruch auf bereits gesprochene Fördergelder verfallen könnte. Bund, Stadt und Kanton Zürich unterstützen das ZFF mit insgesamt 810 000 Franken pro Jahr. Alle drei prüfen jetzt, inwiefern der Besitzerwechsel die jeweiligen Fördervereinbarungen tangiert. Die strengsten Bestimmungen gelten beim Bund. Dort hält die Verordnung zur Filmförderung ausdrücklich fest, dass Finanzhilfen für Festivals nur von Unternehmen beantragt werden können, «die selber keine zur Auswertung bestimmten Filme oder audiovisuelle Medieninhalte produzieren, mitfinanzieren oder bewerben» – eine Voraussetzung, die die NZZ-Gruppe mit ihren diversen regionalen TV- und Radiosendern und TV-Sendungen wie «NZZ Format» nicht erfüllt.

Danke, Einbrecher!

Das Präsidialdepartement der Stadt Zürich wiederum prüft, ob es aufgrund des Besitzerwechsels einen neuen Parlamentsbeschluss zur Förderung des ZFF braucht. Das ist die formaljuristische Seite. Grundlegender ist die kulturpolitische Frage: Ist die öffentliche Hand dazu da, ein Festival, das im Besitz eines Konzerns ist, mit Kulturgeldern zu unterstützen? Denn selbst wenn die Zurich Film Festival AG gemäss Statuten keine Gewinne ausschütten darf: Für die dazugehörige Vermarktungsfirma Spoundation gilt das nicht. Und die NZZ-Gruppe wird dieses Paket kaum gekauft haben, ohne eigene Geschäftsinteressen daran zu knüpfen. Die Zeiten, da sich Medienunternehmen kulturelles Mäzenatentum leisteten, sind längst vorbei.

Die Stadt, davon ist auszugehen, wird das ZFF nicht fallen lassen. Nur sollte sie ihren Beitrag besser als Standortförderung verbuchen, das wäre aufrichtiger. Wie der NZZ-CEO das Festival ja offenbar auch nicht primär als kulturellen Anlass in sein Portfolio aufgenommen hat.

PS: Die geschenkte Uhr ist mir längst weggekommen. Während der Ferien war eingebrochen worden, in der Wohnung aber fehlte fast nichts – ausser eben das einzige wirklich kostbare Stück, das bei uns zu holen war. Man hat mir die Uhr gestohlen und so mein journalistisches Gewissen geläutert.

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