Nr. 40/2016 vom 06.10.2016

Die wankelmütige Aktivistin

Von Rahel Locher

AnnaRosa ist das weibliche Pendant zu Don Quijote, stets bemüht im Kampf um Gerechtigkeit. Mit kreativen, zum Teil reichlich naiven Aktionen hinterlässt sie Spuren in der Stadt, oder sie lädt Obdachlose zu sich nach Hause ein. Dabei wird sie von den Folgen ihres Handelns oft selbst überrascht. Etwa als sie sich in ihrer impulsiven Art dafür entscheidet, Jusuf zu heiraten, um ihn vor der Abschiebung zu bewahren, nachdem ihr eine Mitstudentin beim Warten auf die S-Bahn von seiner Situation erzählt hat: «Bis die S-Bahn kam, war AnnaRosa so gut wie verheiratet.»

Die Hauptfigur im Roman «Don Quijotes Schwester» der deutschen Autorin Root Leeb steckt voller Einfälle und Energie, ist in ihrem Engagement aber ziemlich einsam und isoliert. So zumindest sieht das ihre Schwester, die Psychologiestudentin Melissa, die als Ich-Erzählerin auftritt. AnnaRosas politischen Aktionismus erklärt sie mit psychologischen Deutungsmustern, ihren Einsatz für ein humaneres Miteinander als hilflosen Versuch, die eigenen Schuldgefühle von sich fernzuhalten.

Als AnnaRosa eine Beziehung mit ihrem Archäologieprofessor eingeht, gerät sie selbst in einen Zwiespalt: «Sie war bereit, die Welt und all ihre Bedrohungen vor seiner Wohnungstür zu lassen.» Sie geniesst das Zusammensein, die gemeinsamen Reisen – und kommt sich dabei schizophren vor. Dann drängt sie dieser Konflikt zu einem nächsten drastischen Schritt. Sowieso entfaltet der Roman viel Dynamik: mit schnellen Wechseln von Erzählperspektiven und -zeiten, von Erfolgen und Rückschlägen – stets angetrieben von AnnaRosas Emotionalität.

Root Leeb verfällt in ihrem Buch einer einseitigen Darstellung von Aktivismus. Wo sie durchaus dessen Widersprüchlichkeit sichtbar machen könnte, greift sie auf klischeehafte Schilderungen zurück, die mit der Zeit ziemlich nerven. So erscheint es als unvorstellbar, dass der Wille zur Veränderung auch rationalen Überlegungen zur aktuellen Weltlage entspringen kann. Und dass politische Aktionen, zumal kollektiv getragene, nicht nur frustrieren, sondern auch ermächtigen können.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch