Nr. 05/2020 vom 30.01.2020

Wer braucht schon einen Patriarchen?

Regisseurin Greta Gerwig hätte in ihrer Verfilmung des feministischen Klassikers «Little Women» ruhig mutiger sein können. Zu sagen hat sie trotzdem etwas.

Von Caroline Baur

Im Frauenüberschuss herrscht Kraft: Emma Watson, Saoirse Ronan und Florence Pugh als Meg, Jo und Amy March. Still: Paterson-Entertainment

So einfach es ist, ins wohlige Schluchzen im Kino einzustimmen – Greta Gerwigs «Little Women» hinterlässt doch einen unbefriedigenden Nachgeschmack. Mit viel Leichtigkeit erzählt sie vom Heranwachsen der vier armen, aber eigenwilligen Schwestern Meg, Amy, Beth und Jo, aus dem gleichnamigen viktorianischen Roman von 1868 staubt sie dabei kleine feministische Perlen ab.

Bereits fünfmal wurde der autobiografische Roman der US-Schriftstellerin Louisa May Alcott (1832–1888) verfilmt, der bei seinem Erscheinen sofort grosse Erfolge feierte. Alcott hatte nicht erwartet, dass die Girlsstory irgendwen interessieren würde. «Little Women» ging aber als feministischer Klassiker in die Literaturgeschichte ein, denn die March-Schwestern, insbesondere die impulsive Jo, inspirierten viele Frauen, sich Geschlechterzwängen nicht zu beugen. So ist auch Gerwigs Verfilmung eine Wette darauf, dass aus dem Stoff noch einiges an Identifikationspotenzial für die Gegenwart herauszuholen ist.

Auf innere und gesellschaftliche Konflikte von Frauen bietet ihr Film jedoch kaum neue Perspektiven. Und wo sich Gerwig von der Vorlage löst und die Vergangenheit fast etwas verkrampft für die Gegenwart aufbereitet, geschieht das halbherzig. Bei Alcott gibt Schwester Jo am Ende ihr Lebensziel auf, um sich stattdessen Ehemann und Kindern zu widmen. Der Selbstverwirklichungsfeminismus von Gerwigs Verfilmung bleibt nun wie ein abgeklemmter Orgasmus auf halber Strecke stecken. Hier schafft es Jo (Saoirse Ronan) zwar, als Schriftstellerin anerkannt und finanziell unabhängig zu werden, und sie weiss auch, ganz zeitgemäss, wie man verhandelt. Wenn es aber um den Plot ihres Romans geht, knickt sie dann doch vor dem Verlegermogul ein und akzeptiert, dass sich ein Happy End, sprich Heirat, besser verkauft als ihre «heroine spinster», ihre jungfräuliche Heldin.

Der Schönling weiss es besser

Unmissverständlich ist dies auch ein Metakommentar der Regisseurin dazu, wie sie die Verfilmung angegangen ist: nämlich in der Absicht, einen teuren Instant-Mainstream-Klassiker unter den Bedingungen Hollywoods zu produzieren, um darin zugleich subtilere Botschaften zu verstecken. Auch Shakespeare habe gewusst, wie er seine Poesie in populäre Literatur verpacke, lautet eine Schlüsselzeile des Films. Sie kommt von einem französischen Schönling, dem Professor Friedrich Bhaer (Louis Garrel), der es als Erster wagt, Jos Geschichten vernichtend zu kritisieren. Es ist dann allerdings weder subtil noch poetisch, wenn Jo genau diesem Mann verfällt, nach all den Jahren, in denen sie gegen die Ehe gekämpft hat. Braucht es wirklich den arroganten Besserwisser als Auserwählten und Mentor, der ein wildes Herz wie das Jos weichkriegt?

Was auch irritiert: Gerwig schafft es nicht, die Armut der Familie March im Kontext des Bürgerkriegs spürbar zu machen. Das Haus, in dem sie leben, wäre für heutige Verhältnisse eine kleine Villa. Sie lässt die Schwestern meist in ihrer Freizeit und als gut gekleidete Brockenstubenhipster aus dem frühen 19. Jahrhundert auftreten.

Hat man aber einige Scheuklappen installiert, kann man sich Gerwigs Erzähltalent hingeben. Zum einen steckt viel Kraft in diesem Frauenüberschuss unter dem Schutzschirm der Mutter Marmee (Laura Dern), die zu den komplexeren Figuren im Film gehört. Gerwig bricht das Bild der durch und durch integren, grosszügigen und immer geduldigen Mutter, indem sie auch deren unterdrückten inneren Kampf zeigt: «Ich bin jeden Tag wütend.» Geduld und Grosszügigkeit zeigen sich nicht als weibliche Charaktereigenschaften, sondern als hart erkämpfte Qualitäten.

Magie im Bienennest

Ungestört von patriarchalen Strukturen kann sich in diesem Haus ein schwesterlicher Pakt voller Verspieltheit entfalten. In Abwesenheit eines Patriarchen befeuern die vier Schwestern einander in ihrem Tatendrang, in ihrem Witz und ihrer Sorge umeinander. Sei es das Schreiben für Jo, die Schauspielerei für Meg (Emma Watson), die Malerei für Amy (Florence Pugh) oder das Klavierspiel für die kranke Beth (Eliza Scanlen): Der künstlerische Ausdruck steht allen zu und ist kein Exklusivrecht für die Talentierteste. Und vor allem, so lernen die Töchter von ihrer Mutter, ist Kreativität nichts Egozentrisches: «Tus für jemand anderen.» Der Haushalt gleicht einem Bienennest, wo der Honig für alle in Fülle fliesst. Sogar der reiche Nachbarsjunge Laurie (Timothée Chalamet) darf naschen, ohne dass er viel Einfluss auf die Eigendynamik dieses Klubs hätte.

Zum anderen hat die Freundschaft zwischen Laurie und Jo etwas Magisches, und das liegt nicht zuletzt an der Besetzung. Ronan und Chalamet haben sich schon in Gerwigs «Lady Bird» (2017) warmgespielt. Angetan vom gemeinsamen Nerdtum, sind Jo und Laurie auf Anhieb zärtliche KomplizInnen. Gerwig rührt hier an das Begehren nach einer Liebesbeziehung, in der sich die Geschlechter auf Augenhöhe begegnen, mit einer grossen Portion Freiheit und Humor. Dass diese Beziehung für Jo zu wenig erotischen Reiz hat, enttäuscht irgendwie und rüttelt wenigstens leise am Happy End. Wer eine sentimentale Minikatharsis braucht und in den Genuss der Atmosphäre dieser Art von feministischem Safe Space kommen möchte, wird «Little Women» mögen. Trotzdem schade, dass Greta Gerwig es nicht gewagt hat, ein unverbrauchtes, komplexeres Happy End zu erfinden.

Jetzt im Kino.

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