Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

Wenn die Masse irrt

Menschen opfern, um mehr Menschen zu retten: Die Produktion «Terror – Ihr Urteil» hat diese Debatte nun auch im TV öffentlich inszeniert.

Von Stefan Howald

In der Schweiz war das Resultat ein klein bisschen weniger überwältigend als in Deutschland und Österreich. Aber es liess auch hier nicht an Deutlichkeit zu wünschen übrig: 84 Prozent – statt 86,9 wie in den beiden andern Ländern – sprachen sich am Montagabend in einer TV-Publikumsabstimmung dafür aus, den Luftwaffenpiloten Lars Koch freizusprechen. Die plebiszitäre Demokratie, organisiert in einer Eurovisionsproduktion von SRF, ARD und ORF, meinte, Lars Koch habe zu Recht ein von Terroristen entführtes Passagierflugzeug abgeschossen. Obwohl er dabei 164 Menschen tötete, habe er 70 000 Menschen gerettet, die bei einem Absturz des Flugzeugs auf ein Fussballstadion ums Leben gekommen wären.

Aber das Resultat ist das Unwichtigste, hat der Jurist und Autor Ferdinand von Schirach, auf dessen Theaterstück «Terror» der der Abstimmung vorausgehende Fernsehfilm beruht, im grossen WOZ-Interview versichert (siehe WOZ Nr. 41/2016). Wichtiger sei es, dass eine öffentliche Debatte um solche Fragen stattfinde. Die Schlussabstimmung sei nur Mittel zum Zweck, um die ZuschauerInnen mehr zu engagieren – wobei von Schirach die bisherigen Mehrheitsentscheidungen, den Piloten freizusprechen, persönlich falsch findet.

Die Einschaltquoten waren ansehnlich, und das gross angelegte Unternehmen hat sich auch von der Medienaufmerksamkeit her gelohnt. Doch es bleibt dessen Dilemma, zu einer differenzierten Betrachtung anregen zu wollen und die dann auf eine einfache Ja-Nein-Entscheidung zuzuspitzen.

Gesunder Menschenverstand

Die Fernsehinszenierung versuchte sich zu Beginn ein bisschen an angelsächsischem Gerichtssaalgroove, mit einem aufsässigen Verteidiger, der sich mit dem Gerichtsvorsitzenden anlegte, wurde dann aber bald fadengerade. Die Vorlage bietet durchaus Differenzierungen an: Die Staatsanwältin rückt die Verantwortung der Einsatzleitung in den Vordergrund; die Witwe von einem der getöteten Passagiere wirft als Nebenklägerin ein menschliches Schicksal in die Waagschale. Doch die Besetzung des Piloten mit dem jugendlichen Heldendarsteller Florian David Fitz hat wohl ein paar zusätzliche Prozentpunkte für den Freispruch eingebracht.

Zudem zielt die Versuchsanlage grundsätzlich zuerst einmal auf den gesunden Menschenverstand. 164 Menschen opfern, um 70 000 Menschen zu retten? Keine Frage!

Rechtspopulistischer Diskurs

Der gesunde Menschenverstand ist aber weder gesund noch natürlich; er ist ein Konstrukt. Hegel hat ihm vorgeworfen, im falschen Besonderen zu verharren; Marx hat ihn als Ideologie des Spiessbürgers verhöhnt, und Gramsci hat immerhin differenziert, dass der Common Sense widersprüchlich sei.

Wenn der gesunde Menschenverstand mit dem Konkreten argumentiert, ist er schwer zu widerlegen. Deshalb kann der Einzelfall nicht Recht setzen. Deshalb braucht es übergeordnete Rechtsprinzipien. Das will von Schirach vorführen. Es ist eine zugegeben schwierige, komplexe Diskussion. Die «Arena Spezial» von SRF im Anschluss an Film und Abstimmung war ihr kaum gewachsen.

Sie ordnete die Positionen entlang der Parteilinien an: Thomas Hurter (SVP) und Philipp Müller (FDP) fanden den Abschuss gerechtfertigt, Chantal Galladé (SP) und Josef Lang (Grüne) wollten den Piloten aus rechtsstaatlichen Gründen verurteilt wissen, auch wenn man seine altruistischen Motive anerkennen müsse. Diese politische Zuordnung ist nicht zwingend, kam aber dem rechtspopulistischen Diskurs entgegen: der eigenverantwortlich handelnde Einzelne im Einsatz für den Schutz der grossen Masse. Hurter und Müller konnten gegen die abstrakten, angeblich unmenschlichen Staatsprinzipien die handfeste Aufrechnung ins Feld führen: 70 000 gerettete Menschen. Josef Lang versuchte dagegen, deutlich zu machen: Auch die Würde jedes einzelnen Passagiers, die der Staat zu schützen hat und deshalb nicht verletzen darf, ist konkret. Das ging unter.

In der ARD ging es etwas gediegener und grundsätzlicher zu, insbesondere Exbundesinnenminister Gerhart Baum kritisierte das ganze Verfahren als schief, und die Theologin Petra Bahr meinte, eine solche Entscheidung jedem Einzelnen zu überlassen, sei eine Amtsanmassung.

Unter diesem Gesichtspunkt schliesst die Debatte über den Gerichtsfall an diejenige über die direkte Demokratie an. Hat der gesunde Menschenverstand des Volks immer recht? Nein. Deshalb muss man seine Widersprüche wohl noch öfter aufzulösen versuchen.

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