Nr. 04/2013 vom 24.01.2013

«Es sind Projekte da, die explodieren könnten – wenn der Funke springt»

Urs Fitze ist Leiter der Abteilung Fiktion beim Schweizer Fernsehen. Ein Gespräch über den Einfluss des Fernsehens bei der Produktion von Kinospielfilmen, den «Bestatter» und das «dänische Serienwunder».

Interview: Geri Krebs und Silvia SüessMail an AutorIn

WOZ: Herr Fitze, Sie sind seit gut einem Jahr Leiter der Abteilung Fiktion beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). In dieser Position entscheiden Sie, ob sich das Fernsehen an der Produktion eines Kinospielfilms beteiligt oder nicht. Damit sind Sie eine der mächtigsten Personen im Schweizer Film. Wie fühlt sich das an?
Urs Fitze: Wir als SRF sind einer der wichtigsten Koproduzenten der Schweizer Filmschaffenden, aber wir sind ein Team, ich beurteile und bewillige nicht alleine. Wir sind uns unserer wichtigen Rolle für das Schweizer Filmschaffen bewusst und nehmen unsere Verantwortung sehr ernst. Meine Arbeit finde ich extrem spannend, interessant und dankbar, denn ich kann Dinge ermöglichen. Das ist der schöne Teil daran. Doch gibt es immer wieder auch Projekte, denen wir nicht zur Realisierung verhelfen können. Ich sehe mich aber eher als Ermöglicher, nicht als Verhinderer.

Von Filmschaffenden gibt es den Vorwurf, SRF gebe zwar Geld für Kinospielfilmproduktionen, doch wegen des Interesses, den Film auch im Fernsehen auszustrahlen, drücke man die Produktionen in ein eher seichtes Fernsehformat.
Das ist sicher nicht unser Interesse. Bei uns steht bei der Produktion eines Kinospielfilms an erster Stelle, wie er im Kino und nicht wie er im Fernsehen funktioniert.

Aber selbstverständlich haben wir als Koproduzent mehr Einfluss auf das Produkt als das Bundesamt für Kultur oder die Zürcher Filmstiftung. Diese sind im Unterschied zu uns Förderer und nicht Koproduzenten. Wir produzieren den Film gemeinsam mit einem Produzenten aus der Branche und begleiten das Projekt vom Anfang bis zum Ende: Wir unterstützen die Filme mit unserem Know-how, wir machen Drehbuchbesprechungen und Set-Besuche und gehen an Rohschnittabnahmen – das macht ein Förderer nicht.

2012 war ein enttäuschendes Jahr für den Schweizer Kinospielfilm: Unter den Top Ten der Schweizer Filme im Kino sind sechs Dokumentarfilme, aber nur vier Spielfilme.
Zuerst einmal freut es mich, dass die Dokumentarfilme so gut abschneiden. Diese werden auch vom SRF mitfinanziert, und sie machen uns vor, wie fiktionale Filme funktionieren könnten.

Wir versuchen alles, um in den nächsten Jahren mit den fiktionalen Produktionen ebenso erfolgreich zu werden. Die Schweiz hat eine lange Tradition mit Dokumentarfilmen, das ist auch ein Grund für ihren Erfolg. Wir werden nicht von 2012 auf 2013 eine neue Spielfilmlandschaft haben. Hier müssen wir längerfristige Strategien verfolgen.

Wie sehen die aus?
Man kann ja nicht alles steuern, manchmal müssen Dinge auch einfach passieren: Die richtigen Leute müssen zur richtigen Zeit mit den richtigen Instrumenten am richtigen Ort sein. Diese Instrumente können wir zur Verfügung stellen. Und jetzt, da bin ich überzeugt, kommt eine neue Generation aus den Filmschulen, junge Filmemacher mit einer guten Ausbildung und guten Projekten. Diesen Leuten müssen wir ein gutes Umfeld bieten: Ich kann den Boden bearbeiten, damit es schöne Blumen gibt, aber ich kann nicht die Blüten machen – das ist die Aufgabe der Filmemacher. In Dänemark zum Beispiel – ein gern zitierter Vergleich – kam alles im richtigen Moment zusammen: Lars von Trier gab an der richtigen Schule Unterricht, dort studierten die richtigen Leute, sie hatten die passenden Fördermassnahmen – und zack, sprang der Funke. Auch bei uns sind Projekte kurz vor der Vollendung, die explodieren könnten – nur muss der Funke jetzt dann kommen. Dieses Jahr kommt etwa Pierre Monnards «Recycling Lily» in die Kinos. Eine Komödie über einen Müllinspektor, von der ich mir vorstellen könnte, dass sie ein Hit wird. Weiter wird Thomas Imbachs Historienfilm «Mary. Queen of Scots» herauskommen, auf den ich sehr gespannt bin. «Sitting Next to Zoé» von Ivana Lalovic und «Traumland» von Petra Volpe sind vielversprechende Kinoerstlinge, auch Peter Luisi dreht einen neuen Spielfilm.

Das dänische Kino sowie die dänischen Serien sind unbequem und verstören inhaltlich und formal. Das vermissen wir beim Deutschschweizer Spielfilm, der selten etwas riskiert. Warum diese Angst, unbequem zu sein?
Ich glaube nicht, dass wir Angst davor haben, unbequem zu sein. Vielmehr scheint mir in der Schweiz eine gewisse Dringlichkeit zu fehlen. Am Fernsehen liegt es auf jeden Fall nicht, denn ich sehe es als Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens an, auch Projekte mit schwierigen, anspruchsvollen und heiklen Themen zu unterstützen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir den Deutschschweizer Filmen seit Jahren vorwerfen, sie seien zu wenig erfolgreich. Als Folge davon versucht man dann, erfolgreich zu sein und gefällige Filme zu machen. Da beisst sich die Katze also in den Schwanz.

Das grösste Defizit beim Schweizer Film liege bei den Drehbüchern – das hört man öfter in Interviews. Was halten Sie davon?
Nein, das würde ich nicht so allgemein sagen. Natürlich sind Drehbücher zentral. Aber ein Film ist ein Gesamtkunstwerk, da müssen ganz viele Faktoren stimmen. Es sind auch schon aus mittelprächtigen Drehbüchern gute Filme entstanden.

Ein Zitat von Billy Wilder lautet allerdings, aus einem schlechten Drehbuch könne kein guter Film entstehen, aber aus einem guten Drehbuch ein schlechter Film.
Ich habe das Drehbuch von «Drive» von Nicolas Winding Refn nicht gelesen, aber das hat sicher auf zwei Seiten Platz – der Film ist dennoch hervorragend. Aber, und das würde Billy Wilder wohl auch unterschreiben, es gibt keinen guten Film mit schlechten Schauspielern. Für mich sind die Schauspieler und das Drehbuch die wichtigsten Elemente im Film. In der Schweiz gibt es nicht viele Regisseure, die wirklich viel Erfahrung im Führen von Schauspielern haben. Daniel Schmid war darin ein Meister. Die Inszenierung und damit die Schauspielleistung sind meines Erachtens ebenso entscheidend für das Gelingen eines Films wie ein gutes Drehbuch.

Der dänische TV-Produzent Ingolf Gabold sagt, man müsse Drehbuchautoren wie Könige behandeln.
Diese Aussage unterschreibe ich sofort. Die Autoren sind die zentralen Figuren in einem Projekt. Auch bei uns ist die Zusammenarbeit mit den Autoren bei Fernsehfilmen und bei Serien sehr gut und eng. Dänemark geht weiter, sie stellen die Autoren an, das würden wir auch gerne, aber das ergibt nur Sinn, wenn man jedes Jahr Dutzende von Filmen und Serienfolgen produziert. So weit sind wir – noch – nicht.

Auch was die Fernsehserien angeht, sind uns die Dänen weit voraus: Mit Serien wie «Borgen» erhalten sie internationale Aufmerksamkeit, das Schweizer Fernsehen hat seit Jahren keine eigene Serie mehr produziert, seit Januar läuft nun «Der Bestatter».
Die ersten Folgen von «Der Bestatter» sind beim Publikum sehr gut angekommen, und wir haben auch bereits Anfragen aus dem Ausland. Also ein durchaus vielversprechender Start. Zurück zum «dänischen Serienwunder»: Das dänische Fernsehen hat eine ganz andere Geschichte als wir. «Borgen» kommt nicht aus dem Nichts: Die produzieren dort seit zwanzig Jahren Serien, und jetzt sind mit «Borgen», «The Killing» und «The Bridge» Serien gekommen, die auch international für Aufsehen sorgen. Aber zuvor haben sie während zwanzig Jahren Serien gemacht, die noch nicht diese hohe Beachtung gefunden haben. Auch für den Schweizer Spielfilm braucht es das. Wir müssen dranbleiben, viel und gut arbeiten und die Geduld nicht verlieren.

Die letzte Serie von SRF war «Tag und Nacht» und wurde 2009 eingestellt. Warum dauerte es so lange, bis eine neue Serie produziert wurde?
Die Produktion einer eigenen Serie ist sehr teuer, die Umsetzung fiktionaler Stoffe kostet viel Geld – gleichzeitig ist die Eigenproduktion einer Serie aber auch Kerngeschäft eines TV-Senders, sie prägt dessen Image. Leider ist «Tag und Nacht» beim Publikum durchgefallen, deshalb haben wir eine längere Denkpause gemacht, wir wollten daraus Lehren ziehen, um nicht die gleichen Fehler zu wiederholen. So haben wir nur vier Folgen von «Der Bestatter» gedreht und nicht gleich 36 wie bei «Tag und Nacht». Wir hoffen natürlich, dass wir schon in diesem Jahr weitere Folgen produzieren können.

Die Eigenproduktion von Fernsehfilmen und Serien ist auch wichtig für die freien Filmschaffenden. Hier können sie ihr Handwerk erlernen und Geld verdienen.
Sie sind wichtig für die Professionalisierung der Filmschaffenden. Hier ist auch die Produktion vom «Tatort» eine gute Sache, auch wenn der Schweizer «Tatort» manchmal kritisiert wird. Unsere Drehbuchautorinnen, Regisseure, Schauspielerinnen und Produktionsfirmen können sich zweimal im Jahr einem Millionenpublikum präsentieren, das ist doch toll. Und für uns ist wichtig, dieses Know-how der Filmbranche für unsere Programme nutzen zu können. Im Idealfall können also beide Seiten voneinander profitieren. Wir sind auf einem guten Weg: Und wenn die positive Grundstimmung in Bezug auf «Der Bestatter» anhält, machen wir natürlich weiter mit mehr Schwung – und dann sind wir bald so gut wie die Dänen.

In zwanzig Jahren vielleicht …
Keine Angst, so lange wird es nicht dauern.

Aber wir Schweizer sind ja nicht gerade bekannt dafür, besonders schnell zu sein …
Da muss ich Ihnen widersprechen. Der Drehbeginn für «Der Bestatter» war vor ziemlich genau vier Monaten – und jetzt haben wir vier Folgen am Bildschirm, viermal eine Stunde. Sie sehen, wir können auch schnell sein.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch