Nr. 43/2016 vom 27.10.2016

Bitterer Patriotismus

Hans-Rudolf Strasser, einstiger Sprecher des Militärdepartements und Führungsmitglied der Geheimarmee P-26, wurde 2007 offiziell vom Generalstab verdankt, obwohl die Geheimarmee den Ideen des Rechtsstaats widersprach. Er blieb verbittert bis in den Tod – und darüber hinaus.

Von Carlos Hanimann

Man hatte sie schon fast vergessen geglaubt, die Mitglieder der einstigen Geheimarmee P-26. Dann und wann fand eine Würdigung im Verborgenen statt, etwa im Sommer 2012, als in Spiez acht ehemalige Berner und Solothurner Mitglieder geehrt wurden, oder im Frühling 2015, als der Baselländer Sicherheitsdirektor 25 ehemalige Mitglieder rehabilitierte. Es folgte jeweils ein kurzer öffentlicher Aufschrei: Geschichtsklitterung! Geheimarmee ausserhalb rechtsstaatlicher Kontrolle! Danach ging man wieder zur Tagesordnung über. Hie und da erschienen Todesanzeigen der «Ehemaligenvereinigung der Kader-Organisation für den Widerstand im feindbesetzten Gebiet C717» – kuriose Nachrufe auf Kalte Krieger, die sich im stillen Dienst am Vaterland wähnten und deren Feindbilder nach 1990 zusammenkrachten wie die Berliner Mauer.

Dann starb am 23. Juni dieses Jahres der 79-jährige Hans-Rudolf Strasser, der einstige Sprecher des Eidgenössischen Militärdepartements und – in zweiter Funktion mit Deckname «Franz» – eine Führungsfigur des «Projekts 26», der 1990 aufgeflogenen «Widerstandsorganisation», als deren Mitglieder sich die überlebenden Aktivisten selbst 26 Jahre nach der Auflösung noch heute sehen.

Abrechnung eines Ungehörten

Die Todesanzeige Strassers war die Abrechnung eines Ungehörten: «Franz» sei verraten und enttarnt worden, Bundesrat Kaspar Villiger habe ihn, «durch die Fichenpsychose im Parlament restlos entnervt», aus dem Amt gejagt. Die Anzeige war ein verbitterter Rundumschlag voller Sehnsucht nach Anerkennung, die Strasser schon ein Jahr vor seinem Tod aufgesetzt hatte und die seine Kameraden Heinrich Eichenberger und Felix Nöthiger in der NZZ erscheinen liessen. Acht Tage nach Strassers Tod starb auch seine Frau, Yvonne, 66-jährig, die für den offiziellen Geheimdienst gearbeitet hatte. Für sie blieben in der Todesanzeige zwei dürre Zeilen.

Bei der Trauerfeier präsentierte offizielle Anerkennung der Dienste Strassers durch den Generalstab. (grosse Ansicht) Foto: Carlos Hanimann

Am Freitag fand nun die Trauerfeier für die beiden verstorbenen AgentInnen im Berner Münster statt. Die aufsehenerregende Todesanzeige hatte wie ein Versprechen geklungen, die Ankündigung eines wütenden, aber stolzen Abgangs. Stattdessen: prüfende Blicke unter den Lauben, graue Gesichter in weiten Mänteln, zackige Schritte über nasskaltem Kopfsteinpflaster, trotziges Grummeln zu festlichen Orgelklängen. Der postume Anschlag Strassers wirkte plötzlich nur noch wie der Rülpser eines Griesgrams aus dem Jenseits.

Knapp 300 Menschen versammelten sich im finsteren Berner Münster, wo Baugerüste und eine Holztribüne von Renovationsarbeiten zeugten. Der prominenteste Gast war der Berner SVP-Grossrat Thomas Fuchs. Ausserdem waren da: ein Journalist von der «Weltwoche» und einer von der «Aargauer Zeitung». Es war eine ziemlich trostlose Veranstaltung. Nur ein einziger Mann erschien in Militäruniform.

Die Münsterpfarrerin erklärte bei der Abdankung den Kalten Krieg im Schnelldurchlauf und las dazu Texte von zwei Vertrauten der Verstorbenen vor, einen dritten las Militärhistoriker und P-26-Kamerad Felix Nöthiger. Doch irgendwie wirkte alles sehr distanziert, mürrisch, einsam. Ihre offenbar engsten FreundInnen hatte das Ehepaar Strasser 2010 bei einer Englandkreuzfahrt auf der «MS Delphin» getroffen. Zur britischen Insel hatten sie von jeher einen besonderen Bezug: Hans-Rudolf und Yvonne Strasser besuchten beide Ausbildungskurse im schottischen Fort Monckton beim MI6. Die Schweizer Geheimorganisation P-26 unterhielt offenbar engere Verbindungen zum britischen Auslandsgeheimdienst als gemeinhin bekannt.

Dienen, schweigen, sterben

Bis zu ihrem Tod wohnte das Paar im Berner Simmental. Der Geheimarmist und die Geheimdienstlerin lebten dort hinter einer Mauer des Schweigens, dahin hatten sie sich vor Jahrzehnten selber begeben. «Dienen und schweigen» stand auch auf der Todesanzeige. Die Pfarrerin wiederholte diese Worte vergangenen Freitag immer wieder, bis sie nur noch hohl durch die gut gefüllte Kirche hallten: Wem gedient? Und wofür?

Neben dem Traueraltar prangte ein Foto des Ehepaars Strasser, und davor, gewissermassen im Zentrum der Veranstaltung, standen zwei gerahmte Urkunden der Eidgenossenschaft. Sie wiesen «Dr. jur. Hans Rudolf Strasser v/o Franz» als «Stabsmitglied Spezialdienst und P-26» aus und beschrieben ihn als «Chef Gewaltloser Widerstand Spez D/P-26». 21 Jahre lang hatte Oberst Strasser in der Geheimorganisation P-26 gedient. Er sah das bis zuletzt als patriotische Tat, allen Verurteilungen der Organisation als «illegal» und «undemokratisch» zum Trotz. Als Dank erhielt er ein Blatt Papier, am 7. Juli 2007 von drei Generalstabschefs unterzeichnet: «Die Vorbereitung des Widerstands war während Jahrzehnten ein zwar geheimer, aber unerlässlicher Teil einer glaubwürdigen Gesamtverteidigung», heisst es da.

«Dienen und schweigen», sagte die Pfarrerin schon wieder. Die Orgel spielte «Time to Say Goodbye», danach ertönte «Grosser Gott wir loben dich». Kaum Gesang, keine Tränen, auch keine Freude. Beim Ausgang gab es eine Kollekte für das P-26-Museum in Gstaad, das irgendwann eröffnet werden soll. Die Männer und Frauen verliessen das Münster so, wie sie gekommen waren: leise, grimmig, unerkannt. Hin und wieder klimperten ein paar Münzen.