Nr. 43/2016 vom 27.10.2016

Wer draussen spielt, sieht mehr fern!

Von Franziska Meister

Brillen sind ein beliebtes Hipsteraccessoire – zur Not auch mit Fensterglas. Der Look ist das eine, das andere ist: Brillen machen intelligent. Sogar die Ratgeberliteratur empfiehlt fürs Vorstellungsgespräch den Griff zur Brille. Doch sind intelligente Menschen tatsächlich häufiger kurzsichtig? Die Augenklinik der Uni Mainz hat zu dieser Frage 4000 Personen im Alter von 40 bis 79 einem Test unterzogen, der die Fähigkeit misst, logisch zu denken, zu planen und Probleme zu lösen. Siehe da: Die Kurzsichtigen schnitten besser ab – je kurzsichtiger, umso besser sogar. Tatsächlich ausschlaggebend für die Wahrscheinlichkeit, kurzsichtig zu werden, ist aber das Bildungsniveau. Wer länger die Schulbank drückt, ist häufiger kurzsichtig.

Nun ist es kein Geheimnis, dass in den letzten Jahrzehnten die Kurzsichtigkeit in der industrialisierten Welt zugenommen hat. Man kann das, wie es das «Deutsche Ärzteblatt» bereits 1997 formulierte, auch als «sinnvolle evolutionäre Anpassung» an die Tatsache auffassen, «dass ein immer höherer Bevölkerungsanteil einen immer grösseren Teil seiner Lebenszeit unter Bedingungen visueller Anforderung im Nahbereich» verbringt: TV, Computer, Tablet, Smartphone – das ganze Programm. Daraus könnte man folgern, dass Kurzsichtigkeit in künftigen Generationen epidemisch wird (was die MainzerInnen als Nächstes untersuchen wollen – wir sind gespannt auf die dann noch verbleibende Korrelation mit der Bildung).

Warum Menschen kurzsichtig werden, ist indes nach wie vor unklar. Eine Vergleichsstudie zwischen asiatischen und australischen Kindern hat gezeigt, dass – obwohl beide Gruppen elektronische Geräte ähnlich häufig nutzten – fast jedes dritte Kind aus Singapur kurzsichtig war, in Australien waren es nur drei Prozent. Die Kinder unterschieden sich nur in einer Hinsicht: Die australischen verbrachten mehr Zeit mit Spielen im Freien. Wer wirklich schlau ist, merkt sich also: Es gibt gute Gründe, Computer und Handy öfter den Rücken zu kehren und draussen den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Wissenschaftlich empfohlen, sozusagen.

Die Originalstudie auf Englisch finden Sie unter http://iovs.arvojournals.org/article.aspx?articleid=2565722.