Nr. 24/2022 vom 16.06.2022

Eine wunderbare Fundgrube

Von Silvia SüessMail an Autor:in

Seine E-Mails schrieb er immer in Grossbuchstaben, eine Band, die zu früh zum Termin erschien, liess er warten, und auf der Bühne musste alles genau so eingerichtet sein, wie er wollte. «Musik ist Sache des Timings. Magie ebenso. Damit der Live-Moment seine ganze Magie entfalten kann, muss das Timing stimmen», schreibt die Musikerin Evelinn Trouble in ihrem liebevollen Porträt über den 2016 viel zu früh verstorbenen «Master of Ceremony» Bädu Anliker, der mit dem Café Mokka in Thun einen ganz eigenen Musikplaneten erschaffen hatte.

Troubles Text ist eines von «Vierundvierzig Porträts aus Leidenschaft» – so der Untertitel des Buchs «Projekt Schweiz», herausgegeben vom früheren WOZ-Redaktor Stefan Howald. Das Buch ist eine wunderbare Fundgrube, in der man auf Altbekannte trifft, sie jedoch mit neuen Augen sieht, sowie viele neue Persönlichkeiten entdeckt. Verfasst sind die bebilderten Porträts von 44 Autor:innen, die Persönlichkeiten auswählten, die sie für wichtig halten.

Das Buch beginnt mit einem Brief von Ruth Schweikert an Paulette Brupbacher-Raygrodski, Ärztin, Mutter, Sexualreformerin, Flüchtlingshelferin und Publizistin, deren Vortrag über Empfängnisverhütung 1936 empört als «unflätig» und «sittenwidrig» abgetan wurde. Auch andere Schreibende wählten einen persönlichen Zugang, was dazu führt, dass man nicht nur Spannendes über die Porträtierten und die Zeit, in der sie lebten, erfährt, sondern auch Bruchstücke aus dem Leben der Schreibenden. So auch in den Texten von Sibel Arslan über Iris von Roten, von Rolf Niederhauser über Max Frisch oder von Anna Ruchat über Meret Oppenheim. Interessant sind auch die Querbezüge zwischen den Texten, was dazu führt, dass man vor- und zurückblättert und sich gerne in dem gut 500-seitigen Buch und der darin erzählten Schweiz verliert.

Schade nur, dass die Auswahl der Autor:innen nicht etwas diverser ist, unter anderem was das Alter angeht: Evelinn Trouble ist mit Jahrgang 1989 mit Abstand die jüngste – dabei wäre ein etwas jüngerer Blick auf das Projekt Schweiz durchaus interessant gewesen.

Buchpräsentation: Donnerstag, 16. Juni 2022, 19 Uhr in Zürich, Theater Stadelhofen, mit zahlreichen Autor:innen.

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