Nr. 44/2016 vom 03.11.2016

Was kommt nach dem grossen Streik?

Wenn jede Systemkritik immer gleich aufgesogen wird: der israelische Autor Nir Baram und sein rasanter, ausgeklügelter Roman über den Widerstand in einer globalisierten Welt.

Von Ulrike Baureithel

Nir Baram, Autor. Foto: Privat

Bei seinem Auftritt am Literaturfestival in Berlin hat Nir Baram nicht sein voluminöses neues Buch vor sich liegen, sondern das Smartphone, von dem er abliest. Die ganze grosse Welt, von der er in «Weltschatten» erzählt, passt wie als Zeichen der Miniaturisierung in ein kleines, schwarzes Kästchen. Er habe verstehen wollen, sagt er einleitend, was passiere, wenn unterschiedliche Personen in eine globalisierte Welt hinausgingen, die sie nicht mehr kontrollieren könnten.

Bekannt wurde der vierzigjährige israelische Schriftsteller und Journalist im deutschsprachigen Raum mit seinen unerschrockenen Reportagen über die Westbank und Ostjerusalem, die er in seinem Buch «Im Land der Verzweiflung» (2016) zusammengefasst hat. Dem vorausgegangen waren die beiden Romane «Wiederträumer» (2009) und «Gute Leute» (2012). Mit «Weltschatten», das als eines der wichtigsten Bücher in diesem Herbst gehandelt wird, dürfte ihm endgültig der Durchbruch als Autor gelingen.

Es handelt sich laut Baram um einen «globalen Abenteuerroman», dessen Bezüge die ganze Welt umspannen. Das Buch wird entlang von drei verschiedenen Strängen erzählt: Einer verfolgt eine aus der Ich-Perspektive erzählte Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt der Israeli Gavriel Manzur steht. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen und hat keine besonderen Begabungen, ausser der, gut zuhören und sich anpassen zu können. In seinem Willen, aufzusteigen, sieht er sich plötzlich in ein Spiel verwickelt, dessen Regeln er nicht überblickt. Die erzählte Zeit reicht von den siebziger Jahren bis in die Gegenwart.

Weltweite Wirkung

Der zweite Erzählstrang spielt in London 2011, zu einem Zeitpunkt, als Gavriel Manzur in eine immer schwierigere Lage gerät. Eine wild zusammengewürfelte Gruppe von Künstlern, AussteigerInnen und mittellosen VerliererInnen beschliesst, das Spiel der Etablierten nicht mehr mitzuspielen. Eher zufällig beginnen sie, nicht Politiker oder Industrielle anzugreifen, sondern Kultureinrichtungen, die sie als besonders infam kritisieren, weil diese dem herrschenden System die liberale Tünche verschaffen. Ihre Aktionen verselbstständigen sich, werden unkontrolliert übers Netz weitergetragen und global aufgenommen, bis die Gruppe für den 11. 11. einen weltweiten Streik von einer Milliarde Menschen ausruft. Berichtet werden diese Ereignisse im Rückblick von einem namenlosen Ich-Erzähler aus einer distanziert wirkenden Wir-Perspektive, aus der «Erstarrung» heraus, wie es am Ende heisst.

Im dritten Komplex geht es um die US-Politberatungsfirma MSV, die der Demokratie in der ganzen Welt einmal zum Durchbruch verhelfen wollte. Allerdings ist sie bei ihrem Aufstieg von dubiosen fremden Geldgebern abhängig geworden. Die mit «teuflischer Energie» arbeitenden Campaigner überblicken nicht mehr, welche Kandidaten sie eigentlich unterstützen. Einer der Mitarbeiter, Daniel Kaye, empfindet zunehmend Skrupel und entschliesst sich, den Laden zu verlassen. Die auf wahre Begebenheiten zurückgehenden Ereignisse spiegeln sich in einem nur einige Wochen überspannenden E-Mail-Verkehr. Es handle sich um ein Puzzle, erklärt Baram, das die LeserInnen Stück für Stück selbst zusammensetzen müssten.

Im Sog der Hochfinanz

Nir Baram ist ein eminent politischer Autor, der von Kind auf politisiert wurde: Sowohl sein Grossvater Moshe Baram als auch sein Vater war Abgeordneter in der Knesset. An die Friedensbewegung der neunziger Jahre – die auch in «Weltschatten» eine Rolle spielt – und die Zweistaatenlösung glaubt der Autor indessen nicht mehr. Er kritisiert sowohl die israelische Besatzungspolitik als auch das aus seiner Sicht ignorante linke und liberale Milieu in Tel Aviv, der israelischen Partystadt. Als politischer Aktivist setzt sich Baram für die umfassende Gleichstellung von JüdInnen und PalästinenserInnen ein, unabhängig von einer Ein- oder Zweistaatenlösung. Die Israelis, ist er überzeugt, müssten endlich lernen, dass zu Israel mehr Menschen gehörten als nur die JüdInnen.

Um israelische Identität geht es auch in «Weltschatten», wenn auch nicht explizit: Gavriel führt eine Stiftung, die ein Ableger eines jüdisch-amerikanischen Hedgefonds ist, der die «jüdische Frage» für seine dubiosen Geschäfte missbraucht. Gavriel schmiegt sich mehr und mehr an die Werte seiner korrupten Geschäftspartner an und gerät in den Sog des grossen internationalen Finanzbusiness.

Auf der anderen Seite warten die hasserfüllten jungen Leute darauf, die eine «grosse Tat» umzusetzen. Ohne eigentlichen ideologischen Kern oder eine Vorstellung, was nach dem grossen Streik kommen soll, setzen sie eine Bewegung in Gang. Sie wollen aus der Gesellschaft aussteigen: räumlich, indem sie sich – auch um der Verfolgung zu entgehen –, an abgelegenen Orten zusammentun, und politisch, indem sie versuchen, «den Gleichmut der westlichen Kultur zu erschüttern» und «den Heuchlern die Maske vom Gesicht zu reissen».

Doch wie bei der Beratungsfirma MSV, wo «von Geld nie die Rede» ist, wird Geld irgendwann auch für sie zum Problem. Und wie in linken Bewegungen üblich, wird die Gewaltanwendung auch hier zur Gretchenfrage. Die Krux dieser jungen Leute ist, dass alles schon gedacht wurde, alle Theorien durchdekliniert sind und sie selbst nur noch als Zitat in Erscheinung treten. Allerdings mit der neuen Erkenntnis, «dass es uns nicht wirklich gelang, ausserhalb des Systems zu stehen, das wir zerstören wollten» und dass es «einen solchen Ort vielleicht überhaupt nicht gab».

Es gibt kein Ausserhalb

Während der Autor diesen jungen Leuten viel Sympathie entgegenbringt, führt er die MSV-Mitarbeitenden gnadenlos vor. In einem schmerzhaften Selbstaufklärungsprozess müssen die Gutwilligen einsehen, dass die von ihnen unterstützten Politiker im Kongo oder in Bolivien korrupt sind und ihr Volk verraten. Wie kann man dem Zynismus entgehen und anständig bleiben in einer Welt, in der selbst das Gute vom Miserablen vereinnahmt wird?

«Früher haben junge Leute, die etwas verändern wollten, eine politische Bewegung auf die Beine gestellt», beschwert sich ein Teilhaber von MSV an einer Stelle. «Heutzutage sitzen sie bei irgendeiner Menschenrechtsorganisation oder Stiftung, die sich mit einem winzig kleinen Ausschnitt der Welt befasst, und beziehen ein nettes Gehalt.»

Nir Baram hat einen scharfen Blick für die paradoxen Seiten des politischen Widerstands in einer globalisierten Welt. Inzwischen, sagt er in Berlin, sei es möglich, «tagsüber für ein korruptes Unternehmen zu arbeiten und abends dagegen zu demonstrieren». Solche Einsichten in Verbindung mit einer rasant erzählten, stilistisch differenziert ausgestalteten Story machen diesen manchmal etwas thesenhaften Roman zum Leseerlebnis.

Der Autor liest an der Buchbasel in: Basel, Volkshaus, Samstag, 12. November 2016, 15.30 Uhr. www.buchbasel.ch

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