Nr. 45/2016 vom 10.11.2016

Die klingenden Kraftfelder der Liza Lim

Mehr als Voodoo: Die australische Komponistin Liza Lim wird bei den Tagen für Neue Musik in Zürich mit einem Schwerpunkt gewürdigt.

Von Thomas Meyer

Liza Lim verbindet in ihren Werken Animalisches und Bestialisches, Animistisches, Vegetatives und Schamanistisches. Foto: Klaus Rudolf

Wie wohl ein «Voodoo Child» musikalisch daherkommen mag? Wir wissen es kaum, auch wenn wir unsere Vorstellungen haben von den karibischen Geisterbeschwörungen und auch von dem berühmten gleichnamigen Song von Jimi Hendrix.

Ein solches Voodookind könnte vielleicht so klingen wie die Komposition der Australierin Liza Lim: anarchisch und wild, fremd, heiss und kalt zugleich, mit «Empfindungen, die unter der Haut prickeln», wie sie dazu schreibt, «das Heulen des Bluts und der Gedanken, die einem durch die Ohren jagen, ein nicht unterdrückbares Zittern – und die klaustrophobische, erstickende Vagheit dieser Gefühle …». Und so klingt diese Musik tatsächlich: bedrängend und wollüstig, eingängig und komplex. Der Ausgangspunkt für das Stück war übrigens nicht etwa ein spirituelles Ritual, sondern ein Gedicht der antiken Dichterin Sappho. Nochmals eine ganz andere Quelle: Aus Sapphos Worten trieb Lim eine grandios wilde Musik hervor.

Auf dem Pfad der Ekstase

Das Stück «Voodoo Child» (1989) für Sopran und sieben Instrumente konnte man 1991 erstmals bei uns hören, während der Zürcher Weltmusiktage in einem Konzert des Ensembles für Neue Musik Zürich. Man begegnete damit auch einer jungen, frischen, leidenschaftlichen Musik. Da sprang ein Funke über, unmittelbar. Kein Wunder, begeisterten sich auch die Darbietenden selber dafür: Das Ensemble blieb der Komponistin über die Jahre hinweg treu, gab Stücke in Auftrag, veranstaltete Porträtkonzerte, veröffentlichte eine Porträt-CD mit Werken von Liza Lim und spielt nun bei den Tagen für Neue Musik wiederum eine Uraufführung: «The Turning Dance of the Bee». Lim «vertont» hier den Tanz der Honigbienen im Bienenstock, «einen Wackeltanz in kreisförmiger oder achtförmiger Bahn», mit dem das Tier anzeigt, wo sich Blüten befinden. Die Komponistin spricht dabei auch von einem «Pfad der Ekstase».

Zum Dreissigjahrjubiläum der Tage für Neue Musik gibt es einen echten Liza-Lim-Schwerpunkt, mit mehreren Solo-, Ensemble- und Orchesterwerken. Auch das Ensemble Elision aus Melbourne wird mit von der Partie sein, das seit seinen Anfängen 1986 eng mit der Komponistin verbunden ist. Neue Musik aus Australien ist bei uns ohnehin wenig präsent. Und sie hat dort wohl auch eine andere Bedeutung. Die urbane Kultur ist in Australien schlicht viel jünger als im «alten Europa» und selbst als in Amerika. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil, sondern kann den Blick auf anderes eröffnen.

Wie Wälder denken

Das betont Liza Lim auch immer wieder. Gewiss kennt sie die mitteleuropäische Avantgarde, sie hat auch eine Zeit lang in Holland und Deutschland studiert, aber ihre Inspiration empfängt sie von woanders. Das hat unter anderem mit ihrer Herkunft zu tun. Sie wurde 1966 zwar in Perth geboren, ist aber chinesischer Abstammung, und so hat sie sich eingehend mit dieser Kultur beschäftigt. Das Orchesterstück «Flying Banner (after Wang To)» (2005), das in der Tonhalle unter der Leitung von Pierre-André Valade erklingt, ist etwa von der «rhythmischen Freiheit kalligraphischer Schriften» beeinflusst, vor allem von jenen des Dichters Wang Duo. Ihre Opern wiederum orientieren sich teilweise deutlich am chinesischen Musiktheater.

Kommt hinzu, dass sie die ersten Lebensjahre in Brunei, also auf der Insel Borneo, verbrachte. Der «hyperfruchtbare Regenwald» dort hat gerade ihr Ensemblestück «How Forests Think» (2015/16) mitgeprägt. An solchen Orten spüre man, wie dünn der Schleier zwischen den Welten sei, sagt sie: «Dichte Vegetation und feuchte Schatten umschliessen diverse Präsenzen, die zwar unsichtbar sind, sich jedoch durch die wimmelnde, pulsierende Klanglandschaft der Tiere, Vögel und Insekten verraten.» So werde man sich der Lücken im Netz der normalen Realität bewusst. «How Forests Think» reflektiere diese «Welt von verwirrten und entwirrten Formen und unerwarteten Verwandtschaften zwischen Dingen». Und was sie erzählt, beginnt im Kopf zu klingen, bevor man einen Ton gehört hat …

Auch da verbinden sich Animalisches und Bestialisches, Animistisches, Vegetatives und Schamanistisches. Die Musik von Liza Lim ist durchtränkt von Assoziationen und Gedanken aus unterschiedlichsten Welten: Sie spielt mit Einflüssen von alter koreanischer Musik, von mongolischem Obertongesang (gerade in «Voodoo Child»), von zauberhaften Schriften wie den Runen oder den Kalligrafien, von Sufimystik, aber auch von Rilke oder Walter Benjamin. Aber was sie damit schafft, hat nichts Verkopftes, sondern etwas zutiefst Lebendiges, Bewegendes und untergründig Energetisches. Man hat mitunter den Eindruck, Liza Lim wolle mit ihren Stücken magische Kraftfelder herstellen.

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