Nr. 45/2012 vom 08.11.2012

Eine Utopie mit achtzig Steckdosen und Fusspedal

Thomas Kessler ist einer der überraschendsten Komponisten der Schweiz. Am Sonntag werden seine «Flüchtigen Gesänge» in Zürich im Rahmen der Tage für Neue Musik uraufgeführt.

Von Thomas Meyer

Jahrzehntelang hatte Thomas Kessler an der Musikakademie Basel als Lehrer für Komposition und Theorie gearbeitet. Er leitete dort das Studio für elektronische Musik und führte es zu internationalem Ansehen. Viele Kompositionen waren in dieser Zeit entstanden, jede mit eigenem Ansatz, jede überraschend. Und so war es auch wenig verwunderlich, dass sich der 1937 in Zürich geborene Kessler nicht auf sein Altenteil zurückzog, als er vor zwölf Jahren die Basler Stellung verliess.

Es erstaunte dann allerdings doch ein wenig, dass er die Schweiz zumindest zeitweise verliess und sich in und auf Neuland begab. Seit 2001 wirkte er mehrmals in Toronto als Composer in Residence der New Music Concerts. Seither lebt er abwechselnd in Basel und Kanada. Das war eine gänzlich neue Erfahrung für ihn, und er fand, sie müsse sich doch auch in seiner Musik spiegeln. «Ich sagte mir: Es muss irgendeinen Bezug zur Situation haben, in der ich lebe. Natürlich gibt es Komponisten, die auch in Grönland einen Tango schreiben können. Meine Musik jedoch hat viel mehr mit meinem sozialen Umfeld zu tun. Ich suchte nach neuen kulturellen, musikalischen Begegnungen, merkte aber bald, dass die nicht im Establishment liegen, sondern auf der Strasse, in den Lokalen, in denen sich am Wochenende junge Leute treffen, dem Ort der lebendigen Slam-Poetry, einer Kunstform, die mich tief beeindruckt hat. Sie ist dort sehr stark, und obwohl man den Rap immer wieder mal totsagt, lebt er und ist einfach nicht totzukriegen», so Kessler.

Heterogene Kunstwelten

Da er gern mit Texten arbeitet, suchte Kessler etwas Geeignetes im Bereich der Slam-Poetry – «nicht mit einem aggressiven Bumm-Bumm-Rhythmus, sondern etwas Offeneres, Experimentelleres. Ich ging in CD-Läden und liess mich von den Verkäufern beraten: Nach langer Zeit entdeckte ich eine CD, auf der ein Poet zu einem Cellosolo sprach. Das hatte Rhythmus, Puls, aber nicht so wie kommerzielle Musik. Fantastisch! Den Mann wollte ich kennenlernen.»

Es handelte sich um den kalifornischen Dichter Saul Williams, der von einer Zusammenarbeit sofort begeistert war und dafür sein neues Buch «Said the Shotgun to the Head» vorschlug. Er drückte Kessler das Manuskript in die Hand und sagte sogleich: «Das musst du doch hören; das muss ich sprechen. Willst du nicht eine Aufnahme?» Williams, so erzählt der Komponist, «holte ein Mikrofon raus, stöpselte es ein, testete kurz den Ton und rappte mir das ganze Buch auswendig vor, eine halbe Stunde lang. Das war wunderbar.»

Diese spontane Aufnahme war die Grundlage für die gleichnamige Komposition, sie gab den Rhythmus und die Stimmung vor. Kessler umgab den Text mit einem Hip-Hop-Chor und Orchesterklängen. Etwas völlig Neuartiges entstand. Auf völlig selbstverständliche Weise wurden zwei heterogene Kunstwelten zusammengeführt. Die Uraufführung vor sieben Jahren in Basel war so frappant, dass Williams gleich einen zweiten Text vorschlug: «The Dead Emcee Scrolls». Kessler: «Eines Tages kam eine CD, auf die er dieses neue Buch gesprochen hatte, einen Text, der ganz anders, intimer, aber gleichzeitig auch flüssiger klingt.» Während der erste Text – allein durch den Anfang: «Citizens!» (BürgerInnen) – eher wie eine Rede vor grossem Volk wirkt, ist der zweite eine Art Dichterlesung.

Deshalb wählte Kessler dafür auch eine andere Besetzung. Die durchgehend vortragende Stimme von Williams wird von einem Streichquartett kontrapunktiert, auf eindringliche, ja zuweilen scharfe Weise, die dem Text zusätzlich Nachdruck verleiht. Dieses zweite Werk, «NGH WHT», wurde von Williams und dem Arditti Quartet vor fünf Jahren bei den Tagen für Neue Musik in Zürich uraufgeführt. Kessler hatte dieses Festival zusammen mit dem Komponisten Gérard Zinsstag 1986 gegründet und bis 1994 betreut.

Ein unerhörter Mischklang

Kessler hätte sich daraufhin ein wenig ausruhen können, aber gerade das hat er nie getan. Der Charakter seiner Kompositionen verändert sich ständig, und ausserdem hat er viel zu viele Ideen in petto. Seit langem zum Beispiel beschäftigte ihn eine Utopie, nämlich das «ultimative Live-Elektronik-Stück». Es geht wie in einer Serie früherer liveelektronischer Stücke («Drum Control», «Piano Control») darum, dass die MusikerInnen nicht von einem Klangregisseur abhängig sind, sondern die Technik selbst steuern.

Diese Idee übertrug Kessler nun gewissermassen aufs Sinfonieorchester. «Für diese Utopie brauche ich achtzig Steckdosen auf der Bühne, mehr nicht. Jeder Musiker kommt mit seinem eigenen Setup, mit einem kleinen Köfferchen mit einem Synthesizer oder Laptop drin. Er stöpselt die Kabel ein; neben dem Stuhl steht ein Lautsprecher und fertig. Niemand mischt im Saal den Klang zusammen, es gibt keine Lautsprecher rundherum, sondern der Klang kommt vom Podium, direkt von den Musikern her.»

Ähnlich wie in den «Control»-Stücken manipulieren die MusikerInnen selbst, was sie spielen, live über den Laptop. Der Klang kommt aus den kleinen Boxen. «In den Pausen zwischendurch können sie umschalten, während des Spiels etwas mit dem Fusspedal steuern und modulieren.» Die Orchestermusiker, die ja meistens von einer Dirigentin geführt werden, beeinflussen hier ihre Klänge selber. Dadurch entsteht ein unerhörter Mischklang. Die Erfahrungen Kesslers mit dieser geradezu basisdemokratischen «Utopia» waren höchst erfreulich; die OrchestermusikerInnen nahmen diese Erfahrung begeistert mit. Das Stück wurde mehrmals aufgeführt.

Kesslers neustes Werk schlägt wieder einen anderen Weg ein, nichts da von Slam-Poetry, nichts von liveelektronischer Utopie. Es handelt sich um Lieder mit einem gewissen theatralischen Einschlag, um die «Flüchtigen Gesänge» nach Gedichten der aus der DDR stammenden Lyrikerin Sarah Kirsch. Ursprünglich vertonte er sie für einen Film von Fred van der Kooij, aber die Lieder für Sopran und Ensemble funktionieren auch selbstständig. Und so sind sie nun erstmals bei den Tagen für Neue Musik in Zürich zu hören.

Thomas Kessler: «Thomas Kessler» (mit: «Said the Shotgun to the Head») bei Musiques Suisses.

www.kessler-thomas.com

«NGH WHT» ist zu hören auf 
www.saulwilliams.com/NGH_WHT.

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