Nr. 46/2016 vom 17.11.2016

Dieser betörende Schein der Zahlen

Soll man Meinungsumfragen abschaffen, weil sie sowieso nicht stimmen und Abstimmungen und Wahlen beeinflussen? Vielleicht ist das auch nur eine Ausrede für andere Politikversagen.

Von Stefan Howald

Um halb vier Uhr drohte es ernsthaft zu kippen. Noch um halb drei hatte es gut ausgesehen, Hillary Clinton schien womöglich sogar «swing states» wie Florida und Ohio zu gewinnen. Aber dann setzten die unerwarteten Resultate und Rückschläge ein, und meine Liste mit den prognostizierten Stimmenanteilen grinste mich höhnisch an. Die «talking heads» auf den verschiedensten TV-Sendern sonderten überall die gleichen Plattitüden oder ungedeckten Vermutungen ab. Nein, um Zahlen ging es mir, also doch wieder zurück zu CNN. Diese technischen Wunderwerke, Riesenbildschirme, auf denen sich mit einem Knopfdruck vielfältigste Daten abrufen lassen: hier noch ein «precinct», ein Wahlbezirk, der sicherlich für Clinton stimmen wird, während Donald Trump die meisten Möglichkeiten schon ausgeschöpft hat.

Die «firewall» bröckelt

Doch der Trend widersprach immer mehr den Voraussagen, bald waren die «swing states» verloren, dann kam Clintons «firewall» im «rust belt» unter Beschuss, zerbröckelte zuerst, unerwartet, in Wisconsin und Michigan. Trump hatte den unwahrscheinlichen «way in» gefunden, noch hielt Pennsylvania stand und bestand eine kleine Hoffnung, die Verluste könnten in Iowa kompensiert werden, womöglich sogar in Texas. Doch dann begann die «firewall» auch in Pennsylvania zu wanken. Um sieben Uhr morgens war klar, dass die Kalkulationen über noch ausstehende demokratische Stimmen nicht aufgehen würden und es für Clinton keinen Weg «back in» gab, also versank ich in die Depression und ins Bett.

Warum tut man sich so etwas an?

Nun, zuerst einmal lockt das Versprechen jeder Liveberichterstattung: Man war dabei, als die Erde bebte, als die erste US-Präsidentin gewählt wurde oder der FC Zürich mit einem inferioren Gegner einen weiteren torreichen Match spielte. Die universale Gleichschaltung der Zeit synchronisierte den Entscheid in den USA mit dem Erleben in der Schweiz. Natürlich, das ist eine Illusion: Die Welt dreht sich auch ohne uns. Und die gelebte Unmittelbarkeit hebt die reale Ungleichzeitigkeit der Erfahrungen nicht auf.

Ebenso mächtig wie das Versprechen des Authentischen wirkt der Glaube an die Kraft der Zahlen. Magisch versprechen sie Unverbrüchlichkeit in turbulenten Zeiten. Der technokratische Optimismus hat sich, trotz aller dialektischer Vorbehalte, durch die Computerisierung in Verstand und Gedärme eingeschrieben.

Ausreden für strategische Fehler

Gegen den Kult der «polls», der Meinungsumfragen, und der «polls of polls» etwa von Starstatistiker Nate Silver werden zwei Einwände erhoben. Erstens hätten die Medien mit ihrer Zahlenobsession Politik zu einer Wettveranstaltung degradiert und von jeder inhaltlichen Auseinandersetzung entleert. Das mag ein bisschen stimmen. Aber dass Trump ein Jahr lang als Sensation und Skandal viel Platz eingeräumt wurde, hat ihm unendlich viel mehr genützt. Zweitens würden Umfrageresultate ihrerseits Wahlen und Abstimmungen beeinflussen. So habe die klare Führung von Clinton in den Umfragen manche DemokratInnen vom Wählen abgehalten. Doch das ist eine billige Ausrede für strategische Fehler der Demokratischen Partei, bestimmte Bevölkerungssegmente für sicher zu nehmen. Die Zahl demokratischer Stimmen sank nicht wegen Siegesgewissheit, sondern wegen mangelnder Begeisterung für die demokratische Kandidatin.

Woher wir das wissen? Von den «exit polls» natürlich.

Aber kann man denen nach den jüngsten Schlappen überhaupt noch glauben? Nun, so ganz blöd und unnütz sind Meinungsumfragen auch wieder nicht. Auch im Versagen lässt sich etwas lernen. Etwa dass etliche Menschen bei Umfragen nicht die Wahrheit sagen – das ist eine politische Aussage über gesellschaftliche Entfremdung. Selbst Nachbefragungen bringen etwas: Dass 53 Prozent der weissen Frauen für Trump gestimmt haben und 29 Prozent der Latinos und Latinas, verlangt nach einer politischen Antwort. Im Übrigen: Wenn jetzt Allan Lichtman, der das Wahlresultat aufgrund von «dreizehn inhaltlichen Fragen» richtig vorausgesagt hat, als Lichtgestalt in der prognostischen Dämmerung gehandelt wird, ist das bloss die Kehrseite des Glaubens an die Prognostik.

Verderblich werden Meinungsumfragen erst, wenn man sich von ihnen die Politik diktieren lässt. Und wenn man auf die politische Mobilisierung vor Ort verzichtet.

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