28.10.2004

Mutter der Swing States

Wer im Bundesstaat Missouri gewinnt, der wird US-Präsident, heisst eine Faustregel. In den Meinungsumfragen führt dort George Bush.

Von Michael Streck, Kansas City

130 Anrufe. Das ist ihre Ausbeute an diesem Abend. Debrah Evans streicht den letzten Namen von ihrer langen Namenliste. «Ich brauche bald ein neues Ohr», scherzt sie. Es ist 21.30 Uhr. In der Einsatzzentrale der Demokraten für den Grossraum Kansas City (Bundesstaat Missouri) brennt noch grelles Neonlicht, so als ob es extra ungemütlich sein soll, um die Schar der Freiwilligen in der Nachtschicht wach zu halten.

In dem sonst verwaisten Backsteingebäude an der nicht enden wollenden Ausfallstrasse mit Tankstellen, Autoersatzteilgeschäften und Supermärkten sitzt Evans gemeinsam mit rund vierzig anderen AktivistInnen an langen Tischreihen mit Telefonen. Ein Wahlkampf-Callcenter. Die Wände sind tapeziert mit Stadtplänen, unzähligen Zetteln, «Stars and Stripes», Pizzaservicewerbung und Postern des Präsidentschaftskandidaten John Kerry.

Evans, eine kleine, resolute Frau mit kurzen blonden Haaren, verliess vor vier Wochen Haus und Mann im sonnigen Kalifornien, um sich hier in den Wahlkampf zu stürzen. Schliesslich ist sie in «KC», wie es die Einheimischen nennen, aufgewachsen, und schliesslich wird sich in Missouri, so glaubt sie, die Wahl entscheiden.

Nach der Wahlarithmetik stimmt das natürlich nicht ganz; in Missouri sind von den insgesamt 538 Wahlmännerstimmen nur gerade elf zu vergeben. Dem Bundesstaat eilt jedoch ein fast mystischer Ruf voraus. Es heisst, wer die Mutter aller umstrittenen Staaten – den «Swing States» – gewinnt, zieht ins Weisse Haus. Das war, mit einer Ausnahme, seit 1900 immer so. Vor vier Jahren siegte hier George Bush mit drei Prozentpunkten. Damit sich das nicht wiederholt, packte Evans ihre Koffer. Die pensionierte PR-Beraterin wohnt nun wieder bei ihren Eltern und nutzt deren Auto. Hier koordiniert sie vor allem die nächtlichen Telefonaktionen. Oft verlässt sie nicht vor Mitternacht die Zentrale. «Sollte Kerry verlieren, will ich morgens wenigstens in den Spiegel schauen und zu mir sagen können, ich habe alle meine Kräfte eingesetzt. Gewinnt er, dann auch wegen mir.»

Evans muss erst mal verschnaufen, verschwindet im «break room», um sich mit Kaffee und Pizza zu versorgen. Derweilen rennt Michael Golden, Chef des Einsatzstabes, hektisch durch den Raum. Nein, für lange Gespräche hat er in der hitzigen Endphase des Wahlkampfes nun wirklich keine Zeit. Und wenn, dann rasselt er wie ein Unternehmensmanager Erfolgszahlen herunter: heute Abend 10000 Anrufe, 45000 Freiwillige in ganz Missouri im Einsatz, 150000 neue Wähler im Bundesstaat registriert.

Die «Operation Wahlkampf 2004» habe in jeder Hinsicht bislang unbekannte Ausmasse erreicht, sagt Golden. «Ground war» – Bodenkrieg – nennt er die verbleibenden Tage bis zum Wahltag. Seine Stosstrupps durchkämmen jetzt nach einem ausgetüftelten Schlachtplan Strasse für Strasse, Haus um Haus. Wie potenzielle WählerInnen genau identifiziert werden, verrät er nicht. Nur so viel lässt er durchblicken: Die «Ziele» werden in eine Kategorie von eins bis fünf unterteilt. Starke Kerry-BefürworterInnen erhalten eine Eins, überzeugte Bush-Fans eine Fünf. «Wir kümmern uns um Kategorie zwei bis drei.» Diese werden in den verbleibenden Tagen Besuch von seinen Überzeugungskommandos bekommen.

Natürlich sagen hier alle, dass Kerry momentan die Nase vorne hat, auch wenn gemäss den neusten Umfragen aus dem Bundesstaat Kerry um fünf Prozent zurückliegt. Doch Umfragen sind fehlerhaft, oder die Geschichte erlaubt vielleicht eine zweite Ausnahme, macht sich Evans Mut. Auf ihren Streifzügen durch die Stadtviertel und bei ihren Anrufen stellt sie zudem immer wieder überrascht fest, wie viele WählerInnen noch unentschlossen sind. Bushs in ihren Augen desaströse Amtszeit ist offenbar nicht genug, die US-AmerikanerInnen von der Notwendigkeit eines Wechsels zu überzeugen. «Die Leute hadern mit Kerry. Sie zweifeln, ob er im Antiterrorkampf hart genug durchgreifen wird.» Hier zeigt sich, wie erfolgreich Bushs zerstörerische Kampagne gegen Kerrys Persönlichkeit war, der den Urnengang von einer Abstimmung über seine eigene Politik in ein Votum über Kerrys Charakter verwandelte.

Zu Evans nachhaltigsten Erfahrungen gehört, wie sehr das Land gespalten ist. Es ist oft kaum mehr möglich, mit Republikanern sachlich zu reden, sagt sie enttäuscht. «Sie reagieren verbohrt, aggressiv, knallen den Hörer auf oder die Tür zu.» Wer sich nur in der Stadt aufhält, könnte meinen, Missouri sei fest in demokratischer Hand. Überall Kerry-Schilder an Autoscheiben, in Fenstern und in Gärten. Weiter draussen in den Vororten ist der Schilderwald ausgeglichen, bis irgendwann nur noch ganz Mutige das sichtbare Bekenntnis zum Liberalen aus Neuengland ablegen. Vereinzelt, so wollen Lokalzeitungen erfahren haben, klauten erboste Republikaner ihren Nachbarn den Kerry aus dem Blumenbeet.

Missouri, ein Staat in der Mitte der USA, vereinigt ViehzüchterInnen der «Great Plains», FarmerInnen im fruchtbaren Schwemmland des Mississippi und die ArbeiterInnen in den alten Industriestädten Kansas City und St. Louis. Nicht wenigen aus diesen Schichten ist eine gepfefferte Prise konservativer Südstaatenmentalität gemein. 36 Prozent aller registrierten WählerInnen bezeichnen sich als wiedergeborene ChristInnen. Politisch korrekt heisst hier, gegen Abtreibung und Homo-Ehe sowie für Waffenbesitz und Todesstrafe zu sein.

KC ist, blickt man auf die Landkarte der letzten Wahl, eine blaue Insel im roten republikanischen Meer. Dies hat mit den starken Gewerkschaften und einem hohen Anteil schwarzer Bevölkerung zu tun. Die grösste Stadt Missouris, einst bedeutendster Viehmarkt und drittwichtigster Eisenbahnknotenpunkt der USA, erlebte in den vergangenen vier Jahren einen Aderlass von Industrie und Arbeitsplätzen. Am Eingang zum riesigen Ford-Werk, das sich schon von weitem durch einen öligen Geruch in der Luft ankündigt, ist daher niemand gut auf Bush zu sprechen. Mit wem man hier auch redet, es dominieren die Themen unsicherer Arbeitsmarkt und explodierende Gesundheitskosten. Und der hohe Benzinpreis. Letzteres wundert nicht, wenn man über den angrenzenden Parkplatz schaut. Es steht hier ein Geländewagen nach dem anderen. Den Irakkrieg erwähnen nur wenige. Lediglich ein junger Mann schimpft über die Invasion und meint, die Kriegsmilliarden würden dringend in der Heimat gebraucht.

Wer nicht den AktivistInnen der Demokraten zuhört, sondern den SymphatisantInnen auf der Strasse, bemerkt den schwachen Enthusiasmus, wenn es um John Kerry geht. Öfter fällt der Satz, Kerry sei «the lesser evil», also das geringere Übel. Auch Susan, die im Studentenviertel der Stadt hinter dem Tresen einer Beiz steht, drückt sich so aus. Sie hat sich erstmals in die Wahllisten eintragen lassen. Sie lehnt den Irakkrieg ab, zweifelt jedoch an Kerrys Fähigkeit, die Irakkrise rasch lösen zu können.

DemokratInnen in Missouri trösten sich dieser Tage damit, dass einst einer der ihren, der das Volk nicht von den Sitzen riss und im Schatten seines charismatischen Vorgängers stand, überraschend das Rennen um das Weisse Haus gewann. Harry Truman, Nachfolger des verstorbenen Franklin D. Roosevelt, war am Wahltag 1948 von der Presse schon in die Rente geschickt worden. Zeitungen titelten bereits mit seiner Niederlage. Doch Kansas Citys berühmtester Sohn siegte am Ende dennoch.

Im Vorort Independence erinnert heute das Truman-Museum, ein nüchterner grauer Flachbau, an sein politisches Vermächtnis. Der eingefleischte Multilateralist, der die Gründungsurkunde zur Uno unterschrieb, gemeinsam mit Alliierten Strategien zur Eindämmung der Sowjetunion entwarf, den Marschall-Plan gegen massive Widerstände im Kongress aus der Taufe hob und durch die Nato-Gründung mit Amerikas Tradition brach, keine internationalen Militärbündnisse einzugehen, gilt der Demokratin Evans als Beispiel aussenpolitischer Stärke und Weitsicht. Ironischerweise identifizieren sich auch überzeugte Bush-AnhängerInnen mit seiner Politik.

Im Gästebuch des Museums finden sich zahlreiche Eintragungen wie «aus der Geschichte lernen: wählt Bush». Ein Ehepaar aus Missouri steht vor Schwarzweissfotos, die Truman auf der Potsdam-Konferenz zeigen. Beide bekennen sich zur Republikanischen Partei, bewundern Truman und stellen Parallelen von ihm zu Bush fest. Sie sprechen von Visionen, einem langen Atem, standfestem Charakter, klarem moralischem Kompass bei der Befreiung von Diktaturen und der Verbreitung von Demokratie. Für sie ist Bush kühn, sie glauben an einen haushohen Sieg.

Ein anderer Besucher, ein Baptistenprediger aus Nevada, sieht Bushs Aussenpolitik in einer Linie mit Trumans. Nur Bush besitze die Führungsstärke, den «neuen Weltkrieg» gegen den Terror zu gewinnen. Kommt die Rede auf Kerry, kann er seine Abneigung kaum verbergen. Er verzieht das Gesicht, als beisse er auf etwas Saures, wenn er den Demokraten als schwach, wankelmütig, opportun und visionslos tadelt. Beim Stichwort Irakkrieg wird er grundsätzlich: «Ich hoffe, Bush marschiert in seiner zweiten Amtszeit in den Iran und nach Nordkorea», sagt er ernsthaft. «Für die Sache der Freiheit muss Blut vergossen werden.»

Am nächsten Tag berichtet die Tageszeitung «Kansas City Star», das Kerry-Team habe die TV-Werbung für Missouri zurückgefahren. Das wird hier als Anzeichen dafür gewertet, dass die DemokratInnen den Bundesstaat bereits aufgegeben haben. Doch in der Wahlkampfzentrale will niemand etwas davon wissen. «In Missouri», sagt Debrah Evans trotzig, «ist alles möglich.»

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