Nr. 48/2016 vom 01.12.2016

Mit Ulrich Seidl auf Grosswildjagd

Von Florian Keller

Szene aus Ulrich Seidls Film «Safari» (2016). Foto: © Ulrich Seidl Film Produktion

«Du warst ein guter Kämpfer, mein Freund», sagt der deutsche Jäger aufmunternd, aber sein «Freund» gibt keine Antwort mehr. Der bewaffnete Tourist spricht mit dem Gnu, das er gerade erlegt hat.

Wir sind mit Ulrich Seidl auf Grosswildjagd in Namibia. Er schreibt hier in gewisser Weise fort, was er schon in seinem dokumentarischen Spielfilm «Paradies: Liebe» berührte: die Verlängerung kolonialer Verhältnisse im Afrikatourismus. Das Personal für seine «Safari» findet Seidl in der Leopard-Lodge, einem Landhotel in der Nähe von Windhoek. Aus Österreich mit dabei: ein dickes Rentnerpaar und eine vierköpfige Familie. Wir sehen sie auf der Pirsch, wie der Sohn ein Zebra schiesst, die Mutter eine Giraffe. Jedes erlegte Grosswild wird in der Familie mit innigen Umarmungen quittiert: Stolz und Ergriffenheit vor dem Kadaver. Wenn die Tochter dann die Andacht vor dem Schuss beschreibt, klingt das wie transzendentale Meditation. Töten als Wellnessurlaub.

Die Drecksarbeit erledigt dann das schwarze Dienstpersonal. Blut, Knochen, Gedärme: Ohne Umschweife zeigt Seidl, wie Zebra und Giraffe von Hand zerlegt und ausgeweidet werden. Dann sitzen die Einheimischen vor ihren Hütten und nagen an gegrillten Schlachtabfällen. Sie bleiben stumm dabei, weil Seidl ihnen im Film die Rolle geben will, die sie auch in Wirklichkeit hätten, wie er sagt. Zuspitzung des Realen ist ja von jeher seine Methode – zum Preis, dass er auch die kolonialen Verhältnisse filmisch verschärft, die er vorführt.

Zum Schluss predigt der Besitzer der Lodge einen verantwortungsvollen Umgang mit dem, was wir von der Natur übrig gelassen haben: «Das Grundübel ist der Mensch selber, in seiner Überzahl.» Wen er in erster Instanz für überzählig hält, kann man sich ja denken – sicher nicht sich selbst und seinesgleichen. Der Mensch, sagt er, sei sowieso überflüssig, ohne uns würde es der Welt nur besser gehen. Klingt nicht mal so unvernünftig, aber das Ethos dahinter ist keines: Wer die eigene Gattung für überflüssig hält, ist auch niemandem Rechenschaft schuldig.

Ab 8. Dezember 2016 im Kino.

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