Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Die versuchsweise Bestrahlung der Bevölkerung

Bundes- und Nationalrat wollen die Grenzwerte für die Strahlung von Handyantennen erhöhen, obwohl ÄrztInnen warnen. Diesen Donnerstag kommt das Geschäft in den Ständerat.

Von Bettina Dyttrich

Diese Geschichte beginnt mit handfesten Interessen. 2012 hatte der Zürcher FDP-Nationalrat Ruedi Noser mit seinem Postulat «Zukunftstaugliche Mobilfunknetze» Erfolg bei seinen RatskollegInnen. Die grosse Kammer stimmte zu und beauftragte den Bundesrat, einen Bericht «über die Entwicklungsmöglichkeiten im Bereich des Mobilfunks» vorzulegen. Noser, inzwischen Ständerat, ist Ingenieur und Alleinaktionär des IT-Unternehmens Noser Group. Er verdient viel Geld mit den digitalen Gadgets, ohne die sich die meisten das Leben nicht mehr vorstellen können – und die auf Mobilfunk angewiesen sind.

Die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrats nahm Nosers Anliegen im Februar mit einer Motion auf. Der Bundesrat ist dafür, und auch den Nationalrat konnte die Kommission im Juni überzeugen. Am Erscheinungstag dieser WOZ kommt das Geschäft in den Ständerat.

Die Motion verlangt, dass die Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung aufgeweicht wird. Es gibt in der Schweiz zwei Grenzwerte für Mobilfunkanlagen: den allgemeinen Immissionsgrenzwert und den Anlagegrenzwert für «Orte mit empfindlicher Nutzung» wie Wohnungen, Arbeitsräume und Spielplätze. Diesen Grenzwert, der zehnmal tiefer angesetzt ist als der Immissionsgrenzwert, möchten Bundes- und Nationalrat erhöhen.

Erschöpfte Menschen, blinde Kälber

Es gibt Menschen, für die der heutige Anlagegrenzwert schon viel zu hoch ist: sogenannte Elektrosensible. Wenn sie nichtionisierender Strahlung (NIS) ausgesetzt sind, geht es ihnen richtig übel: Sie können nicht mehr schlafen, die Haut brennt, das Herz rast, der Kopf tut weh. Die Folgen: totale Erschöpfung, oft auch Arbeitsunfähigkeit und Depressionen (siehe WOZ Nr. 4/2013).

Doch Elektrosmog betrifft nicht nur Elektrosensible. Der Ingenieur Peter Schlegel, der Strahlungsmessungen macht und Elektrosmogbetroffene berät, betont: «Bei vielen Leuten beginnen die Beschwerden schon deutlich unter dem Anlagegrenzwert – und ich spreche jetzt nicht von Hypersensiblen.» Er hat oft mit Menschen zu tun, denen nicht ganz wohl ist. Sie leiden zum Beispiel häufig am Abend unter Kopfweh. «Nachdem sie ihre Wohnräume abgeschirmt haben, sagen sie: ‹Ich wusste gar nicht mehr, dass man sich so viel besser fühlen kann.›»

Sehr starke nichtionisierende Strahlung erwärmt den Körper, kann zu schweren Verbrennungen und zum Tod führen. Beide Grenzwerte sind so angesetzt, dass eine Erwärmung ausgeschlossen ist – doch längst ist klar, dass die Strahlung den Körper auch bei tieferen Werten verändert: Sie beeinflusst die Hirnströme, verschlechtert bei nächtlicher Belastung das Lernen, verändert Prozesse im Zellkern und kann DNA-Strangbrüche auslösen. Kälber, die in der Nähe von Antennen leben, erblinden häufiger.

Oxidativer Stress

Gerd Oberfeld beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Der Mediziner arbeitet in der Landessanitätsdirektion des österreichischen Bundeslands Salzburg. Um die Jahrtausendwende fand das Bundesland internationale Beachtung, weil es viel tiefere Grenzwerte einführen wollte. Diese waren jedoch rechtlich nicht bindend und wurden nicht eingehalten.

Man wisse heute ziemlich genau, warum nichtionisierende Strahlung das Wohlbefinden vieler Menschen beeinträchtige, sagt Oberfeld. «Nichtionisierende Strahlung löst verschiedene chemische Veränderungen in den Zellen aus, unter anderem oxidativen Stress. Dieser kann auch viele andere Auslöser haben, zum Beispiel Alkohol: Der Kater am nächsten Tag ist eine Folge von oxidativem Stress.» Gesunde Menschen könnten oxidativen Stress gut kompensieren, und wenn die Belastung aufhöre, erholten sie sich. «Bei dauernder Exposition, zum Beispiel durch WLAN, ist Erholung aber kaum noch möglich, und die Symptome verschlimmern sich oft. Ich kenne eine Vielzahl solcher Fälle.»

Auch Yvonne Gilli kennt viele solche Fälle. Die Ärztin und ehemalige grüne Nationalrätin aus Wil SG berät in ihrer Praxis immer wieder Elektrosmogbetroffene. Nicht nur die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz, für die sich Gilli engagiert, auch die Ärztevereinigung FMH ruft den Ständerat dazu auf, die Grenzwerte zu belassen. Immer wieder fällt auf, dass ÄrztInnen für das Thema sensibilisierter sind als Wissenschaftskreise und Ämter. Gilli wundert das nicht: «Es sind die Ärzte und Ärztinnen, die erkrankte Menschen behandeln und ihre Beschwerden in der direkten Begegnung erfahren.» Seit der Jahrtausendwende haben ÄrztInnen und Forschende mehr als ein Dutzend internationale Aufrufe veröffentlicht, die vor nichtionisierender Strahlung warnen; letztes Jahr richteten sich über 200 Fachleute direkt an die Uno.

Dann ist da auch noch die Krebsfrage. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon hat Mobilfunk 2011 als möglicherweise krebserregend eingestuft. In der gleichen Kategorie wie Kaffeesäure, wie Medien immer wieder hämisch kolportieren. «Viele Karzinogene waren einmal in dieser Kategorie und wurden später als wahrscheinlich oder definitiv krebserregend eingestuft», betont Gerd Oberfeld. Der Salzburger erwartet, dass das auch beim Funk geschehen wird. «Es gibt neue Studien vom renommierten National Toxicology Program der USA. Sie zeigen eine Zunahme von Hirntumoren bei männlichen Ratten nach Langzeitbestrahlung.»

Innovativ ist anders

«Die aktuelle Studienlage ist kontrovers und ungenügend», sagt Yvonne Gilli. «Die technische Entwicklung eilt der wissenschaftlichen Untersuchung voraus, und Studiendesigns sind anspruchsvoll und teuer, weil man die Wirkung der Strahlung gegenüber anderen Umweltfaktoren abgrenzen muss.» Wichtig sei, dass Studien nicht von der Mobilfunkindustrie finanziert seien: «Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich Interessenkonflikte auf die Studienresultate auswirken.»

Gerd Oberfeld fände noch etwas anderes wichtig: «Man sollte näher untersuchen, welche Signalformen Menschen besser vertragen. Es kommt nämlich nicht nur auf Dauer und Intensität der Exposition, sondern ebenso auch auf die Struktur des Funksignals an. Das digitale Fernsehsignal ist zum Beispiel biologisch besser verträglich als gepulste Signale wie WLAN.»

Vor allem empfiehlt Oberfeld aber «eine offene, vorbehaltlose Diskussion über Nutzen und Risiken der mobilen Kommunikation. Brauchen wir wirklich so viele mobile Daten, um eine florierende Gesellschaft zu sein?»

Die grüne Berner Nationalrätin Regula Rytz gehört der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen an. Zusammen mit dem Zürcher Sozialdemokraten Thomas Hardegger versuchte sie vergebens, ihre KollegInnen von der Motion abzubringen. «Wir sind nicht gegen technologische Innovationen», sagt sie, «im Gegenteil! Innovativ ist es, wenn die Industrie den Mobilfunk im Rahmen der bisherigen Grenzwerte weiterentwickelt. Die Erhöhung ist das falsche Signal.»

Zur Motion gehört noch ein Zusatz: Der Bundesrat soll ein NIS-Monitoring aufbauen. Zuerst erhöhen und dann schauen, ob es den Menschen schadet – ist hier nicht die Reihenfolge verkehrt?

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