Nr. 50/2016 vom 15.12.2016

Romeo und Julia auf der Insel

Von Hannes Nüsseler

Irgendwann zieht der Medizinmann ein ausgebleichtes Foto hervor, auf dem Queen Elizabeth II. und der königliche Gemahl Prinz Philip zu sehen sind: jung und frisch verheiratet. Aber sind sie auch ineinander verliebt?

Die schöne Wawa (Marie Wawa) misstraut den Beteuerungen des alten Manns, dass Zweckheirat und Leidenschaft sich nicht gegenseitig ausschliessen. Viel wichtiger sei ohnehin, so erklärt der Alte, dass das ferne Königspaar den Wunsch seiner Eltern und die Tradition befolgt habe. Denn das wird auch von dem Mädchen erwartet. Wawa ist dem Krieger eines benachbarten Stamms versprochen, obwohl ihr Herz für einen anderen (Mungau Dain) schlägt.

Es ist der Abend vor Wawas Abreise in das Dorf des verfeindeten Stamms auf Tanna, einer Vulkaninsel im Südwestpazifik. Das Dschungeldrama ist schon zu zwei Dritteln durch, da macht das Foto unmissverständlich klar, dass wir uns in einer zwar zeitlosen, aber keineswegs ahistorischen Geschichte befinden. «Tanna» beruht denn auch auf einer wahren Begebenheit: 1987 lösten die noch immer nach altem Brauch und Sitte lebenden Stämme die Zwangsehe durch die Liebesheirat ab.

Das Foto verdeutlicht zudem den kolonialen Ballast, den die australischen Dokumentarfilmer Martin Butler und Bentley Dean in ihrem ersten Spielfilm mit sich herumschleppen: Der dampfende Dschungel sieht bei ihnen aus wie das Paradies vor dem Sündenfall, bis die gewalttätige Auseinandersetzung zwischen den beiden rivalisierenden Stämmen über die Leinwand hereinbricht. Dazwischen steht das junge Liebespaar, das sich für keine Seite entscheiden mag – Shakespeares «Romeo und Julia» winkt aus der Ferne.

«Tanna» ist ein vertracktes Vexierbild: Der Film will authentisch sein und ist in seiner Exotik doch inszeniert, Vertrautheit kippt ständig wieder in Befremden. Optisch macht «Tanna» mit seinem brodelnden Vulkan und dem Urwald einiges her, aber zuletzt ist es wie bei einer Urlaubsreise: In Erinnerung bleibt, was man ohnehin schon zu kennen glaubt.

Ab 15. Dezember 2016 im Kino.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch