Nr. 28/2020 vom 09.07.2020

Dein Liebesleben als Liveticker

Immer dieser Stress mit der Selbstbeobachtung! Leif Randt hat den Roman der Stunde geschrieben: «Allegro Pastell» verhandelt die Beziehungsnöte der Millennials.

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Noch keine neue Jugendbewegung, sondern nur ein Paar in der neuen Unübersichtlichkeit: Liebesgeschichten 2020 sind aufs Private fixiert. Foto: Oleksii Hrecheniuk, Alamy

Viel Ballast für das kleine Buch. Leif Randt schaffe mit seinem Roman die «perfekte Durchdringung der Gegenwart», annoncierte «Die Zeit» kurz nach Erscheinen von «Allegro Pastell». Und gab gleich noch eins obendrauf: «Von diesem Buch könnte eine neue Jugendbewegung ausgehen.» Es kam aber erst mal keine neue Jugendbewegung, sondern Corona. Der «Tages-Anzeiger» erkannte darauf in dem Roman über die Fernbeziehung zwischen der Schriftstellerin Tanja und dem Webdesigner Jerome eine Generation, die «hervorragend gerüstet ist für den gedämpften Alltag im Lockdown». Der Politkolumnist im «Magazin» wiederum sah gar eine «gespenstische» Verbindung zwischen Leif Randts Millennials, die sich eine sympathische Politik wünschten, und dem 57-jährigen CVP-Präsidenten Gerhard Pfister, der den Zeitgeist – im Jargon des Romans – gerade sehr «nice» umsetze.

Was ist das für ein Buch, das unsere Zeit offenbar derart perfekt verkörpert, dass alle ihre aktuelle Weisheit daran andocken können? Erst mal ist «Allegro Pastell» eine flüssige Stildemonstration, man liest den Roman in ein paar Stunden weg. Aber bedeutet wenig Reibung automatisch viel Gegenwartsnähe? Und was ist das überhaupt für ein Zeitgeist, den alle meinen? Das auffälligste Merkmal von «Germany’s next lovestory», wie der Verlag das Buch salopp bewirbt, ist die stabile Membran aus freiwilliger Selbstkontrolle und Selbstreflexion, die beide ProtagonistInnen umhüllt – und in eine Distanz zum eigenen Ich versetzt. Selbstreflexion allerdings nicht im philosophischen Sinne, sondern als wörtliche Beschreibung eines Selfies: Ich betrachte mich im Spiegel meiner Smartphonekamera, im Spiegel meines Chatverlaufs. Fortwährend befragen sich Tanja und Jerome: Wie wirke ich von aussen? Welche Accessoires, Mitmenschen, Umgebungen komplettieren mich?

Es fehlt jede Gegenwelt

Das alles ist in «Allegro Pastell» nicht bloss beschrieben, sondern direkt in Sprache gegossen: «Jerome kokettierte mit der Rolle des überglücklichen heterosexuellen Partners.» Statt «Ich liebe sie» sagen diese Figuren: «Sie ist meine beste Freundin. Und sie hat den Körper, den ich am liebsten mag.» Der «Plot» ist rasch erzählt: Jerome und Tanja lieben sich auf Distanz – er lebt bei Frankfurt am Main, sie in Berlin, beide arbeiten im sogenannt kreativen Milieu. Sie sehen sich eher selten. Dazwischen kommunizieren sie schriftlich und mit Fotos. Sie scheinen perfekt zusammenzupassen, ihre Interessen, Gefühle, Lebenswelten stimmen überein. Trotzdem trennen sie sich wiederholt; wobei oft nicht ganz einsichtig wird, warum. Irgendetwas Feinstoffliches scheint plötzlich zu verrutschen. Man flüchtet sich in Beziehungspausen – um später wieder zusammenzufinden.

Der Autor weiss nicht mehr als sein Personal. Mit Jerome hat Leif Randt sogar einiges gemeinsam. Und weil wir stets auf Augenhöhe mit den Figuren bleiben, fehlt jede Gegenwelt – und jede kritische Perspektive, die über ihre detaillierte Beurteilung der eigenen Selbstkuratierung hinausginge.

Bei Goethe wurde noch gestorben

Skeptisch könnte man nun monieren, diese attraktiven, intelligenten Umdiedreissigjährigen wirkten etwas leblos hinter ihrem endlosen Selbstkommentar: wie achtsame, freundliche Automaten, die keinesfalls bloss auf ihr Äusseres reduziert werden wollen und wohltemperierten Spass miteinander haben. Das soll also Liebe im Jahr 2020 sein? Glück? Ekstase? Wenn Jerome mit einer Urlaubsaffäre Sex hat, listet er minutiös auf, wie oft und an welchen Wochentagen er stattfand. Wer Drogen nimmt, trinkt dazu ganz viel Wasser. Aber womöglich verrät solch leiser Spott über diesen «nicen» Roman auch einfach, dass man zu alt dafür ist.

Als 1774 Goethes «Die Leiden des jungen Werther» erschien, identifizierten sich manche so haltlos mit dem Roman, dass sie nach dem Vorbild des unglücklich in eine verheiratete Frau verliebten Werther ihrerseits freiwillig aus dem Leben schieden. Bei anderen löste dieser höchst empfindsame, suizidale Werther aber auch bloss Kopfschütteln aus: Das soll Liebe sein?

Sicher ist: Bei Goethe wurde noch gestorben, um die Macht des grossen Gefühls zu besiegeln. Im Gegensatz zu anderen Paarungen der Weltliteratur – Romeo und Julia, Tristan und Isolde – durfte die Angebetete aber am Leben bleiben. Spielarten dieses Liebestods wirken bis ins 20. Jahrhundert nach. Die Nachkriegsgeneration etwa liebte «Love Story», einen der erfolgreichsten Filme der 1970er. Darin stirbt die Frau mit Mitte zwanzig an einer mysteriösen Krankheit – und verewigt so die allzu kurzlebige Liebesgeschichte umso nachhaltiger in der Fantasie des Publikums.

Eine andere fiktionale Paarungsschablone, ebenfalls von Shakespeare abgeleitet, ist die romantische Komödie: Zwei umgarnen sich, können aber nicht zusammenkommen. Und sobald es endlich klappt, ist das Stück auch schon vorbei. Eine Schwundstufe dieses alten Plots liefert heute die TV-Kuppelshow «Bachelor», wo rund zwanzig Männer oder Frauen wochenlang um die Gunst eines Bachelors, einer Bachelorette buhlen: ein inszenierter Anbandelungsparcours, an dessen Ende die Paarung der zwei «Richtigen» steht.

Abseits der stürmischen Welt

In «Allegro Pastell» wird weder gestorben noch lange umeinander geworben. Und Tanja und Jerome führen ihre pastellfarbene Liebe auch nicht nach dem Skript der wohl dominantesten Paarungsgeschichte unserer Tage: dem Sadomasoroman «Fifty Shades of Grey» mit seinen rituellen Unterwerfungs- und Bondagefantasien und Ausläufern zu diversen anderen Bestsellern, jüngst etwa dem polnischen Netflix-Softporno «365 Days». Die Soziologin Eva Illouz erklärt das Phänomen so: Das lustvolle Regelkorsett einer S/M-Beziehung bringe wieder Ordnung in die unübersichtlich gewordene heterosexuelle Paarung, die nach dem Zusammenbruch fixer Geschlechterrollen neue klare Rollenmuster suche.

Spuren dieser S/M-Obsession finden sich auch in «Normal People», einer weiteren gefeierten Lovestory unserer Tage. Der Roman der jungen Irin Sally Rooney ist nur zwei Jahre nach seinem Erscheinen als BBC-Serie verfilmt worden. Wobei in «Normal People» bereits wieder der Ausbruch aus dem «Fifty Shades»-Käfig vollzogen wird: Echte Gefühle führen hier gerade zur Entsorgung der Unterwerfungsfantasie. In Rooneys Roman wird die Liebe zwischen Connell und Marianne aber noch klar als Klassengeschichte erzählt: Seine Mutter putzt das Haus ihrer Mutter, im Dorf bleibt die Liaison lange tabu. Diese Liebe ist rein, doch die beiden geraten wegen ihrer Herkunft ständig aneinander.

In der Serie nun wurden interessanterweise fast alle Streitereien über diesen Klassenunterschied weggelassen. Übrig bleiben nur die – nun rätselhaften – Trennungen, gefolgt von Wiedervereinigungen. Was uns zurückführt zu Leif Randt: Auch in «Allegro Pastell» gibt es keine sichtbaren Hindernisse, die einen Keil zwischen die Liebenden treiben würden. Trotzdem klappt es nicht. Auf Verliebung folgt Entzweiung und alle paar Monate ein neuer Anfang – mit dem gleichen Gegenüber. Zumindest in der Fantasie der begeisterten LeserInnen könnte es wohl ewig so weitergehen.

Die Kritik deklariert die serielle Wellenliebe zwischen diesen jungen Menschen flugs zum Zeitgeistphänomen. Dabei waren bereits viele der grossen Liebesgeschichten der Vergangenheit nicht so sehr Brennglas auf die Gegenwart als vielmehr Flucht in ein romantisches Ideal – selbst wenn dieses am Ende den Tod bedeutete. In «Love Story» etwa bleibt die stürmische Weltlage mit Vietnam, 1968, Kaltem Krieg ausgeklammert. Stattdessen «korrigieren» diese Fiktionen die Realität mit der überschaubaren Gegenwelt eines verliebten Paars, wo nun – im Fall von «Allegro Pastell» und der Serie «Normal People» – einzig noch die Gefühle kompliziert sind. Alte Spaltpilze wie Familie, Klasse und gesellschaftliche Normen scheinen alle ausgeräumt.

Was für ein Wunschtraum: Unsere Gegenwart, die von solchen Bruchlinien doch weiterhin dicht durchzogen ist, erscheint in diesen Zweierkisten bereinigt und privatisiert. Und was für eine poetische Pointe: Weil die Krisen ausgeblendet werden, muss die Liebe nun eben selbst welche herbeiführen.

Sally Rooneys Roman erscheint am 17. August 2020 unter dem Titel «Normale Menschen» auf Deutsch bei Luchterhand. Die deutsche Fassung der Serie kann ab Mitte Juli via Amazon gestreamt werden.

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