Nr. 51+52/2016 vom 22.12.2016

Ein Brief voller Verwunderung

Von Stefan Howald

Ein Fötus als Erzähler – das hat die zeitgenössische Literatur kürzlich gleich zweimal durchexerziert: Ian McEwan in «Nussschale» und Charles Lewinsky in «Andersen». Dagegen ist Thomas Hostettlers Buch «Liebigen» schon beinahe konventionell angelegt. Er schreibt «Briefe an die Ungeborenen», an Zwillingstöchter im Bauch seiner Partnerin, gut drei Monate lang bis zur Geburt der Kinder. Bereitet diese auf die Welt vor, die sie erwartet. Erzählt von sich und streut Zenreflexionen ein. Das tönt alles ein wenig absonderlich. Aber Hostettler gelingt es, eine eigentümlich berückende Stimmung zu kreieren. Seine Sprache versteht es, mehrere Register zwanglos zu wechseln. Persönliches wechselt mit Philosophischem, Witz mit Melancholie und ein wenig Satire auf zeitgenössische Zustände. Der Briefeschreiber ist nicht der biologische Vater der beiden Kinder; er setzt sich mit den zwei Herkunftskulturen auseinander, schweizerisch-nepalesisch. In der Beschäftigung mit Meditationstechniken und in den nacherzählten Zengeschichten äussert sich eine nachsichtige Verwunderung über die Welt. Zum Schweizerischen gehört, dass die Sprache mit etlichen Mundartausdrücken durchsetzt ist.

Ja, Hostettler hat den ganzen Text in Mundart übersetzt und präsentiert ihn zweisprachig, einmal also von vorn zu lesen und dann das Buch auf den Kopf gestellt ein zweites Mal. Aber gibt es etwas Verdächtigeres als geschriebene Mundartliteratur? Diese angestrengte Bescheidenheit, diese falsche Gemütlichkeit. Und, aktuell gedacht, dieser populistische Gestus: Seht her, ich schau dem Volk aufs Maul. Selbst dem unvergleichlichen Mani Matter haftet in Buchform zuweilen etwas Geschmäcklerisches an. Gerettet wird die Mundart, wenn sie – wofür sie ja gemacht ist – gesprochen wird. Hostettler, ausgebildeter Schauspieler, später Regisseur (er hat die erste Schweizer Soap-Opera «Motel» inszeniert) und Theaterautor aus Zofingen, ist ein toller Vorleser. Hochdeutsch oder Mundart. Wenn man ihn bei einer Lesung hört, wird sogar Mundartliteratur zum Vergnügen. So, wie dieses ungewöhnliche Buch einen ganz eigenen Reiz besitzt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch