Nr. 51+52/2016 vom 22.12.2016

Im Labor der Kunstglobalisierung

Eine soziologische Studie untersucht die Auswirkungen der Globalisierung auf die zeitgenössische Kunst am Beispiel von Hongkong. Sie widerlegt die Idee, dass die globalisierte Welt immer flacher wird.

Von Barbara Basting

Die Globalisierung war in den letzten Jahren eines der beherrschenden Themen, auch in der Kunst. Schon 2012 untersuchte ein breit angelegtes Forschungs- und Ausstellungsprojekt am renommierten Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) die «Kunstwelten seit 1989». Der Titel: «The Global Contemporary». Nun geht ein ForscherInnenteam rund um den St. Galler Soziologen Franz Schultheis näher ran an eine der spektakulärsten Erfolgsgeschichten des globalisierten Kunstbooms der letzten Jahre: die Expansion des asiatischen, namentlich des chinesischen Kunstmarkts, dessen Umsatz 2013 den der USA erstmals knapp übertroffen hat.

Dass der Fokus der als Feldstudie angelegten Untersuchung auf Hongkong liegt, erstaunt nur auf den ersten Blick. Die einstige britische Kronkolonie, die trotz zunehmendem Druck aus Beijing nach wie vor eine gewisse Unabhängigkeit von China geniesst, ist dabei, sich mit ihrem politischen und ökonomischen Sonderstatus zu einer wichtigen Drehscheibe für den Kunstaustausch mit der Region zu etablieren. Sie ist damit, in den Worten der AutorInnen, zum «Labor der Globalisierung» geworden.

Entscheidend hierzu beigetragen hat ausgerechnet die international aktive Kunstmesse Art Basel. Sie ist der Angelpunkt der St. Galler Studie. Schultheis und sein Team hatten sich bereits zuvor intensiv mit der Art Basel auseinandergesetzt; da lag es nahe, auch deren Brückenkopf in Fernost genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Art Basel übernahm 2013 eine bereits bestehende lokale Kunstmesse in Hongkong. Es herrscht Goldgräberstimmung: Etliche europäische und US-Galerien haben seit 2008 in Hongkong Niederlassungen gegründet. Neue Märkte locken.

Die Hongkonger Stadtregierung fördert die Entwicklung zum «creative hub». Eine Schlüsselfunktion kommt dabei dem neuen Museumskomplex M+ zu. Hier soll in einem Neubau der Basler Architekten Herzog & de Meuron ab 2019 die Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst des Schweizers Uli Sigg dauerhaft zugänglich sein. Sie dokumentiert den Umbruch der Kunstszene nach Maos Tod und hat, seit Teile von ihr an Harald Szeemanns Venedig-Biennale von 1999 gezeigt wurden, im Westen für Furore gesorgt.

Gruppenselfies mit Kunst

Das Interesse des St. Galler SoziologInnenteams geht aber über eine empirische Feldstudie hinaus. Ausgehend von der Distinktionstheorie «Die feinen Unterschiede» (1979) des Soziologen Pierre Bourdieu, strebt es eine Reflexion des Kunstbooms in Asien an. Wie wirkt sich dieser auf die Entwicklung der Gegenwartskunst aus? Läuft China auch in der Kunst Europa und den USA allmählich den Rang ab? Wenn ja, was bedeutet das für den künftigen Begriff der Kunst, der im 20. Jahrhundert so stark geprägt war von den europäischen Modernismen mit ihrem utopischen Anspruch? Müssen wir uns mit der Idee einer immer unübersichtlicheren globalen Kunstwelt anfreunden?

Bei einem Besuch der Art Basel Hong Kong im Frühjahr 2016 sticht sofort ins Auge, was auch das ForscherInnenteam bemerkt: Das Publikum hier ist markant jünger als bei der «Mutter» in Basel. Nirgends sonst bekommt man in so kurzer Zeit auf so dichtem Raum so viele allerneuste Turnschuhmodelle vorgeführt. Hemmungslos werden Gruppenselfies mit Kunst gemacht. Kunst ist hier noch mehr als im Westen ein Lifestyle-Event. Der Diskurs kann warten. Das Kunstangebot ist unübersehbar anders: Es kommt einer Vorliebe für handwerkliche Perfektion, ja manchmal geradezu altmeisterlich wirkende Kunstfertigkeit entgegen, die klar im Gegensatz steht zur im Westen dominierenden Konzeptkunst.

Seitens der Galerien sind neben bekannten Akteuren aus Europa und den USA etliche aufstrebende Galerien aus dem pazifischen Raum vertreten, die man an der Art Basel vermutlich nie sehen wird. Gleichzeitig trifft man auf dieselben Sponsoringpartner aus dem Champagner-, Luxus- und Bankensektor und auf ein Vermittlungsangebot mit ExponentInnen der westlichen Kunstszene.

Das Verdienst der – nur auf Englisch vorliegenden – St. Galler Studie ist es, diese Eindrücke mithilfe von Leitfragen zum kulturellen und ökonomischen Globalisierungsprozess zu kontextualisieren und zu interpretieren. Kern des Buchs bilden sechzehn Interviews mit AkteurInnen aus China, Hongkong und dem Westen, die in mehrerlei Hinsicht überraschen. So erweisen sich etwa die westlichen Ängste hinsichtlich einer Verstärkung des Einflusses chinesischer oder genereller asiatischer Kunst und der Ablösung der westlichen Dominanz im globalen Kunstmarkt als unbegründet, jedenfalls mittelfristig.

Ursache dafür ist den AutorInnen zufolge die hierarchische Struktur des Kunstbetriebs. Sie erschwert es neuen AkteurInnen, seine Spielregeln umzuschreiben. Im Gegenteil ergibt sich der Gesamteindruck einer neuen, subtileren Form der «Kolonialisierung» Asiens durch westliche Kunstvorstellungen. Die Art Basel Hong Kong ist dabei Teil einer Vorhut.

Das Terrain erweist sich jedoch als unbequem. Tragende Pfeiler des westlichen Kunstbetriebs sind in China unterentwickelt. Institutionen, die sich seit längerem der zeitgenössischen Kunst widmen, Museen ebenso wie Ausbildungsstätten, gibt es noch kaum. Auch das Modell der Programmgalerie, die Künstlerinnen und Sammler zueinanderführt, hat es schwer. Die ChinesInnen halten Auktionshäuser für vertrauenswürdiger als Galerien. Überdies fehlen gut verankerte Strukturen der Kunstförderung und -erziehung. Die westliche Idee der zeitgenössischen Kunst ist, das unterstreichen etliche Interviews, klar ein Importprodukt.

Die feinen Unterschiede

Zu den verblüffendsten Befunden gehört, dass sich ein vertiefter Austausch mit der chinesischen Szene bisher in engen Grenzen hält. Oft greifen vor allem die alten Schemata des «Exotismus». Die Idee der «flachen Welt» der Globalisierung (Thomas L. Friedman), in der alle näher zusammenrücken, wird ausgerechnet in der angeblich so weltoffenen Kunstszene Lügen gestraft: Der Löwenanteil des Kunstmarkts und der Kunst bewegt sich innerhalb nationaler Grenzen.

Dennoch lässt sich ein Emanzipationsprozess beobachten: Die Orientierung an westlichen Vorbildern ist für die Mehrheit der chinesischen Kunstschaffenden inzwischen zweitrangig, wenn sie nicht gerade wie die Superstars Ai Weiwei oder Cao Fei in den Hauptstädten des Westens Karriere machen. Schon allein dadurch werden sich mittelfristig die Gewichte verschieben. Der Osten wiederholt dabei nicht einfach mit Verspätung die europäische (Kunst-)Geschichte, in der Kunst und Markt bis heute als Gegensätze gelten, jedenfalls theoretisch. Umgekehrt ist die zeitgenössische chinesische Kunst nicht einfach nur auf Systemkritik beschränkt, auch wenn der Westen darauf besonders scharf ist.

Über die Mechanismen der Kunstglobalisierung lernt man vor allem eines: dass es als Gegentendenz zur viel beschworenen Homogenisierung der Kultur einen Trend zur Stärkung regionaler Märkte gibt. Die Gegenwartskunst wird sich dadurch in Zukunft noch mehr auffächern als bisher. Gerade deswegen kann man die westliche Vorstellung abschreiben, mit der Idee der Kunst auch rasch mal die eigenen Ideale von gesellschaftlicher Emanzipation und Demokratisierung durch Kunst und Kultur zu exportieren.

Jedenfalls, wenn man dabei auf die vom Kunstmarkt dominierten Strukturen setzt, für die die Art Basel nicht zuletzt steht. Das ist womöglich auch ein Nachteil des präzisen Fokus der St. Galler SoziologInnen: Manchmal beschleicht einen bei der Lektüre schon die Frage, wie repräsentativ das Kunstbiotop der Art Basel Hong Kong tatsächlich ist. Trotzdem gehört das Buch mit zum Spannendsten, was man derzeit über den globalen Kunstbetrieb zu lesen bekommt.

Franz Schultheis, Erwin Single, Raphaela Köfeler, Thomas Mazzurana: «Art Unlimited? Dynamics and Paradoxes of a Globalizing Art World». Transcript. Bielefeld 2016. 262 Seiten. Gratisdownload unter www.alexandria.unisg.ch/247958.

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