Nr. 45/2020 vom 05.11.2020

Vom glamourösen Hotspot zum Zukunftslabor

Mit der Biennale hat Venedig im späten 19. Jahrhundert eine oft kopierte Blaupause für die Verbindung von Tourismus, Stadtmarketing und Kultur geschaffen. Ihr Erfolg trug aber auch zum Overtourism bei, unter dem die Stadt ächzte – bis dann die Pandemie kam. Nun erblühen neue Zukunftsvisionen.

Von Barbara Basting, Venedig

Mit der Pforte und einer Hälfte in der Vergangenheit: Verkleideter Eingang zum zentralen Pavillon auf dem Biennalegelände von Venedig. Foto: Marco Cappelletti

Eine einsame Möwe stolziert über die Holzplanken des Cafés in den Giardini von Venedig, während im Oktoberlicht die Blätter von den Bäumen segeln. Ohne Covid-19 würde hier nun die Architekturbiennale ausgetragen. Doch jetzt verirren sich nur wenige BesucherInnen in den zentralen Pavillon. Dort wartet ein Rundumschlag zur Geschichte der Biennale auf sie. Am Eingang zur Lückenbüsserschau «Le muse inquiete» wird Fieber gemessen. 34,9 Grad. Cool.

Die Musen haben allen Grund, unruhig zu sein. Streift man derzeit durch Venedig, wagt man sich angesichts der Pandemie kaum vorzustellen, wie es 2021 hier aussehen wird. In den Herbstferien gab es noch erstaunlich viele TouristInnen. Man hörte aber fast nur SchweizerInnen und Deutsche. Dann landete das Veneto auf der Quarantäneliste erst der Schweiz, dann Deutschlands. Die Fortsetzung des Kurzfilms «Venezia anno zero» von Andrea Morucchio über Venedig während des Lockdowns läuft seither vor aller Augen.

Etliche Läden haben schon dichtgemacht. «Cedesi attività», Geschäftstätigkeit aufgegeben, handgeschriebene Zettel mit Telefonnummer kleben an schmuddeligen Vitrinen. Bisher traf es vor allem die unzähligen Souvenirbuden. Aber auch im Fondaco dei Tedeschi, der bei ihrer Eröffnung heftig kritisierten Mall der Luxusgeschäfte in einem Renaissancebau bei der Rialtobrücke, langweilen sich die Verkäuferinnen. War jemals sichtbarer, welch zuverlässiger Indikator für die Befindlichkeit einer Gesellschaft die Lust auf Mode ist? Auch bei den Hotels und Restaurants sind Überkapazitäten offensichtlich. An den Quais, wo zu Biennalezeiten oft protzige Yachten ankerten, haben AnglerInnen Quartier bezogen.

Einziger, allerdings gewichtiger Vorteil aus ökologischer Sicht: Die Kreuzfahrtschiffe sind weg. Zuletzt waren es 600 im Jahr. Die VenezianerInnen selbst freuen sich, Venedig endlich einmal wie eine fast normale Stadt zu erleben, sagt Tommaso Rava, lokaler Projektmanager, der seit 2018 den Länderpavillon der Schweiz koordiniert. Auch klassische KunstpilgerInnen geniessen die Leere. Doch so traumhaft sie im ersten Moment sein mag, so beklemmend wirkt sie schon bald. Was passiert mit einer Stadt, die zuletzt eines der schlimmsten Beispiele für den Overtourism war, wenn Reisen für längere Zeit schwierig bleibt oder gar wieder exklusiv wird? Einer Stadt, die den Tourismus päppelte, bis er alles dominierte, den Arbeits- und Wohnungsmarkt ebenso wie die politischen Entscheide? Was kann «normal» in Venedig noch heissen? Und: Wie weiter?

Eine Stadt neu erfinden

Die Frage hat sich in der jüngeren Stadtgeschichte schon einmal gestellt, als man sich im späten 19. Jahrhundert gegen den Niedergang und die Folgen der Eroberung durch Napoleon zu stemmen versuchte. So entstanden schon ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgreiche Initiativen zur Industrialisierung, etwa Glasbläsereien auf Murano oder die Eisengiesserei Neville bei San Rocco. In dieser verdiente sich ein Schweizer die ersten Sporen: Giovanni (Hans) Stucky, der an der ETH Maschinenbau studiert hatte, gründete den Molino Stucky, eine um 1900 hoch rentable Mühle und Pastafabrik. Ihr Betrieb wurde 1955 nach Jahren der Krise eingestellt. Das imposante Gründerzeitgebäude des Molino auf der Giudecca wurde zum «Geisterschloss». Ein Ideenwettbewerb der Biennale 1975 sah eine kulturelle Umnutzung vor, 2007 entstand ein Luxushotel.

Stucky, der 1910 vermutlich von einem Anarchisten ermordet wurde, schätzte die Kunst; er kaufte und sanierte etwa den Palazzo Grassi. Parallel trieb der Industrielle Vittorio Cini zusammen mit dem politisch einflussreichen Giuseppe Volpi die Modernisierung voran. Pikantes Detail: Cini, der in der Schweiz Ökonomie studiert hatte, nicht zuletzt mit Waffenhandel reich wurde und Venedig die Cini-Kulturstiftung hinterliess, hatte der im Faschismus unter Druck geratenen Stucky-Familie neben der Mühle auch den Palazzo Grassi abgekauft. Besonders folgenreich war die Gründung des Industriehafens Marghera. Volpi wurde später Mussolinis Finanzminister. Als Präsident der Biennale ab 1932 gründete er flugs die Filmbiennale, ein Propagandainstrument erster Güte.

So war der grelle Futurist Filippo Tommaso Marinetti eher spät dran, als er 1910 mit «Venezia passatista» aufräumen wollte, dem nostalgisch gefärbten Venedig, wie es schon der Schriftsteller John Ruskin beschrieben hatte. Marinettis Rosskur – Kanäle zuschütten, Kriegshafen bauen – war da schon abgehakt. Die heutige «Strada nova» vom Bahnhof aus (Baubeginn 1861) war um 1870 der erste Versuch, Venedig trockenzulegen. Die Fortführung solcher Pläne, auch zwecks Stadthygiene, wurde dann um 1895 durch eine denkmalpflegerische Initiative unterbunden.

Kultur, das «Öl Italiens»

Während also die Industrialisierung sowie die hierzu nötigen billigen Arbeitskräfte nach Marghera und Mestre verschoben wurden, wurde die Stadt samt Lido im 20. Jahrhundert zum Tourismusmagnet entwickelt. Dabei kamen ihr auch die Spezialgesetze zum Denkmalschutz infolge des Wirkens der Commissione Franceschini ab 1954 zugute, die die Rettung der italienischen Altstädte durch die gezielte Ansiedlung von Universitäten, Museen und Kultureinrichtungen förderten. Um 2000 wurde dann offiziell propagiert, das kulturelle Erbe sei das «Öl Italiens». Zumindest indirekt war der Tourismus mitgemeint.

Die Biennale, längst eine der international bekanntesten Kulturinstitutionen Italiens, war eine der Ölquellen. Dies zeigt selbst ein kursorischer Blick auf ihre spannende Geschichte in «Le muse inquiete». Schon der Titel, der sich auf das berühmte Gemälde «Le muse inquietanti» von Giorgio de Chirico in dessen Gegenausstellung zur ersten Nachkriegsbiennale 1948 bezieht, zeigt die Bedeutung des publikumswirksamen Skandals. Das Spektakel gehörte auch immer dazu: Bereits das Plakat der ersten Biennale von 1895 preist neben der «esposizione internazionale d’arte» Regatten, Feuerwerke und Serenaden an.

Der folgende Parcours durchblättert in dreizehn Kapiteln eine erschlagende Fülle von Schriftstücken, Fotografien und Videos aus den Archiven der Biennale und bezieht dabei alle Sparten von Kunst über Film, Musik und Theater bis zu Tanz und Architektur mit ein. Auffällig breit ausgemalt sind die Kapitel über die Biennale als Instrument der faschistischen Politik und als bedeutende Arena für die heftigen Kulturkämpfe der Nachkriegszeit und des Kalten Kriegs. Ein Akzent liegt auf den gesellschaftlichen Umbrüchen ab 1968, die sich in der Biennale unmittelbar niederschlugen.

Das reichte von der «Polizei-Biennale» 1968, die nur unter Polizeischutz stattfinden konnte, und jener von 1974, die wegen des Militärputschs gegen Salvador Allende komplett Chile gewidmet wurde, bis zur «Biennial of Dissent» von 1977 gegen die Repression im Ostblock. Im Rückblick hatte in den siebziger Jahren vor allem die Theaterbiennale ihre Glanzzeit. In den Neunzigern wurde die Kunstbiennale zur Echokammer der Globalisierung, am pointiertesten 1999 und 2001 mit den Biennalen des Schweizer Kurators Harald Szeemann, der schon 1975 mit den «Junggesellenmaschinen» in Venedig für Furore gesorgt hatte.

Insgesamt erscheint so die Biennale als Brennglas der Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. Damit wird ihre Bedeutung nachträglich noch unterstrichen. Befremdlich, dass gerade die vergangenen beiden Jahrzehnte nahezu ausgespart bleiben. Während dieser hat sich namentlich die Kunstbiennale dem boomenden Markt angedient, auch aufgrund ihrer chronischen Unterfinanzierung. Manche später gegründete Biennale war weniger handzahm.

Institutionen, die sich selber historisieren, sind oft an einem kritischen Punkt ihrer Geschichte angekommen. Im Fall der Biennale kommt zum Einschnitt durch Covid-19 der Wachwechsel an der Spitze hinzu. Der langjährige und prägende Präsident Paolo Baratta (1998–2001 und ab 2007) ist Ende 2019 abgetreten. Er hat die Entwicklung namentlich der Kunstbiennale zum glamourösen Hotspot des hyperkapitalisierten Kunstbetriebs vorangetrieben. Allein die Zahl der für Venedig charakteristischen Länderpavillons stieg zwischen 1999 und 2017 von 59 auf 86. Die Besucherzahlen kletterten von 200 000 auf 620 000 (Schwankungen gab es schon früher; die erste Biennale zählte 200 000 Besuche). In Barattas Ära fiel nicht nur der Ausbau des Arsenale, sondern auch die Stärkung der zuletzt oft anregenderen Architekturbiennale. Doch es blieb beim verstaubten Länderkonzept, das nationalistische Denkweisen zementiert und den Globalen Süden zu wenig berücksichtigt. Es bleibt abzuwarten, welche Wegmarken der neue Präsident, Roberto Cicutto, Filmproduzent aus Venedig, setzen wird.

Die Selbsthistorisierung markiert auch einen Einschnitt, weil die Biennale von Venedig der sogenannten «Biennalisierung» das Terrain bereitete. Angefangen mit der 1951 als Zwillingsunternehmung zu Venedig gegründeten Biennale von São Paulo folgte ab 1990 eine Explosion der Biennalen. In ihrem Schlepptau blühten die Kunstmessen. Marktnähe war gerade der Biennale von Venedig in die Gründungsakten geschrieben: Sie wurde 1893 als Verkaufsschau konzipiert, was sie bis 1968 auch war.

Mit der Covidzäsur, die gerade den Billigflieger-Kulturbetrieb durchrüttelt, stellt sich die Frage, ob eines der ältesten und erfolgreichsten Promotionsmodelle für Kunst in einer Sackgasse steckt. Einiges spricht dafür: Die «Biennalisierung» wurde schon länger kritisiert, hat sie doch einen fragwürdigen «Hors-sol»-Betrieb hervorgebracht, der sich von lokalen Kunstszenen entkoppelt hat, auf diese aber zurückwirkt, indem er sie beliebig auf- und abwertet. Umdenken tut auch not, will die Kunst angesichts von Fridays for Future ihren oft erhobenen Anspruch auf pionierhafte kritische Zeitgenossenschaft nicht völlig preisgeben. Erste Ausstellungen, wie jüngst «Down to earth» im Berliner Gropiusbau, thematisieren die bedenkliche Ökobilanz dieses Betriebs. Neben den Flügen gehört die «graue Energie» für die Infrastruktur dazu, von der sozial hoch problematischen Etablierung eines prekarisierten Künstlernomadentums zu schweigen.

Die Allianz der Gegenkräfte

Gerade die Biennale von Venedig, auch das zeigt «Le muse inquiete», hat sich aber nach gravierenden Einschnitten ebenso wie Venedig stets neu erfunden. Und wer durch die entleerte Stadt läuft, entdeckt rasch Hinweise auf Kräfte, die an einer alternativen Zukunft arbeiten.

Unübersehbar sind die Poster, die polemisch auf die Kreuzfahrtschiffe als Virenschleudern hinweisen. Sie führen zur Website der Organisation We Are Here Venice (WAHV). Die NGO ist als wissenschaftlicher Thinktank organisiert, wird inzwischen auch von Universitäten als Partnerin ernst genommen und vertritt einen Anspruch, der heute weit über Venedig hinaus von Interesse ist: Wie bleiben oder werden unsere Städte nicht nur für einzelne Wirtschaftszweige, etwa eine touristische Monokultur, interessant, sondern auch für ihre Bürgerinnen und Bürger lebenswert? Und wie geschieht dies auf ökologischem Weg?

Die Gründerin, Jane da Mosto, nimmt sich spontan Zeit für ein Treffen und skizziert ihre Mission: WAHV will «die Verbindung zwischen der historischen Inselstadt Venedig und dem ökologischen System der Lagune» stärken. Erreichen will da Mosto dies mit einer Stärkung der gesellschaftlichen und ökonomischen Vielfalt, um die Abwanderung zu bremsen. Man müsse nicht nur bei den Mieten ansetzen, die durch Ferienvermietungen hochgetrieben wurden, sondern auch bei der Struktur des Arbeitsmarkts.

Jane da Mosto wehrt sich damit gegen die politischen Kräfte, die derzeit mehr in der Region Veneto als in der Stadt selbst dominieren. Für diese ist Venedig weiterhin ein «Freiluftmuseum, das sich touristisch auspressen lässt». Covid-19 bestätigt nun, wie riskant diese einseitige Fixierung auf den Tourismus ist. Das Personal in Hotellerie oder Hafen, meist niedrig qualifiziert, mit Zeitverträgen oder schwarz beschäftigt, gehört zu den ersten Opfern. Nachhaltig ist dies ebenso wenig wie der Dauerangriff auf die fragile Lagune. «Moses» allein, die bislang acht Milliarden Euro teure und skandalumwitterte Hochwasserblockade, die dieser Tage endlich teilerprobt wurde, wird langfristig wenig ausrichten gegen den Anstieg des Meeresspiegels.

Die temperamentvolle Jane da Mosto hat in Oxford und London Zoologie studiert. Doch für die von ihr angestrebte Verbindung von Wissenschaft und Praxis seien ihre Erfahrungen als engagierte Bürgerin Venedigs und mehrfache Mutter mindestens so entscheidend, meint sie. Dies reflektiert sich in den Forschungsprojekten von WAHV. Zwei (online verfügbare) Studien über die Folgen der Biennale für die Stadtbevölkerung («How was it for you») sowie zu Interessenkonflikten in Venedig («Whose city is it anyway») hebt Jane da Mosto besonders hervor – und freut sich, dass Letztere in der Stadt schon fast Handbuchcharakter hat. Einen ersten Auftritt an der Architekturbiennale Venedig hatte WAHV 2012; es folgten weitere, darunter im Schweizer Pavillon der Architekturbiennale von 2014. Für 2021 ist eine Zusammenarbeit mit der Stadt Amsterdam im niederländischen Pavillon geplant.

Inzwischen verbindet sich WAHV mit lokalen wie internationalen Initiativen; so mit einem Projekt zur Rettung der für den globalen CO2-Haushalt wichtigen Salzmarschen. Jane da Mosto ist auch im Steuerungsausschuss des jüngst gegründeten Global Cruise Activist Network. «Die Kreuzfahrtschiffe sind für sich genommen nicht mal das wichtigste Thema. Aber dass sie existieren, ist ein Beleg für ein eklatantes systemisches Versagen», sagt sie. Neben der Kampfansage an die Riesenkähne sind ihr kleine lokale Massnahmen wichtig, wie die Umrüstung der Vaporetti von Diesel auf Wasserstoff. Entscheidend sei es, die Leute zu informieren und zum Selberdenken zu bringen. «Wir bilden uns nicht ein, auf alles Antworten zu haben – aber wir wollen die Themen so präsentieren, dass die Menschen beginnen, sich Gedanken zu machen, und gemeinsam Lösungen suchen.»

Jane da Mostos Optimismus ist ansteckend. Andere gut informierte Gesprächspartner in Venedig sind skeptischer und erklären, es sei für die Zeit nach Corona schon die nächste, noch grössere Generation von Schiffen geplant, samt einem noch grösseren Hafen. Die beteiligte italienische Werft Fincantieri ist zu siebzig Prozent in Staatshand. Die Zäsur von Covid-19 verschafft der Stadt, so die immer wieder vorgetragene Hoffnung, zumindest eine Atempause, um auch international das Bewusstsein für den schädlichen invasiven Tourismus zu schärfen. Einen Beitrag im Chor der MahnerInnen bereitet derzeit eine Studiengruppe vor, die unter dem Patronat des Internationalen Komitees zur Erhaltung Venedigs, des Schweizer Generalkonsulats in Mailand und des Deutschen Studienzentrums in Venedig steht: eine neue «Venedig-Charta für städtische Kultur», in Anknüpfung an die vor allem denkmalpflegerisch bedeutsame «Venice-Charta» von 1964 und die aktuelle Erklärung von Davos von 2019. Sie soll unter anderem Leitsätze für eine Stadtentwicklung formulieren, die sich nicht vom Tourismus strangulieren lässt, und 2021 an der Architekturbiennale vorgestellt werden.

Plattform mit Megafon

Zurück zur Biennale. Wird hier «postcovid» im selben Stil weitergemacht? Der eingangs zitierte Tommaso Rava sieht zwei Szenarien: Gerade die für die Biennale zentralen Länderbeteiligungen könnten künftig infrage stehen. Wozu ein teurer Auftritt in Venedig, wenn niemand reisen kann? Ärmere Länder würden hinausgedrückt; den Betrieb prägten noch mehr als bisher die potenten AkteurInnen.

Andererseits entstünden derzeit erstaunlich viele lokale Initiativen. Sicher, das Fehlen des Biennale-Trecks hinterlasse gewaltige Spuren in der lokalen Kunstszene. «Sie ist zum Erliegen gekommen, wie alles sonst hier auch. Doch viele wollen in der Stadt bleiben, durchhalten, kämpfen, so schwierig es ist.» Damit beschreibt Rava eine Stimmung, die man zuletzt auch anderswo in der Kunstszene gespürt hat Die Krise zermürbt, mobilisiert aber auch Energien.

Venedig ist exponiert: touristisch, kulturell, ökologisch. Ein Befund kristallisiert sich schon jetzt heraus: Ihre Verwundbarkeit macht die Stadt zum idealen Labor. Weil sie international in vielen Herzen und Köpfen gegenwärtig ist, eignet sie sich besonders gut als Plattform für Initiativen und Ideen, die weit über Venedig hinaus Bedeutung fürs 21. Jahrhundert haben könnten. Von der Aufmerksamkeit, die dies kreiert, profitiert Jane da Mostos WAHV, die von PhilanthropInnen aus Italien, der Schweiz, den USA und Grossbritannien unterstützt wird.

Von ihr profitiert ebenso das interdisziplinäre Projekt «Ocean Space», initiiert von der österreichischen Kunststiftung Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (TBA21). Visualisierungen einer Sammlung ökologischer, wirtschaftlicher und politischer Daten zu den Weltmeeren flackern in der ehemaligen Kirche San Lorenzo über Grossbildschirme. Tatsächlich, die finanzkräftigen Akteure bleiben sichtbar.

Von der Aufmerksamkeit profitiert auch Sergio Pascolo, angesehener Architekt und Städteplaner an der hiesigen Universität IUAV. Er hat kurz vor der Coronapandemie ein viel beachtetes Pamphlet, «Venezia secolo ventuno», vorgelegt, das für Venedig eine Renaissance als Modellstadt für das 21. Jahrhundert skizziert. Auch sein künftiges Venedig ist nicht mehr ein Spucknapf für Kreuzfahrtschiffe, sondern eine nachhaltige Stadt, die zum ökologischen Forschungszentrum wird. Es ist eine Stadt, die uns allen den Wechsel vom Jahrhundert des Automobils hin zum Eldorado der Fussgänger, der kurzen Wege, der Nachbarschaften, der Entschleunigung vorführt. Ein Venedig, das primär für seine BürgerInnen lebenswert ist – und als Fanal auf planetarem Niveau wirkt.

Der Idealismus ist gross. Die politische Umsetzung steht auf einem anderen Blatt. Aber der Zeitpunkt ist mehr als günstig. Es wäre nicht zum ersten Mal, dass von Venedig Bewegungen ausgingen, die die Welt veränderten.

Barbara Basting arbeitet für die Kulturabteilung der Stadt Zürich, wo sie das Ressort Bildende Kunst leitet. Dieser Beitrag ist das Ergebnis einer persönlichen Kurzrecherche zu den möglichen Auswirkungen der Covidkrise auf den internationalen Kunstbetrieb am Beispiel einer seiner wichtigsten und ältesten Institutionen, der einflussreichen Kunstbiennale von Venedig.

Sandi Paucic (Pro Helvetia)

«Die Pandemie dürfte wie ein Katalysator wirken»

WOZ: Herr Paucic, wie sieht die Planung für 2021 für den Schweizer Pavillon aus?
Sandi Paucic: Das ursprünglich für die Architekturbiennale 2020 von Pro Helvetia nominierte Westschweizer Team setzt sich mit dem Phänomen der Landesgrenze auseinander. Das Projekt wird von uns weiterhin verfolgt. Wir planen, die Vorbereitungen für die inzwischen weiterentwickelte Ausstellung ab Frühjahr 2021 neu aufzunehmen. Auch der Salon Suisse, unsere Diskussionsplattform an der Biennale in Venedig, soll, um ein Jahr verschoben, von der Architekturspezialistin Evelyn Steiner durchgeführt werden. Der Titel der architekturbezogenen Veranstaltung lautet «Bodily Encounters».

Sie konnten den neuen Präsidenten der Biennale vor kurzem erstmals treffen. Welche Vision hat er vermittelt?
Roberto Cicutto plädiert für eine verstärkte Interdisziplinarität bei den «sechs Künsten» der Biennale: Kunst, Architektur, Film, Tanz, Musik, Theater. Ebenso möchte er Venedig und die Biennale über die Ausstellungen hinaus ganzjährig zu einem international ausstrahlenden Ort der Recherche und Auseinandersetzung für die zeitgenössischen Künste machen.

Was bedeutet die Coronazäsur für die Biennale?
Alle Megaanlässe in der Ausstellungs- und Kunstwelt werden wohl gegenwärtig einem Stresstest unterzogen. Es ist kaum abzuschätzen, wie sich das globale Reisepublikum nach Corona verhalten wird. Dabei scheint mir die Covid-19-Pandemie nur der Katalysator für die Auseinandersetzung mit drängenden Fragen wie Ökologie oder Nachhaltigkeit zu sein, die unsere Zivilisation und natürlich auch das kulturelle Schaffen herausfordern.

Interview: Barbara Basting

Der Kunsthistoriker, Kurator und Kunstmanager Sandi Paucic (56) ist seit 2011 Projektleiter Schweizer Auftritt Biennale Venedig bei Pro Helvetia.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch