Nr. 51+52/2016 vom 22.12.2016

Auf nach Kanada

Von Dirk Reetlandt

Seinen Mercedes hat sich Herr Zhu sicher nicht damit verdient, TouristInnen kostenlos durch die Provinz zu kutschieren. Es macht ihm aber auch nichts aus, dass ihn sein Bruder dazu verdonnert hat, mich in die Kreisstadt Guangfu zu fahren. Im Gegenteil: Herr Zhu ist sehr gesprächig. Denn er hat etwas auf dem Herzen: Die Schule, auf die er seinen Sohn schickt, bietet einen Austausch mit Kanada an. Für den Jugendlichen wäre das eine Chance, sich auf ein kanadisches College vorzubereiten. Und dann könnte er in Nordamerika studieren – auch wenn natürlich die Preise in Kanada exorbitant sind.

Das Zentrum von Handan, wo unsere Fahrt beginnt, ist an diesem Tag für ungerade Nummernschilder gesperrt. Dafür können die BürgerInnen die Busse gratis benutzen. Und um den Smog in den Griff zu bekommen, bietet die Regierung zudem an, Solarstrom für mehr als das Doppelte des normalen Preises aufzukaufen – aber die Landbevölkerung traut der Regierung nicht, und in der Stadt weiss man, dass Solarzellen wegen der Luftqualität nicht genug Strom liefern würden, als dass sich eine Investition rechnen würde. In den umliegenden Dörfern gibt es in fast jeder Familie Krebserkrankungen. Kanada ist in der Tat ein reizvolles Ziel.

Ich äussere trotzdem Bedenken: Chinesische Jugendliche sind wegen der langen Schultage und vielen Hausaufgaben weniger selbstständig als Gleichaltrige in Kanada. Denn sie haben gar keine Zeit zur Entwicklung eigener Interessen. Als meine Tochter auf eine Beijinger Mittelschule ging, musste sie mittags ihren Schlafanzug anziehen, sich fünfzig Minuten hinlegen und gut zudecken. Das wurde kontrolliert. Die Schule weiss besser als eine Teenagerin, ob sie müde ist oder friert.

«Das ist es gerade!», ruft Zhu. «Bei uns lernen die Kinder gar nicht, selbstständig zu denken!» In der Klasse meiner Tochter wurden die «Räuber vom Linag-Schan-Moor» gelesen. Der Roman wirft interessante Probleme auf: Wann ist Gewalt gerechtfertigt? Wie lange schuldet man den Eltern – und dem Kaiser? – Gehorsam? Die Prüfungsfragen lauteten allerdings: «Als Song Jiang den Li Kui das erste Mal getroffen hat, wie hiess das Dorf?» oder «Als Lu Da mit Yang Zhi gegessen hat, wer war noch dabei?»

Deswegen bin ich mir nicht sicher, ob ein chinesischer Jugendlicher in Kanada alleine zurechtkäme. Was meint denn Zhus Sohn, möchte der ins Ausland? Zhu blickt verdutzt in den Rückspiegel. Auf die Idee, sein Kind zu fragen, ist er noch gar nicht gekommen.

Dirk Reetlandt lebt und arbeitet in Beijing. Trotzdem entscheidet er selbst, wann er sich schlafen legt.

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