Nr. 51+52/2016 vom 22.12.2016

Aufgepimpte Weihnachtslieder

Ruth Wysseiers Variationen in trump-Moll

Von Ruth Wysseier

Machen wir uns doch nichts vor: Gerade an Weihnachten zeigt sich deutlich, dass wir nicht plötzlich in ein postfaktisches Zeitalter geschleudert wurden. Unser weihnächtliches Verhalten ist doch immer schon ein gefühlsgetriebener Wahn gewesen. Eine Litanei faktenfreier Erzählungen, um Wirgefühle hervorzuzaubern. Esel, Krippe, trallala. Wir lassen Tannen fällen, klammern uns an Rituale der Barmherzigkeit, schicken fünfzig Franken nach Afrika und rotten uns im Familienverband zusammen.

Na ja, möglicherweise fällt das Eintauchen in dieses lauwarme Stimmungsbad heuer etwas schwerer als auch schon. Wenn am Radio ein Weihnachtslied gespielt wird, schleichen sich neuerdings befremdliche Textversatzstücke in mein Repertoire, und die Nacht ist gar nicht mehr heilig und still. Aber hören Sie selbst:

Irre Nacht! Eisige Nacht!
Niemand schläft, alles wacht.
Trumpschen Horror beschert uns das Jahr.
Alter Affe im pissgelben Haar
lässt uns gar keine Ruh’,
lässt uns gar keine Ruh’!

In meinem Kopf purzeln all die in letzter Zeit hastig aufgesogenen beängstigenden Trump-Analysen wild durcheinander, und schon verstehe ich statt «Christ der Retter» «Trump der Rächer».

Die aufdringlichen neuen Texte sind roh, primitiv und plump, als wollten sie sich ihrem Protagonisten anpassen, wie auch eine Strophe aus «O Tannenbaum» zeigt:

O Trump Donald, O Trump Donald,
ich möchte dich bald fällen:
Wärst du doch nur ein Tannenbaum,
die Axt erfüllt’ mir meinen Traum.
O Trump Donald, O Trump Donald,
wie möcht’ ich dich bald fällen.

Auch das zarte «Es ist ein Ros’ entsprungen» ist nun aufs Schrecklichste entstellt und führt uns geradewegs in Dantes («Lasst alle Hoffnung fahren!») Inferno:

Es ist ein Frosch entsprungen
aus Geifer und Breitbart.
Wie uns die Tweets dann sungen,
vom Ku-Klux-Klan die Art.
Und hat ein Monster bracht
mitten im kalten Winter,
da wurd’ es finst’re Nacht.

Vielleicht wird der Schrecken handlicher, wenn wir ihn kleinreden und lächerlich machen. Wir könnten ihn in das kindische Lied von der Hagebutte kleiden:

Ein Männlein steht im Penthouse ganz schrill und dumm.
Es hat von lauter Ego ein Mäntlein um.
Sagt, wer mag der Wichser sein,
der da steht im Turm allein
Mit dem egomanen Hirni klein?

Oh nein, da hat sich neuer Horror eingeschlichen. «Egoman» reimt sich nämlich, Sie merken es schon, aufs Schändlichste mit Erdogan. Zum Glück sind mir die Lieder ausgegangen, und dichten mag ich auch nicht mehr.

Ruth Wysseier nimmt sich vor, in nächster Zeit nur noch Metallica zu hören.

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