Nr. 02/2017 vom 12.01.2017

Eine verpasste Chance

Anstatt aufzuzeigen, wie die einst legendäre Kulturzeitschrift «Du» käuflich geworden ist, feiert eine Ausstellung im Landesmuseum ihre Vergangenheit.

Von Daniela JanserMail an Autor:in

«Du – seit 1941» nennt sich die neue Wechselausstellung im frisch erweiterten Landesmuseum. Automatisch vervollständigt man diesen knappen Titel mit «bis heute». Bis heute ist das «Du» am Kiosk zu kaufen. Wer allerdings den Vitrinen entlangspaziert, steht nach 2003 unversehens vor dem Nichts. Dazu muss man wissen: 2003 wurde das defizitäre «Du» von Tamedia an den kleinen Architekturverlag Niggli verkauft, obwohl sich der begüterte Konzern das renommierte Kulturaushängeschild locker weiter hätte leisten können.

2007 erstand dann der Unternehmer Oliver Prange das «Du», das er nun schon seit Jahren in Personalunion als Verleger, Herausgeber und Chefredaktor leitet. Unter ihm ist das Heft käuflich geworden, eine Redaktion hat er keine mehr. Institutionen oder Einzelpersonen mit genug Geld können per Vertrag ganze Nummern erwerben. In anderen Fällen übernehmen Kulturinstitutionen wie das Zürcher Schauspielhaus oder die Solothurner Filmtage gleich selbst die Redaktion. Zahlreiche Ausgaben des einst hoch ambitionierten und international beachteten Magazins sind bloss noch teure institutionelle Werbeprospekte oder aufwendig gedruckte Native Ads im traditionsreichen Mantel. Ein Vizepräsident des Schweizer Presserats bezeichnete Pranges Publikationsmodell als problematisch (siehe WOZ Nr. 49/2015 und WOZ Nr. 50/2015).

Doch die Ausstellung geht der Auseinandersetzung mit dieser publizistisch bedenklichen Gegenwart einfach aus dem Weg. Einzig in einer kleinen Begleitpublikation werden die Besitzverhältnisse nach 2003 mit ein paar dürren Sätzen umrissen. Landesmuseumsdirektor Andreas Spillmann verteidigt sich so: Als historisches Museum beschäftige man sich nicht mit der Gegenwart. Dabei wäre es doch gerade für ein historisches Museum unabdingbar, auch unschöne Entwicklungen nachzuzeichnen.

Problematische Doppelrolle

Taugt wenigstens die Darstellung bis 2003? «Du – seit 1941» wirft Schlaglichter auf die glanzvolle Vergangenheit des Hefts. Jeder Chefredaktor erhält eine Vitrine mit Memorabilien und einer knappen Beschreibung seiner Amtszeit. Bis 2003. An der Wand hängen Titel- und Doppelseiten aus der langjährigen Geschichte. Wer will, kann in alten Ausgaben blättern. Nostalgisch blickt man gemeinsam mit dem Kurator zurück auf bessere Zeiten für erlesene Publikationen. Der Name dieses Kurators ist nur im Kleingedruckten der Ausstellung zu finden. Er birgt Zündstoff, handelt es sich doch um den ehemaligen «Du»-Chefredaktor Dieter Bachmann. Er war verantwortlich für eine Blütezeit des «Du» während der neunziger Jahre. Mit kritischem Gegenwartsbezug und origineller Themensetzung knüpfte er damals an die Gründerzeit des Hefts an, als Arnold Kübler einen radikal offenen Kulturbegriff vertrat und sich mit dem «Du» auch politisch engagierte.

Als Kurator wirkt Bachmann befangen – und kritikscheu. Dass er in der mit «D. B.» gezeichneten Begleitbroschüre über sich selbst in der dritten Person schreibt, ist eigenartig. Sollen die AusstellungsbesucherInnen schlicht nicht merken, dass sich da einer wohlwollend selbst porträtiert und auch einen Schaukasten zur eigenen Amtszeit gestaltet hat? Einzig der «Weltwoche» ist diese Doppelrolle aufgefallen. Gleichzeitig singt das SVP-Blatt ein Loblied auf Oliver Prange. Gekaufte Hefte? Kein Problem. Die Qualität stimme, «sachkundig und liebevoll» führe Prange das «Du» und habe die Missachtung durch das «Justemilieu» und die Ausstellung nicht verdient. In abgeschwächter Form vertritt auch die NZZ diese Haltung: Pranges Publikationsmodell könne man «anstössig» finden oder auch nicht, ihn einfach auszulassen, sei höchst fragwürdig.

Als sei alles in bester Ordnung

Gar nichts gemerkt hat der «Tages-Anzeiger». Unter der flotten Überschrift «Geistreich gegen den Zeitgeist» tut man gerade so, als sei seit 1941 alles in bester Ordnung und das «Du» ein unverrückbarer Leuchtturm in schwierigem Umfeld. Damit bläst die «unabhängige Tageszeitung» just ins gleiche Horn wie Prange selbst, der auf Facebook trotzig verkündet, dass man ignoriert werde, sei schmerzhaft, aber: «Wir leben das Du weiter, so wie es immer gewesen ist.» Dank der lückenlosen Digitalisierung kann zum Glück jedeR selbst den historischen Quervergleich wagen und sehen, wie absurd diese Behauptung ist. Auch abseits bedenklicher Finanzierungsmodelle.

«Du – seit 1941» ist noch bis am 19. März im Landesmuseum Zürich zu sehen. Digitalisierte «Du»-Hefte unter www.e-periodica.ch.

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