Nr. 03/2017 vom 19.01.2017

Letzte Dinge

Von Michael Saager

«Wir werden geboren, ohne eine Wahl zu haben», heisst es einmal in «Null K», dem sechzehnten Roman des New Yorker Schriftstellers Don DeLillo. «Müssen wir auch genauso sterben?» Ginge es nach dem milliardenschweren Macher Ross Lockhart – garantiert nicht. Dessen zweite Frau Artis, eine unheilbar an Multipler Sklerose erkrankte Anthropologin, will sich mit flüssigem Stickstoff schockfrosten lassen. Ross erwägt, mit ihr zu gehen. Der unterirdische Ort des Geschehens heisst Konvergenz und liegt, möglichst sicher vor Krieg und Terror, in der Steppe bei Kasachstan. Technokraten, Biologinnen, Neurologen, Futuristinnen arbeiten hier nicht nur an der Konservierungsmethode Kryostase, sondern an der Zukunft selbst. Es geht an diesem sterilen Nichtort um neue Formen des Wahrnehmens, Denkens, Lebens.

DeLillo bearbeitet, was an (fiktionalen) Motiven, an Ideen, Diskursen und Philosophien, an traditionellen Heilsversprechen und transrationalen Machbarkeitsfantasien über die jüngere und entferntere Zukunft in der Welt ist. Und spielt damit ein ernsthaftes literarisches Spiel. Im Mittelpunkt dieses von leicht verstrahlten Bildern umflorten und in Sätzen von aphoristischer Schönheit geschriebenen Romans steht die schwierige Beziehung von Ross Lockhart und seinem Sohn Jeffrey, dem Ich-Erzähler. Jeffrey hat mächtige Zweifel an der Idee der Konvergenz, DeLillo hat ihn als idealtypischen skeptischen Fragesteller entworfen. Und als im Jugendalter vom Vater verlassenen Sohn.

Behutsam entfaltet DeLillo die figuralen Verhältnisse, erzeugt zwingende Dramen von einiger Fallhöhe. Zu wem will ich gehören, wer bin ich, wohin gehe ich, wen will ich keinesfalls verlieren, was würde ich dafür tun? Der achtzigjährige Autor stellt all diese Fragen in diesem aktualitätsgesättigten Buch über das Sterben und das Leben. Es ist ein kluges Buch auch über die Verwundbarkeit der Welt, vor allem aber über die letzten Dinge. Insofern darf man es ruhig Alterswerk nennen.

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