Nr. 47/2020 vom 19.11.2020

Zurück in die Steinzeit

Von Dominic Schmid

Niemand, vielleicht mit Ausnahme von Gustave Flaubert, schreibt Sätze wie Don DeLillo. Jeder einzelne steht da auf dem Papier, als ob dieses Stein wäre. Jeglicher Bedeutungsüberschuss ist abgeschliffen, übrig bleibt ein poetisches Flimmern zwischen der fast mathematischen Schönheit der Sprache und Klarheit der Bedeutung. Worte wie für die Ewigkeit, Zeugenschaft über ihre Zeit ablegend. Niemand ist näher zur Hauptschlagader jener amerikanisch geprägten letzten fünfzig Jahre vorgedrungen, um dort die gewaltsamen Schnittpunkte zwischen Körper, Gesellschaft, Technologie und Sprache auszuloten. Mehr als einmal wurde DeLillo zum Propheten erklärt.

In seinem knapp vor dem Beginn der Pandemie fertiggestellten, minimalistisch kurzen Roman «Die Stille» erzählt Don DeLillo jetzt von einer Katastrophe, die seine Figuren zwingt, sich in eine Wohnung zurückzuziehen, um dort die Entwicklung der Dinge abzuwarten. Das Ereignis bleibt unerklärt; klar ist einzig, dass sämtliche Elektronik aufgehört hat zu funktionieren. Flugzeuge fallen vom Himmel, die globale Kommunikation steht still, die Bildschirme sind schwarz.

Im Apartment einer Professorin und ihres Mannes war die Übertragung des Super Bowl einen Werbeblock entfernt. Ein befreundetes Paar, auf der Heimreise aus Paris, hat sich verspätet, zu Gast ist vorerst ein von Einsteins Theorien um Raum und Zeit besessener Physiklehrer. Mehr als einmal fällt dessen düsterster Satz: dass, egal wie der Dritte Weltkrieg verläuft, der Vierte mit Stöcken und Steinen ausgefochten werden wird. Aus dieser Konstellation entwirft DeLillo ein Kammerspiel, das die Bedeutung der Technologie für jeden Einzelnen im schockartigen Moment ihres Verschwindens seziert.

Es ist weder DeLillos bester Roman, noch ist es möglich, die kristallene Reduktion seiner Sprache ins unweigerlich konnotationsreichere Deutsche zu übertragen, auch wenn Übersetzer Frank Heibert sein Möglichstes tut. Als rätselhaftes, poetisches Zeugnis aus einer Zeit, in der sich Denken und elektronische Technologie nicht mehr trennen lassen, ist das Buch faszinierend.

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