Milo Rau : «Kannst du richtig weinen?»

Nr.  3 –

Für «Five Easy Pieces» hat der Schweizer Regisseur Milo Rau zum ersten Mal mit Kindern gearbeitet. Auch in diesem Stück geht es um das Trauma einer Nation.

«Mach schon, zieh dich aus – wie in den Proben!»: Rachel Dedain (links) spielt eines der Kinder im Folterkeller des belgischen Kinderschänders und -mörders Marc Dutroux. Foto: Ted Oonk

«Darf ich ein Lied singen?», fragt das Mädchen und blickt ins Publikum. Der Mann, der in der hinteren Hälfte der Bühne an einem Tisch sitzt, gibt ihr die Erlaubnis. Das Mädchen setzt zu «Imagine» von John Lennon an, begleitet am Keyboard von einem Jungen, und man bekommt Hühnerhaut, wenn es mit seiner kehligen Stimme präzise singt: «Imagine there’s no heaven.»

Denn der Satz bekommt hier, in diesem Kontext, eine ganz andere Bedeutung als in Lennons Original: Wir sind in Milo Raus Theaterstück «Five Easy Pieces», das sich mit dem belgischen Kinderschänder und -mörder Marc Dutroux auseinandersetzt. Und einen Himmel gab es tatsächlich nicht für die Mädchen, die er in seinem Keller einsperrte und missbrauchte, bevor er sie zum Teil lebendig begrub.

Grauenvoll und witzig

Rau, der mit seinem 2007 gegründeten International Institute of Political Murder stets Stücke über die gesellschaftlichen Krisenherde dieser Welt erarbeitet, setzt sich auch in seiner neusten Produktion mit dem Trauma eines Landes auseinander: Vor zwanzig Jahren erschütterte der Fall Dutroux ganz Belgien. Zum Schock angesichts seiner schrecklichen Taten kam der Skandal um die unzähligen Ermittlungspannen, die das Vertrauen der BelgierInnen in die Behörden zerstörten. In Zusammenarbeit mit dem Theater Campo aus dem belgischen Gent lässt Rau die Geschehnisse in fünf Szenen von belgischen Kindern zwischen acht und dreizehn Jahren erzählen und spielen. Wie sie das tun, ist bedrückend und grauenvoll, dann wieder witzig und skurril und im Ganzen schlicht grossartig.

Zu Beginn sitzen sechs Kinder auf dem Boden, in der Mitte der Bühne stehen fünf Stühle, hinten am rechten Bühnenrand sitzt ein Mann (Peter Seynaeve) an einem Pult und löchert die Kinder mit Fragen. Unangenehm ist das. Hinzu kommt, dass sein Gesicht riesig auf die Leinwand mitten im Raum über den Kindern projiziert wird. Sofort wird klar, wer hier die Macht hat: Dieser Erwachsene verfügt über diese Kinder, als Spielleiter, Regisseur und Castingdirektor.

Ein Machtverhältnis, mit dem das Stück immer wieder auf verschiedenen Ebenen spielt. Denn «Five Easy Pieces» ist ein Theater im Theater: Die Ausgangssituation ist eine Castingshow, in der die Kinder mitmachen. Hier setzen sie sich den Fragen und Wünschen des Direktors aus, erzählen in kindlicher Ungezwungenheit aus ihrem Leben sowie von ihren Wünschen und Ängsten. Und sie spielen Episoden rund um Dutroux – stets kommentiert vom Direktor, der auch gerne mal eine Szene wiederholen lässt oder sie abbricht. Die grossartig vorgetragenen Monologe, die auf Originaldokumenten basieren, tragen Titel wie: «Was ist Schauspiel?», «Über die Unterwerfung» oder «Was sind Wolken?».

Als ein Junge Dutroux’ alten Vater spielt, der aus seinem Leben erzählt, tadelt ihn der Direktor: «Du hast es mit der Schminke etwas übertrieben.» In einer anderen Szene spielt ein Junge den geschwätzigen Polizisten, der dabei war, als Dutroux verhaftet wurde. Der Direktor darauf: «Schweife nicht ab, es geht hier nicht um einen Polizisten und seine Hippiefamilie.»

Und in einer dritten Szene erzählt ein Junge als Vater eines entführten Mädchens aus der Zeit der Ungewissheit. Da fragt der Direktor: «Kannst du richtig weinen?» Damit es tatsächlich geht, bekommt der Junge eine Salbe unter die Augen gestrichen, und schon rollen ihm echte Tränen über die Wangen. Die einzelnen Szenen werden dabei vom Direktor oder einem Kind gefilmt und live auf die grosse Leinwand über der Bühne projiziert. Man sieht die Kinder also doppelt: im Theater und im Film, in klein und im Close-up ganz gross auf der Leinwand, in der Erarbeitung der Szene und im Ergebnis.

Ist das noch ein Spiel?

Somit ist «Five Easy Pieces» nicht nur ein Stück über Dutroux, sondern auch eine Auseinandersetzung mit dem Theatermachen und mit Macht, Manipulation und Machtmissbrauch: Denn die Kinder in der Castingshow sind dem Direktor ausgeliefert, wenn sie reüssieren möchten. Und dieser nutzt seine Macht unverschämt aus. Fast schmerzhaft wird dies in einer der stärksten, aber auch schlimmsten Szenen des Stücks spürbar: Die achtjährige Rachel Dedain spielt ein Mädchen in Dutroux’ Keller. Sie sitzt auf einem Bett, und der Direktor fordert sie auf, sich auszuziehen: «Nun mach schon, Rachel, wie in den Proben!» Und wenn er ihr selber die Socken auszieht, würde man am liebsten «Halt!» schreien. Ist das noch ein Spiel? Und selbst wenn, geht das Spiel hier nicht zu weit? Schliesslich sitzt Rachel nur noch mit einer Unterhose bekleidet da, blickt mit grossen Augen in die Kamera und erzählt, basierend auf dem Brief eines überlebenden Mädchens an seine Eltern, was Dutroux alles mit ihr anstellt.

Nein, trotz der kindlichen Unbeschwertheit, mit der das Thema immer wieder durchbrochen wird, sind diese «Five Easy Pieces» keine leichte Kost. Aber auch Igor Strawinskys Klavieretüden, die er vor hundert Jahren komponiert hat und deren Titel Milo Rau für sein Stück übernommen hat, sind anstrengende Fingerübungen, mit denen die Kinder des Komponisten das Klavierspielen erlernen mussten.

«Five Easy Pieces» in: Zürich ZHdK-Bühne gegenüber der Gessnerallee, Freitag, 28. Januar 2017 (ausverkauft), und Samstag, 29. Januar 2017, 18 Uhr. Nach beiden Vorstellungen Publikumsgespräch. www.gessnerallee.ch

Milo Raus neues Stück «Die 120 Tage von Sodom» hat am 10. Februar 2017 Premiere im Schauspielhaus Zürich. www.schauspielhaus.ch/de/play/698-Die-120-Tage-von-Sodom