Nr. 04/2017 vom 26.01.2017

Bis man am eigenen Verstand zu verzweifeln droht

Ein Buch wie ein Wimmelbild, ein Roman, der alle Plotregeln verdampfen lässt: Alexander Goldsteins «Denk an Famagusta» handelt vom Wahnsinn eines ganzen Jahrhunderts.

Von Lennart Laberenz

Vielleicht, meint man nach knapp der Hälfte des Romans «Denk an Famagusta» von Alexander Goldstein, kommt einem zupass, wenn man vor rund zehn Jahren einen Tag am Scheremetjewo verbracht hat. Wer am Inlandsterminal des Moskauer Flughafens, damals per Bus vom internationalen Teil zu erreichen, eine der epischen Verspätungen der Aeroflot durchlebte, sass in einem Wimmelbild des postsowjetischen Russland.

Da warteten Grossmütter mit Holzkörben, langbeinige Damen trugen festgefrorenen Unwillen im Gesicht, es roch nach Gurkensalat. Knubbelnasige Männer balancierten wattierte Schiffchen auf den Köpfen; Menschen in bunten Farben der Samen, Gesichter, die wohl mongolisches Klima fast zu Leder gegerbt hatte, Leopardenmuster auf allen Körperteilen, Fingernägel mit Strasssteinen. Männer in Anzügen aus Ballonseide, Männer in Anzügen aus Denim, Männer mit Kippa. Über dem Ausgang standen Versprechen ohne Zeitangabe: Samarkand, Almaty, Murmansk, Petropawlowsk-Kamtschatski. Familien teilten Ziegenkäse, teilten Brot, teilten Paprika; Männer hantierten mit klaren Flüssigkeiten, ein orthodoxer Priester mit Fusselbart schritt dahin: Solche Bilder, solch ein Gewimmel beschwört Alexander Goldsteins Roman herauf. Man taumelt durch kaleidoskopierende Abschweifungen, sitzt wie in Scheremetjewo, Inlandsterminal – man schaut zu, begreift erst mal nichts.

Kaskaden von Eindrücken

Denn «Denk an Famagusta» ist ein wunderbar aus der Form laufender Roman, ein schillerndes Farbenspiel, dem zu folgen hohe Konzentration und Geduld einfordert. Man fährt mit Zügen und in Zeiten, in denen putziges Personal Possen reisst, man ist bei brutalen Verhaftungen dabei, Erschiessungen und Anschlägen aller Art, schaut einer von Armut und Alkohol zerrissenen Obdachlosenehe an der Allenby-Strasse in Tel Aviv zu. Man geht ins Kino, man isst, man übersieht Märkte, hört die Stimme des osmanischen Staatspolitikers Enver Pascha auf einem Grammofon am Sabuncu-Bahnhof in Baku: «Ich will euch Tod und Todestrieb in eure Herzen pflanzen – die Feinde werden kommen wie Heuschrecken über uns und lassen uns nach dem Gemetzel kein Schlupfloch ins Leben.»

Man sitzt unter den Kaskaden von Eindrücken und merkt, dass man einen Roman in der Hand hält, der allen Bänden der Bestsellerlisten diametral entgegengesetzt ist: Hier verdampfen alle Plotregeln von Schreibkursen, all die Selbstfindungs- und Thesenromane, die Coming-of-Age-Dramen werden winzig.

Goldstein baut Handlungsstränge auf und durchkreuzt sie mit Gedankenströmen, Tagträumen. Beschreibungen verdichten sich zu Hypothesen, dann schwebt der Blick weiter. Es geht kreuz und quer durch die aserbaidschanisch-armenisch-türkisch-iranisch-russisch-sowjetisch-israelische Geschichte.

«Krümeliges, Kotiges»

Die LeserInnen werden in Landschaften gesetzt, so zerrissen, widersprüchlich, bunt und undurchdringlich wie Moskau-Scheremetjewo, Inlandsterminal, und man hält sich fest an schillernden Passagen, die einen durch die Wüste der eigenen Verständnislosigkeit tragen: «Ich ass Brot mit Butter, kostete Honig und Datteln zum Tee, das Leben, wenn man es in Prosa aufschreibt, wie es grad kommt, leuchtet trotz allem. In ihm sind blauschwarze Drosseln, die Katze, die ihre Krallen an der Baumrinde schärft, sorgenvoll summende Flügeltiere, Krümeliges, Kotiges, Trügerisch-Unsinniges. Wie der Tag hochsteigt, an Wärme und Licht gewinnt, so kommt alles, was uns lieb war, näher und näher, erglüht und erblüht, das Leben wird vielliebend und vielgeliebt (ist ein Unterschied, oder?), man muss nur hellhörig sein, damit der Stil gefällig rinnt in seiner Bahn, alle Trümpfe bei ihm, warum? Hexerei …»

An den Rändern der Sowjetunion

Alexander Goldstein wurde 1957 in Tallinn in eine jüdische Familie geboren; als er noch ein kleines Kind war, zog seine Familie nach Baku, 1991 siedelte er nach Tel Aviv um. Als Journalist verbrachte er auch hier sein Leben in der russisch-jüdischen Gemeinde, lernte kein Hebräisch. 2006 starb er an Lungenkrebs. «Denk an Famagusta» ist einer von drei Romanen, für die er Zeit hatte. Die biografische Randlage spielt unmittelbar in den Roman hinein: Dieser hangelt sich an den Rändern der Sowjetunion entlang, geografisch wie zeitlich. Ein Erzähler überblickt, grob aufgerissen, Begebenheiten in Aserbaidschan und Israel von den siebziger Jahren bis ins Jahr 2006. Die Stimme ist die eines Fremden, der den Alltag genau beobachtet, sich manches erklärt, sich über vieles wundert. Mit denen, die er beobachtet, geht er eine Strecke, bevor sie aus seinem Sichtfeld verschwinden. Sie verraten ihm etwas vom Ende der Sowjetunion, vom Leben in brüchigen Gefilden.

Ein anderer Aspekt ist das bunte Personal des Romans, das auf die Gründungsphase der UdSSR im Kaukasus blickt. Die Kulturgeschichte der Region gerät nach dem Ersten Weltkrieg weiter in Unordnung, als das Osmanische Reich vorrückt in der Absicht, die Turkvölker zu einen. Armenische Nationalisten wie Bolschewiken richten Massaker an unter der muslimischen Bevölkerung in Aserbaidschan, die Islamische Armee des Kaukasus drängt ins Bild, britische Truppen, die im Iran stationiert sind, tun das Ihre, bis die Rote Armee allem ein Ende setzt – und doch dauert es lange, bis die Kommunistische Partei ihren Machtanspruch bei den bunten, sich im Zweifel ziemlich verfeindet gegenüberstehenden Kohorten durchgesetzt hat. Das Zerbrechen von Welten, Zersplittern von Machtformen ist die Folie, über der Goldstein seine Figuren ausschüttet – manche real, manche fiktiv, viele etwas dazwischen. Allen glaubt man, dass sie unbedingt so dahergekommen sein müssen.

Darüber gerät Goldsteins Roman zu einer Bedrohung, man zweifelt am eigenen Verstand, an der Wachheit gegenüber der Erzählung und beginnt schliesslich, eher aus Not, laut zu lesen. Und hier ergibt sich etwas Seltsames – in der Sprache des von Regine Kühn über zwei Jahre herrlich übersetzten Werks findet sich plötzlich etwas, das einen vom Drang, alles zu verstehen, entspannt. Die vorbeieilenden Welten, das vorübergleitende Personal, die vergangenen Welten verdichten sich zu einem kaum fassbaren, bunten, synästhetischen Ton.

Der Wahnsinn des Jahrhunderts

Jetzt stellt man fest, dass «Denk an Famagusta» in bester Weise obskur ist: Der Autor hat beim Schreiben nie den Gedanken gewälzt, die LeserInnen im Blick zu haben. Es kostet Mühe, sich dem Roman zu nähern – er züchtigt die LeserInnen.

Aber Alexander Goldstein zu lesen, wird über seine Sprache und den Ton zum Festmahl, man schaut zu, verschlingt den Wahnsinn des Jahrhunderts, seine durch die Gewalt getauften und vom Tod gezeichneten Gestalten.

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