Nr. 04/2017 vom 26.01.2017

Im Herzen der Finsternis

Von Daniela JanserMail an Autor:in

Der Frauenmörder liegt auf der Intensivstation, ringt mit dem Tod. Wenige Meter daneben ist sein letztes Opfer unter Heizdecken begraben, auch sie muss wieder ins Leben zurückgeholt werden.

Nach einer zweiten Staffel, die trotz dramatischem finalem Schusswechsel schwach und fahrig wirkte, macht die BBC-Serie «The Fall» in ihrer dritten und letzten Auflage von Anfang an alles richtig. Und dies, gerade weil die Ermittlungen nicht in der scharfen Schusslinie der Strasse spielen, sondern im dämmrigen Zwischenreich von Medizin, Recht und Psychologie. Dass wir und alle ProtagonistInnen fast gar nicht mehr an die frische Luft kommen, trägt zur Beklemmung bei. Die wahre Sogwirkung geht aber vom Herzen der Dunkelheit aus, das die Geschichte einkreist und an dem eben nicht nur der Serienmörder (Jamie Dornan) und seine lange ahnungslos gebliebene Familie Anteil haben. Auch seine kriminalistische Gegenspielerin, die hochintelligente Spezialermittlerin Stella Gibson (Gillian Anderson: grossartig!), kann sich viel zu gut in das Dickicht seiner finsteren Fantasien hineindenken. In dieser dritten Staffel hat sie ihn scheinbar sicher eingekreist, sein Doppelleben als geliebter Familienvater und sadistischer Killer ist kollabiert. Doch kaum ist er wieder bei Sinnen, sucht er mit eiskaltem Kalkül eine neue Hintertür und tut so, als hätte ihm das Koma nach der Schussverletzung jede Erinnerung an seine Taten geraubt.

«The Fall» ist ein echter Psychothriller: Die Spannung wächst aus dem verquälten Seelenleben der Figuren. Und aus der Unberechenbarkeit, die der Killer ausstrahlt, sogar wenn er schwer bewacht und scheinbar halb tot im Spitalbett liegt. Gleichzeitig wird sein zerschossener Körper unter den kundigen Händen der MedizinerInnen auf eine Art und Weise zur blutigen Manövriermasse, wie man das in seiner brutalen Materialität noch selten im TV gesehen hat. Als ob sich die Macher von «The Fall» vorgenommen hätten, gleich die doppelte Bedeutung des Worts «Pathologie» auszuleuchten: eine krankhafte Psyche und der Ort, wo totes Fleisch unters Messer kommt.

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